Bundesrätlicher Pflichttermin – Bonjour Tristesse: Willkommen zur jährlichen Prämienexplosion

Bundesrätlicher Pflichttermin Bonjour Tristesse: Willkommen zur jährlichen Prämienexplosion
Alle Jahre wieder treten die Gesundheitsminister mit finsterer Miene ans Podium. Das macht schon beim Zuschauen weh.
30.09.2026, 05:52
Hauptursachen für die Prämienexplosion sind die Überalterung der Bevölkerung, die ständig steigenden Spitaltaxen und Ärztetarife…
Gesundheitsminister können diese Worte im Schlaf murmeln. Schliesslich treten sie jeden Herbst zum gewohnten Ritual an: Mit Grabesgesicht und belegter Stimme verkünden sie, um viel die Krankenkassenprämien im kommenden Jahr ansteigen. Traumjob Bundesrat...
Allerdings: Das Zitat oben stammt vom 24. August 1981. Es ist das erste Mal überhaupt, dass der Begriff «Prämienexplosion» in der Schweizer Mediendatenbank auftaucht. Ausgerechnet in der nüchternen NZZ.
Das Problem: Wer schon damals von «Prämienexplosion» sprach, hatte sein Pulver verschossen. Denn dafür, was seit der Jahrtausendwende passiert ist, fehlen die Superlative. So ist die mittlere Krankenkassenprämie seit Einführung der obligatorischen Grundversicherung im Jahr 1996 von 128 auf 412 Franken angestiegen.
Die neuste Hiobsbotschaft überbrachte Elisabeth Baume-Schneider am Dienstag. Nicht nur Helvetia musste leer schlucken, als sie den Worten der SP-Bundesrätin lauschte.
Ein kleiner Trost für «EBS»: Ihre Vorgängerinnen und Vorgänger hatten den gleichen unseligen Pflichttermin. Und. Das. Jedes. Jahr. Von. Neuem. So auch Baume-Schneiders Parteikollegin aus dem Kanton Genf. Am 8. Oktober 1999 sprach Ruth Dreifuss ins SRF-Mikrofon. Ein Trauerspiel im 4-zu-3-Format.
Wie viele Menschen den Fernseher ausschalteten, ist nicht überliefert.
Bundesrat Couchepin lupft's den Hut
«Don’t shoot the messenger» (deutsch: «Schiess nicht auf den Boten»), sagte sich Pascal Couchepin im Herbst 2005. Sichtlich angesäuert trat der Walliser FDP-Bundesrat vor die Kamera.
Ob der Bundesrat tatsächlich keinen Einfluss auf die Entwicklung der Prämien hat, sei dahingestellt. Menschlich war der Auftritt verständlich. Das Gesicht der «Prämienexplosion» möchte definitiv niemand sein.
Feste Kulisse für das Polit-Drama
Schliesslich verlagerte sich das Theater des Schreckens ins «Medienzentrum Bundeshaus», gleich neben dem gleichnamigen Gebäude. Dort gab auch Didier Burkhalter – mehr oder weniger freiwillig – den Zeremonienmeister. Immerhin: 2012 durfte der FDP-Magistrat einen «moderaten Prämienanstieg» verkünden. Und blickte etwas gar optimistisch in die Zukunft.
Ikonische Glatze, markante Augenbrauen, massgeschneiderter Anzug. Und eine ruhige, sonore Stimme, die der Schwere des Anlasses gerecht wurde. Geradezu filmreif inszenierte Alain Berset eine ganze Serie von «Prämienexplosionen». Und fand manchmal sogar tröstende Worte. Unterlegt mit «Grafiken, die eine Tendenz zeigen, die eher in die richtige Richtung geht. Also generell.»
Rückblickend mag es die «perfekte» Vorbereitung für die Zeit gewesen sein, in der Berset versuchte, die aufgeschreckte Nation durch die Pandemie zu schleusen. Doch es half alles nichts: Auch unter Berset stiegen die Prämien weiter an.
Und wer ist jetzt Schuld?
Seit zwanzig Jahren hat die «Prämienexplosion» also ihre feste Kulisse. Bundesräte, flankiert von Bundesbeamten und Bundeskanzlern, schreiten mit ernster Miene ans Podium. Davor Dutzende Medienschaffende, mit ihren bohrenden Schuldfragen. Und draussen vor der Tür eine Nation vereint in ohnmächtiger Wut. Bonjour Tristesse.
Wer Schuld am Schlamassel ist, bleibt nebulös. Auf Spurensuche geht aus aktuellem Anlass der SRF-Podcast News Plus. So wird es wohl auch nächsten Herbst heissen: Erst Prämienexplosion, dann Zeitumstellung. Aber immerhin ist bald Weihnachten.
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