Wie die Menschen in Cherson die Oleschky-Waffenruhe erlebten
Die Stadt Cherson im Süden der Ukraine wurde zu Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 schnell von den russischen Truppen eingenommen. Im November 2022 gelang es dem ukrainischen Militär jedoch, die Stadt zu befreien. Seitdem wurde Cherson fast täglich - also mehr als 1400 Tage - von Russlands Armee mit Artillerie und Raketen beschossen. Fliegerbomben und Antipersonenminen wurden über der Stadt abgeworfen und es erfolgten Angriffe mit Kampfdrohnen.
Laut der ukrainischen Militärverwaltung in Cherson wurden bei russischen Angriffen allein von Mai bis Oktober dieses Jahres 167 Menschen getötet und 2215 verletzt. Vergangene Woche legten die Russen eine Pause ein. Niemand hatte geglaubt, dass die vereinbarte Waffenruhe zur Evakuierung von Zivilisten aus Oleschky, der russisch besetzten Stadt am gegenüberliegenden Ufer des Flusses Dnipro, überhaupt halten würde.
Beschwerliche Wege zum Einkaufen
Seit Herbst 2024 sind die ständigen russischen Drohnenangriffe die größte Bedrohung für Cherson und die umliegenden Dörfer. In dem Gebiet leben derzeit etwa 75.000 Menschen. Im August wurden auch die Straßen der nördlichen Stadtteile, die leichte russische Drohnen bis dahin nicht erreichen konnten, zum Schutz mit Netzen abgedeckt.

Die übrigen Stadtteile am Ufer des Dnipro gelten schon längst als Todeszone. Vorbei an verkohlten Wohnblöcken, beschädigten historischen Gebäuden und Privatgrundstücken gehen wir vorsichtig eine Straße entlang. Ein älterer Mann kommt mit einem Einkaufstrolley auf uns zu. Andrij erzählt, er komme vom Einkaufen im Zentrum von Cherson und wolle nach Antoniwka, einem Ort am Dnipro, direkt gegenüber von Oleschky. Er hat noch acht Kilometer vor sich.
"Ich bin froh, dass wir jetzt den direkten Weg und nicht irgendwelche Pfade durch kniehohen Schlamm nehmen müssen", sagt er und fügt hinzu: "Wir leben in schwierigen Verhältnissen, ohne Strom und Wasser. Die Leute sammeln Regenwasser, weil sie nicht ans Flussufer können." 2023 wurden alle Versuche, die Wasserversorgung und das Stromnetz zu reparieren, aufgegeben.
Man könnte meinen, Antoniwka sei längst vollständig zerstört. Doch Andrijs Haus, wie er sagt, "steht noch". An eine Evakuierung denkt er längst nicht mehr, wie viele, denen wir begegnen. "Was bringt das?", fragt Wolodymyr, der gerade an uns vorbeigeht und sich dem Gespräch anschließt. Er und drei ältere Frauen leben in fünfstöckigen Wohnhäusern, die wie durch ein Wunder noch erhalten sind. "Wie soll ich in einer fremden Stadt mit 2000 Hrywnja (ca. 40 Euro) Umsiedlungsbeihilfe zurechtkommen? Hier habe ich meine Wohnung und meine Schwester in Kyjiw zahlt die Nebenkosten", sagt der Mann, der schon mehrere Bombenexplosionen überstanden hat, mit lauter, rauer Stimme.
Gelegenheit für dringende Reparaturen
Aus weiter Ferne sind Explosionen zu hören. Militärs sagen, das sei die laufende Minenräumung an beiden Ufern des Dnipro. Die Behörden warnen seit der Waffenruhe ununterbrochen vor der hohen Minengefahr. In den vergangenen Wochen hatten russische Drohnen die Region Cherson massenhaft mit Antipersonenminen übersät.

Mein Schulfreund Maksym hat mir ein Foto von diesen Minen in Tarnfarben geschickt. Sie würden TNT enthalten und ich solle darauf achten, wohin ich trete. Maksym arbeitet für das regionale Energieunternehmen und hat derzeit viel zu tun. Ganze Trupps von Elektrikern fahren zu Reparaturen in Dörfer, die sie seit Jahren nicht mehr aufgesucht haben. Er selbst transportiert eilig Reste der noch erhaltenen Ausrüstung aus einem Lager weg, das sich auf halbem Weg nach Antoniwka befindet.
Auch andere kommunale Dienste sind den ganzen Tag im Einsatz. Sie reparieren die Wasserversorgung und richten neue Luftschutzräume ein, beschneiden aber auch Rosen auf dem Platz vor dem zerstörten Gebäude der Regionalverwaltung und sammeln das Herbstlaub von den Straßen auf.
Russische Armee nutzt Waffenruhe aus
Die Friedensstraße, an deren beiden Seiten sich ein Markt erstreckt, ist mit Netzen überspannt. In ihnen liegen Wolken aus goldenen Herbstblättern. Das sehe schön aus, aber die Hauptsache sei, dass nicht nur der Markt, sondern auch die umliegenden Häuser vor Drohnen geschützt seien, sagt Tetjana, die in der Nähe wohnt und Pizza anbietet. Nachdem sie alles verkauft hat, unterhält sie sich mit einer Freundin, die Milchprodukte aus der benachbarten Region Mykolajiw mitgebracht hat.

