Gletscherrückgang auf "ganz anderem Level"
Die Gletscher in der Schweiz sind zunehmend durch den Klimawandel bedroht. Im Jahr 2026 sind bereits mehr als 5 Prozent des Eises geschmolzen – der zweithöchste Wert seit Messbeginn.
01.10.2026 | 0:24 minWo früher noch eine riesige Eisschicht die Berge überzog, sind heute an vielen Stellen bloß noch Fels und Gestein zu sehen. Der Rhonegletscher im Schweizer Kanton Wallis verliert seit Jahren an Masse, in Rekord-Tempo.
Vor über zwanzig Jahren sei er schonmal hier gewesen, erklärt ein Tourist gegenüber ZDFheute. Da sei mehr Eis da gewesen. "Es ist traurig", so der Mann weiter. Auch Familienvater Simon, der den Gletscher mit seiner Familie besucht und ursprünglich aus England stammt, zeigt sich betroffen:
Wir haben die Kinder mitgebracht, solange sie es noch sehen können, weil wir nicht wissen, wann er ganz weg ist. Aber ja, er schmilzt schnell und das ist schade.
Simon
Der Klimawandel ist auch in den Alpen zu beobachten - Hütten fehlt das Wasser, Gipfel zerbrechen. Die Gefahren sind gegenwärtig, doch es gibt Möglichkeiten, den Regionen zu helfen.
16.09.2026 | 2:58 minGletscher schmelzen in Rekord-Tempo
Während des Sommers allein habe der Gletscher zehn Meter an Eisdicke eingebüßt, erklärt Forscher Matthias Huss von der ETH Zürich. "Das sind zweieinhalb Meter jeden Monat oder fast jede Woche einen Meter Eis." Seit Jahren beobachtet der Experte die Gletscherschmelze in den Alpen.
2026 wird uns in Erinnerung bleiben. Es war das zweitschlechteste Jahr unmittelbar nach 2022.
Matthias Huss, Gletscherforscher
Für ihren jährlichen Gletscherbericht, der an diesem Donnerstag erscheint, haben Huss und seine Mitarbeiteden den Eisverlust von 23 Gletschern ermittelt. Das Ergebnis: In diesem Jahr sei er außerordentlich stark. Insgesamt 5,5 Prozent an Volumen haben alle Schweizer Gletscher innerhalb eines Jahres verloren, so die Rechnung der Experten. Seit 2021 sogar fast zwanzig Prozent.
Veränderung des Eisvolumens
ZDFheute Infografik
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Fehlender Schnee und Hitze sorgen für rasanten Rückgang
Die Gründe für diese Entwicklung: Im Winter war die Schneedecke relativ dünn, das Schneedefizit damit schon vor Beginn der warmen Monate relativ groß. Im Sommer kam dann die Hitze dazu: "Die Sommermonate Juni bis August waren die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen", heißt es in dem Bericht. Zudem war die Sonneneinstrahlung hoch und Schneefälle blieben aus.
Für die Gletscher ein großes Problem: "Ein Gletscher lebt vom Schnee, der im Winter fällt und den ganzen Sommer über liegen bleibt", sagt Experte Huss. Mit dem Klimawandel gebe es nun weniger Schnee, der liegen bleibe. Weniger neues Eis wird gebildet und aufgrund der steigenden Temperaturen schmilzt das vorhandene Eis immer stärker.
So kommen wir in ein Ungleichgewicht und der Gletscher verliert sein Volumen und geht zurück.
Matthias Huss, Gletscherforscher
Seit 1990 gebe es einen kontinuierlichen Rückgang, "aber jetzt in den letzten fünf Jahren sind wir nochmal auf einem ganz anderen Level". Im historischen Vergleich habe sich die Schmelze in jenem Zeitraum verdoppelt "und das finde ich schon sehr eindrücklich", so Huss.
Laut einem Bericht des EU-Klimadiensts Copernikus und der Weltwetterorganisation schreitet der Klimawandel, vor allem in Europa, weiter voran. Besonders in den Alpen stiegen die Temperaturen.
29.04.2026 | 0:31 minRisiko für Felsstürze steigt
Die Auswirkungen dieser Schmelze sind schon heute deutlich spürbar. Denn Eis und Permafrost halten die Felsen zusammen, verbessern die Stabilität der Berge. "Wenn der Gletscher verschwindet, werden immer mehr instabile Flanken freigelegt", erklärt der Experte. Das sei ein Problem für Steinschläge und Bergstürze.
Und auch für die Stromversorgung der Schweiz könnte es Konsequenzen geben. Das Land bezieht nach Behördenangaben etwa nahezu 60 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft. Wenn die Gletscher kleiner werden, verlieren auch die für diese Art der Stromproduktion wichtigen Stauseen auf Dauer an Zulauf.
Abtauender Permafrost verändert die Alpen. Felsstürze und instabile Routen nehmen zu. Bergführer in der Schweiz müssen in der Ausbildung mit den neuen Risiken des Klimawandels umgehen lernen.
23.09.2026 | 2:09 minKonsequenzen auch für Stromproduktion
Beispiel Griessee: Der See speist sich aus dem Schmelzwasser des Griesgletschers. In diesem Jahr sei etwa am Griesgletscher "unglaublich viel abgeschmolzen", berichtet Huss. Das hat für einen besonders hohen Zulauf für den See gesorgt. In Zukunft aber könnte hier dann Wasserknappheit herrschen.
Ob Griesgletscher oder Rhonegletscher - an beiden Beispielen zeigt sich die drastische Gletscherschmelze im Alpenraum besonders drastisch. Hier schreitet der Verlust an Eisvolumen besonders schnell voran - bis irgendwann nichts mehr übrig ist. Auch in diesem Jahr wird die Schmelze weitergehen, ist Forscher Huss überzeugt. Der letzte September sei deutlich kühler gewesen, doch jetzt sei es warm, der Gletscher sei weiter geschmolzen. "Und das ist natürlich schlecht, wenn es nicht aufhört".
Im Oktober wird die Schmelze weitergehen.
Matthias Huss, Gletscherforscher
Damit wird sich der Verlust an Volumen weiter fortsetzen.
Über dieses Thema berichtete das ZDF in der "Volle Kanne"-Sendung am 01.10.2026 ab 09:05 Uhr.
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