Jagen ist auch Frauensache – Bei Bonobos jagen öfter die Weibchen

Bisher war nur bekannt, dass Bonobo-Weibchen ab und zu am Boden nach Waldantilopen jagen. Neu ist, dass die Weibchen auch in den Bäumen andere Affen jagen. Und dass Weibchen gesamthaft etwas häufiger jagen als Männchen – in 60 Prozent der angeschauten 415 erfolgreichen Jagdversuchen, die in dieser Studie analysiert wurden.
Warum ist das spannend?
Diese Ergebnisse stellen die bisherige Annahme in Frage, wonach die Jagd bei Menschenaffen in erster Linie eine Tätigkeit der Männchen sei. Und Weibchen dies nur dann täten, wenn das Risiko, dabei verletzt zu werden, nicht zu hoch wäre. So würde der von den Weibchen abhängige Nachwuchs weniger gefährdet werden.
Grund für diese Annahme war, dass bisher Bonobo-Weibchen nur am Boden jagend beobachtet wurden. Zum Beispiel auf Waldantilopen, was kein grosses Verletzungsrisiko birgt. Als die grossen Jäger unter den Menschenaffen galten bisher die Schimpansen. Bei ihnen jagen vor allem die Männchen. Nun zeigt sich aber: Bei Bonobos jagen Weibchen genauso oft andere Affen wie das Männchen tun.
Dominanz statt risikoscheu bestimmt das Jagen
Die Schlussfolgerung der Autorinnen und Autoren dieser Studie ist, dass das Jagdverhalten bei Menschenaffen wohl eher vom Dominanzverhalten abhängt als von der Risikobereitschaft.
Wenn also beide Geschlechter wie bei den Bonobos ähnlich dominant sind, dann jagen beide. Und wenn Männchen dominanter sind, so wie bei den Schimpansen, dann jagen vor allem die Männchen.
Jägerinnen, Sammler, Jäger, und Sammlerinnen
Bonobos, Schimpansen und Menschen haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor etwa fünf bis sieben Millionen Jahren lebte. Früher war die Annahme verbreitet, dass bei diesem Vorfahren wie bei späteren Steinzeitmenschen die Männchen jagten und die Weibchen sammelten. Doch das stimmt nicht.
Im Rahmen einer Studie führten zwei Anthropologieforschende 2017 eine Bildsuche auf Google durch. Unter dem Suchbegriff «prehistoric humans» fanden sie zahlreiche Darstellungen prähistorischer Menschen. Aus den Treffern wählten sie alle Bilder aus, auf denen Personen zu sehen waren. Insgesamt umfasste die Auswahl 92 Bilder mit 454 dargestellten Individuen.
Anhand äusserlicher Merkmale teilten sie die dargestellten Personen, wenn möglich, einem Geschlecht zu. Männer waren häufiger abgebildet und gingen einer grösseren Vielfalt an Tätigkeiten nach. Bei der Tätigkeit des Jagens waren von den 222 abgebildeten jagenden Personen 206 Personen männlich und nur 16 weiblich. Die Bildanalyse zeigt auf, wie stark geschlechtsspezifische Vorurteile unsere Vorstellungen vom Leben prähistorischer Menschen prägen.
Paläontologische und archäologische Forschung zu Skeletten und Grabbeigaben liefern Beweise, dass weibliche Individuen entlang der gesamten Abstammungslinie des Homo sapiens gejagt haben – und auch in den Krieg gezogen waren.
Und beim heutigen Menschen?
Da wird es komplizierter. Es lohnt sich, dabei den sogenannten «naturalistischen Fehlschluss» zu berücksichtigen. Dieser besagt: Nur weil etwas in der Natur vorkommt, ist es nicht automatisch gut. Solche Beobachtungen beschreiben nur einen Ist-Zustand. Doch ob Menschen etwas als richtig oder falsch bewerten, muss in einem zweiten Schritt bestimmt werden.
Wann ist ein Argument gültig?
Ein Argument ist genau dann gültig, wenn alle Annahmen wahr sind und die Schlussfolgerung zwingend aus diesen Annahmen folgt. Somit kann ein Argument auf zwei Arten widerlegt werden: Wenn mindestens eine dieser Annahmen faktisch falsch ist oder wenn die Schlussfolgerung nicht zwingend aus diesen Annahmen folgt.
Dazu ein Beispiel eines naturalistischen Fehlschlusses: «Schlussfolgerung: Frauen sollten nicht ausser Haus arbeiten, sondern Beeren einmachen und den Kindern schauen. Annahme: Denn das taten sie bereits zu Urzeiten, während Männer todesmutig Mammuts erlegten.» In diesem Beispiel bezieht sich die Tatsachenbeschreibung auf früher. Diese Beschreibung kann sich auch auf das Heute beziehen. Also zum Beispiel: «Frauen sollten nicht ausser Haus arbeiten, sondern Beeren einmachen und den Kindern schauen. Denn so sind wir eben, das zeigen unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen – die Männchen jagen, die Weibchen schauen dem Nachwuchs.»
Das Einzige, was die Struktur solcher Trugschlüsse retten könnte, wäre die zusätzliche Annahme: Und alles aus der Natur ist richtig und gut. Doch das würde auch für all das in der Natur gelten, was wir Menschen als moralisch verwerflich ansehen, also zum Beispiel Vergewaltigungen bei Schimpansen oder Kindstötung durch Löwen.
Und auch mit Annahmen, die wahr sind, bleibt ein naturalistischer Fehlschluss ungültig. Auch diese Aussage ist deshalb ein Trugschluss: «Frauen sollten ausser Haus arbeiten, da schon bei unseren Vorfahren Frauen wie Männer jagten.» Oder, mit der zeitgenössischen Begründung, «da auch bei unseren nahen Verwandten, den Bonobos, die Weibchen jagen.» Denn diesem Argument fehlt auch in dieser Form die ausformulierte Annahme, dass alles aus der Natur auch als wünschenswert und richtig gelten soll.
Somit folgt weder aus der früheren Annahme, dass bei Menschenaffen nur die Männchen jagen, irgendetwas über die «natürliche» Rollenverteilung beim Menschen. Noch bestätigen die jagenden Weibchen bei Bonobos, wie Frauen sich heute verhalten dürfen.
Was diese Studien bei Bonobos zeigen: Jagen ist bei Menschenaffen keine rein männliche Tätigkeit und somit nicht zwingend an ein Geschlecht gebunden. Früher wurde angenommen, Weibchen jagen nicht, um dem Risiko von Verletzungen zu entgehen. Heute vermutet das Forschungsteam jedoch eher, dass das Jagdverhalten bei Menschenaffen vom Dominanzverhalten abhängt.
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