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Friday, September 25, 2026

Löst Vergesellschaftung das Wohnungsproblem?

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Blick auf die Wohn- und Geschäftshäuser in Marzahn-Hellersdorf, Berlin.

Mietmarkt Berlin Löst Vergesellschaftung das Wohnungsproblem?

Stand: 25.09.2026 • 10:40 Uhr

Die Linke will das Wohnungsproblem in Berlin mit einem noch nie eingesetzten Mittel angehen: Der Vergesellschaftung privater Wohnbau-Konzerne. Ökonomen sprechen von Tabubruch.

Heidi Radvilas

Wenige Tage nach ihrem Sieg bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin legt die Linke die Grundlage für Sondierungen mit den möglichen Koalitionspartnern SPD und Grüne - und damit auch für die Umsetzung eines der Kernthemen im Wahlkampf: die Vergesellschaftung des Wohnungsbestands privater Konzerne mit mehr als 3.000 Wohneinheiten in Berlin. Das beträfe rund 240.000 Wohnungen.

"Für mich ist klar, dass in einer Regierung auch vergesellschaftet werden muss, weil es ein Mittel ist, um Spekulationen vom Mietmarkt zu verdrängen", meint Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp. Was Eralp will, sofern die angedachten Sondierungsgespräche mit Grünen und SPD gelingen, hat es in der Bundesrepublik noch nie gegeben: Vergesellschaftung - also die zwangsweise Überführung von Privateigentum in die öffentliche Hand - sieht das Grundgesetz zwar mit Zahlung einer Entschädigung vor. Umgesetzt wurde das hierzulande aber noch nie.

Entschädigung unter Marktpreis?

Die meisten Ökonomen warnen davor. "Wie die Linke es plant, ist es ein echter Tabubruch", sagt etwa Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln gegenüber der ARD-Finanzredaktion. "Die Linke hat vor, unterhalb des Marktpreises zu kompensieren. Im Gespräch sind 40 bis 60 Prozent."

Das hieße, die betroffenen Wohnungsbaukonzerne - darunter Vonovia und die dazugehörige Deutsche Wohnen - würden mehr oder weniger nur die Hälfte dessen erhalten, was ein Verkauf der Wohnungen zum Marktpreis gebracht hätte. "Das wäre ein echter wirtschaftlicher Schaden für die Investoren. Und das hat weitreichende Folgen für den Standort", ist Voigtländer überzeugt.

Mietmarkt besonders angespannt

Thomas Beyerle von der Hochschule Biberach meint im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion: "Durch Vergesellschaftung entstehen keine neuen Wohnungen." Wenn nicht klar sei, dass das Eigentum vor staatlichem Zugriff geschützt sei, würden Investoren abgeschreckt - und zwar nicht nur Immobilien-Investoren, warnen zahlreiche Experten.

Die deutsche Hauptstadt hat einen der umkämpftesten Wohnungsmärkte der Republik: Zwar weist der Immobilien-Dienstleister Jones Lang LaSalle im ersten Halbjahr dieses Jahres einen leichten Rückgang bei den Durchschnittsmieten in der Hauptstadt aus.

Allerdings heißt es im JLL-Wohnungsmarktüberblick: "Trotz dieser leichten kurzfristigen Korrektur weist Berlin mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von plus 8,4 Prozent über fünf Jahre die stärkste langfristige Mietentwicklung unter den Big-Eight-Städten auf."

Neue Verträge ungleich teurer

Die Einwohnerzahl der Hauptstadt liegt mittlerweile bei rund 3,9 Millionen Menschen, Tendenz steigend. Prognosen zufolge fehlen Zehntausende Wohnungen. Vor allem bezahlbare, denn das Einkommensniveau ist oft niedrig. Ein Berlin-spezifisches Problem benennt darüber hinaus Beyerle von der Hochschule Biberach: "Die Bestandsmieten sind vergleichsweise günstig, aber bei neuen Mietverträgen schlagen viel höhere Quadratmeterpreise zu Buche."

Der Berliner Mietspiegel 2026 weist für den Bestand einen Mittelwert von 7,71 Euro pro Quadratmeter aus. Bei Neuvermietungen werden laut der aktuellen Wohnungsmarktanalyse des auf Berlin spezialisierten Maklers Guthmann 18 bis 22 Euro pro Quadratmeter ausgerufen. Heißt: Wer eine günstige Wohnung hat, zieht nicht aus, auch wenn sie inzwischen viel zu groß geworden ist.

Können Mieten stabilisiert werden?

Tom Krebs ist Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim. Er sagt, Neubau alleine reiche nicht zur Bekämpfung der Wohnungskrise. Er gehört damit zu den wenigen Ökonomen, die der geplanten Vergesellschaftung etwas abgewinnen können.

In einem schriftlichen Statement teilt er der ARD-Finanzredaktion mit: "Die Vergesellschaftung erhöht das Angebot an Wohnungen mit Mietpreisbindungen und trägt so zur Stabilisierung der Mieten in diesem Wohnungssegment bei. Natürlich braucht es zusätzlich den öffentlichen Wohnungsbau - man kann das eine tun, ohne das andere zu lassen."

Mehr öffentlichen Wohnungsbau brauche auch deshalb, weil viele private Gesellschaften zu wenig in neue Wohnungen investiert hätten, so Krebs.

Es braucht Neubau

Andere Experten fragen sich, wo das Geld für öffentlichen Wohnungsbau herkommen soll. Denn im Rahmen der geplanten Vergesellschaftung könnte die ohnehin klamme Haushaltskasse der Hauptstadt mit zusätzlich acht bis 36 Milliarden Euro belastet werden, schätzen Experten. Das sei abhängig davon, ob und wie deutlich die Entschädigung für die Vergesellschaftung unterhalb des Marktpreises liege.

Beyerle von der Hochschule Biberach meint: "Ökonomisch betrachtet ist das für die Stadt Berlin ein Sündenfall." Er empfiehlt stattdessen, das Geld nicht für Vergesellschaftung und Entschädigungen auszugeben, sondern gleich in den öffentlichen Wohnungsbau zu stecken. Und privaten Investoren eher Investitionsanreize wie eine solide Rendite zu bieten.

"Am Schluss sollte mehr gebaut werden", so der Experte. "Aber keine Luxuswohnungen, sondern für die breite Masse, bezahlbar, dann macht es ökonomisch auch Sinn."

Aktie von Vonovia gibt nach

Von den Vergesellschaftungsplänen wären vor allem der DAX-Konzern Vonovia und die dazugehörige Deutsche Wohnen betroffen, die in Berlin etwa 130.000 Wohnungen besitzen. Nach dem Wahlsieg der Berliner Linken hat der Aktienkurs von Vonovia diese Woche weiter nachgegeben. Die Immobilienwerte leiden jedoch allgemein unter steigenden Zinsen.

Ob und wann es tatsächlich zu Vergesellschaftungen kommt, ist ohnehin noch unklar. Selbst wenn die Linke sich damit durchsetzt, drohen jahrelange juristische Auseinandersetzungen mit den privaten Wohnungskonzernen. Außerdem plant die Bundesregierung ein Gesetz gegen solche Vergesellschaftungen.

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