Tetjana hat einen Hund, der Leontschyk heißt. "Wenn eine Drohne angeflogen kommt, schaut er mich fragend an, was er tun soll: Weglaufen oder sich verstecken? Oder er bellt die Drohne vom Balkon aus an. Vor zwei, drei Monaten brannten bei uns täglich Autos. Aber das ist meine Stadt, ich bin hier geboren, hier lebe ich", sagt die Frau.
Stände mit Sauerrahm, Obst, Fleisch und Sportbekleidung sowie Einkaufstrolleys säumen den Straßenrand. Die Bewohner der Stadt schlendern an ihnen vorbei, wie vor dem Krieg. "Die Leute sind rausgekommen und Autos fahren umher. Vorher hatte man alles in Eile erledigt", berichtet Oleksandra, die mit ihrer Tochter in die Stadt gekommen ist, um ihre Großmutter zu besuchen. "Ich wünschte, es bliebe so, aber alle haben Angst, dass die Waffenruhe endet und es dann wieder richtig schlimm wird", so die Frau.

Diese Ängste teilen sowohl die lokalen Behörden als auch das Militär. Ihren Angaben zufolge haben die russischen Truppen die Waffenruhe bislang ausgenutzt, um neue Kräfte, Munition und Ausrüstung ans linke Dnipro-Ufer zu schaffen. Der Telegram-Kanal "Von Mariupol in die Karpaten", der mit der russischen Drohnen-Einheit "Eskadron" am linken Dnipro-Ufer in Verbindung gebracht wird, schürt diese Ängste und droht. "Zivilisten müssen Cherson bis Mitternacht verlassen. Die Waffenruhe gilt nur bis zu einer besonderen Anordnung", schrieben die Admins, als die Evakuierung in Oleschky abgeschlossen war.
Fahrten mit Bussen und Taxis riskant
Der Bus Nr. 20, der früher von meiner alten Wohnung quer durch die ganze Stadt fuhr, legt heute etwas mehr als die Hälfte seiner einstigen Strecke zurück. Busfahrer Jewhen traut sich nicht in die Stadtviertel am Flussufer, obwohl es derzeit keinen Beschuss gibt. Der öffentliche Nahverkehr war eines der Hauptziele russischer Angriffe.
Die meisten Bewohner jener Viertel haben sie nach den russischen Luftangriffen im vergangenen Sommer verlassen. Viele von ihnen nutzen die Waffenruhe, um einen Blick auf ihre Häuser zu werfen. Taxifahrer verlangen für die riskante Fahrt bis zu 10.000 Hrywnja (ca. 200 Euro), wie Einheimische in sozialen Netzwerken berichten.
Am anderen Ende der Stadt, in einem Wohnhaus, nimmt Olha Tschorna, die alle einfach "Tante Olja" nennen, Bestellungen für Sozialtaxis entgegen. Täglich bringen etwa ein Dutzend Fahrzeuge lokaler Wohltätigkeitsstiftungen sowie der Stadtverwaltung ältere Menschen kostenlos zu Krankenhäusern oder Behörden.

Anrufe gehen unentwegt ein. Im Oktober beförderten Sozialtaxis über 460 Fahrgäste, weitere 110 Menschen wurden aus den "roten Zonen" der Stadt gebracht. Etwa zwei Drittel der Bevölkerung von Cherson gelten derzeit als schutzbedürftig, vor allem Rentner, berichtet Oleksandr Hontschar von der Stiftung "Stark, weil frei".
Behörden warnen vor Ende der Waffenruhe
Wir fahren dem Sozialtaxi zu einem der städtischen Krankenhäuser hinterher, wo die 90-jährige Lidija Mychajliwna abgeholt werden soll. Vor zehn Tagen waren wegen eines nahegelegenen Granateinschlags die Fenster ihrer Wohnung zu Bruch gegangen. "Mir war schlecht, ich war taub, erblindete, und jetzt geht es mir besser. Das ist schon das dritte Mal", sagt sie leise.

In dem zweistöckigen Wohnblock leben nur noch Lidija Mychajliwna und ein Nachbar. Die Häuser stehen leer, die Fenster sind mit Spanplatten vernagelt. In den ersten Kriegsjahren habe sie ihren Mann gepflegt, und nun sei es zu spät, irgendwohin zu gehen, erzählt Lidija, die niemanden mehr habe, zu dem sie gehen könne. Ihre einzige Urenkelin sei irgendwo im Ausland. "Es ist beängstigend, schmerzt und ist bitter", sagt sie ruhig über ihr einsames Leben im Krieg. Während der Waffenruhe wollte sie möglichst viel spazieren gehen.
Die regionalen Behörden haben die Einwohner aufgefordert, nach dem Ende der Waffenruhe besonders wachsam zu sein. Als am Montag der Himmel über der Region Cherson hell wurde, gab es wieder Warnungen vor russischen Drohnen. Aufklärungsdrohnen kreisen über der Stadt und Angriffsdrohnen über den umliegenden Ortschaften. Nach ersten russischen Angriffen sind erneut Opfer zu beklagen.
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