Weg von Trump, hin zu Europa: Wird Kanada bald EU-Mitglied?

- Der Handelsstreit mit den USA treibt Kanada in die Arme Europas.
- Premierminister Carney will eine «einzigartige Allianz» mit der EU aufbauen – unter anderem in den Bereichen Energie, KI und Verteidigung.
- Eine Vollmitgliedschaft gilt als rechtlich kaum machbar, da der EU-Vertrag nur europäischen Staaten den Beitritt erlaubt.
Vor dem Hintergrund des eskalierenden Handelsstreits mit den USA wendet sich Kanada stärker der EU zu. Premierminister Mark Carney sagte Medienberichten zufolge am Sonntagabend in Toronto, sein Land strebe keine EU-Mitgliedschaft an, sondern wolle eine «einzigartige Allianz» mit der Europäischen Union aufbauen. «Wir teilen dieselben Werte, wir haben dieselben Prioritäten und wir verfügen über sich gegenseitig sehr ergänzende Stärken.»
Carney reagierte damit auf einen Bericht des «Wall Street Journals» vom Samstag. Die Zeitung hatte unter Berufung auf Vertreter der EU und Kanadas berichtet, Carney prüfe die Möglichkeit einer «assoziierten EU-Mitgliedschaft». Demnach sei auch die EU offen dafür. Seit Monaten gibt es laut dem Bericht Gespräche zwischen kanadischen und europäischen Beamten.
Das erhofft sich Kanada konkret
Geprüft werde unter anderem, wie Kanada an den europäischen Binnenmarkt angebunden werden könnte – etwa in Bezug auf Energie, Künstliche Intelligenz, Verteidigung und kritische Mineralien, heisst es in dem «WSJ»-Bericht weiter. Dann könnten Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräfte aus diesen Branchen reibungslos zwischen Europa und Kanada verkehren.
Seit dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump vor rund eineinhalb Jahren befinden sich die eng verflochtenen Nachbarstaaten Kanada und die USA in einem Handelskonflikt, der zuletzt mit Zöllen und Gegenzöllen eskalierte. Experten sind sich einig, dass beide Länder unter den Auswirkungen des Handelskonflikts leiden, sie insgesamt für die wesentlich kleinere Volkswirtschaft Kanada aber deutlich spürbarer sind als für die USA. Carney erhält in Kanada grosse Unterstützung für seine Reaktion auf Trumps Kurs, den dort viele als erratisch und ungerecht empfinden.
So unrealistisch ist ein Beitritt derzeit
Der Premierminister reist diese Woche nach Europa, wo er unter anderem vor dem Europäischen Parlament sprechen soll. Die EU ist Kanadas zweitgrösster Handelspartner nach den USA. Eine Umfrage aus dem April ergab, dass 57 Prozent der Kanadier eine EU-Mitgliedschaft unterstützen. Allerdings ist nicht klar, ob das nordamerikanische Land überhaupt berechtigt ist, dem Staatenbund beizutreten.
Artikel 49 des EU-Vertrags besagt, dass «jeder europäische Staat», der die gemeinsamen Werte «Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte» achtet, die EU-Mitgliedschaft beantragen kann. Geografische Kriterien für einen «europäischen Staat» werden darin zwar nicht genannt, doch ist es nur schwer vorstellbar, dass Kanada für diese Kategorie infrage kommt. 1987 wurde dem Mittelmeeranrainer Marokko eine Mitgliedschaft mit der Begründung verweigert, dass er kein europäischer Staat sei.
Beispiel Schweiz: Enge Beziehung auch ohne Mitgliedschaft möglich
Der Experte Ignacio García Bercero von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel hält eine EU-Mitgliedschaft Kanadas entsprechend nicht für eine «realistische Perspektive». Der EU-Parlamentarier Moreno Sánchez betonte, enge Beziehungen zur EU seien auch ohne Vollmitgliedschaft möglich, wie die Fälle Island und Schweiz zeigten.
Was hältst du davon, dass sich Kanada stärker an die EU annähern will?
Anders als bei der Schweiz ist der Transport von Waren zwischen Kanada und der EU allerdings mit erheblichen Kosten verbunden. Zudem wird Europa für Kanada niemals den US-Markt ersetzen. Im Juli gingen 70 Prozent der kanadischen Exporte in das Nachbarland, verglichen mit nur fünf Prozent in die EU. Dennoch gilt laut dem Europaparlamentarier Cremer: «Je enger wir zusammenarbeiten können, desto besser.»
Trump als unberechenbarer Faktor
Auch ohne Beitritt wäre die Europa-Annäherung wohl ein Zeitenwechsel mit vielen Herausforderungen für das nordamerikanische Land, wie die «Stuttgarter Zeitung» schreibt: «Der Schwenk nach Europa wäre die wohl intensivste Veränderung in der kanadischen Aussen- und Wirtschaftspolitik seit Generationen. Seit Menschengedenken sind die USA der wichtigste Handelspartner, im vergangenen Jahr hat das zweitgrösste Land der Welt 72 Prozent seiner Waren dorthin exportiert. So gross der Wunsch auch sein mag, sich von den Trump-USA zu emanzipieren, so kompliziert ist er bei den Details. Davon, dass ein wütender US-Präsident unberechenbar handeln könnte, mal ganz zu schweigen», so die deutsche Zeitung mit Hinblick auf die oft scheinbar willkürliche Vorgehensweise des US-Präsidenten.
Benedikt Hollenstein (bho) ist seit 2021 bei 20 Minuten. Er schreibt für den Newsdesk und übernimmt dort auch Tagesleitungsschichten.
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