Frontstadt im Ukraine-Krieg – Hungertod droht: Rund 2000 Menschen in Oleschky eingeschlossen

Aus dem südukrainischen Oleschky treffen alarmierende Meldungen ein: Demnach hat Russland die Stadt bei Cherson abgeriegelt und lässt die Bevölkerung aushungern. SRF-Korrespondentin Judith Huber über die dramatische Lage der 2000 Menschen, die noch in der Stadt leben.
Judith Huber
Osteuropa-Korrespondentin
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Vor ihrer Tätigkeit als Osteuropa-Korrespondentin war Judith Huber als Sonderkorrespondentin für die Ukraine und als Auslandredaktorin tätig. Sie war zudem jahrelang Produzentin der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF. Judith Huber befasst sich seit Jahren mit Osteuropa und Russland und mit anderen Ländern des postsowjetischen Raums. Sie spricht sowohl Russisch als auch Ukrainisch.
Was ist über die Lage der Menschen bekannt?
Es gibt schon länger weder Strom noch Gas und auch keine medizinische Versorgung. Nun sind auch die Lebensmittel ausgegangen. Weil die Zugangsstrassen vermint wurden und Fahrzeuge beschossen werden, kommen keine Lebensmittel mehr in die Stadt. Auch eine Flucht ist inzwischen unmöglich.
Die letzte grössere Evakuation fand im Mai statt. Die verbliebenen Einwohner und Einwohnerinnen berichten, sie hätten die Vorräte aufgebraucht und im Sommer von dem gelebt, was sie selbst anbauen konnten. Nun aber kommt der Winter. Es gibt Berichte, wonach schon einige schwächere Menschen, Alte und Kranke, gestorben sind.
Auf diese Quellen stützt sich die SRF-Korrespondentin
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Bei ihrer letzten Reise in die Ukraine konnte SRF-Korrespondentin Judith Huber mit Geflüchteten aus der Region sprechen. Diese bestätigten, wie dramatisch die Lage der Menschen in Oleschky ist. Auch mehrere internationale und ukrainische Medien konnten in den vergangenen Tagen mittels Textnachrichten mit eingeschlossenen Menschen kommunizieren.
Auch ein Bericht von Human Rights Watch schildert, wie prekär die humanitäre Lage in Oleschky ist. Dazu kommen entsprechende Äusserungen eines Sprechers des UNO-Generalsekretärs Antonio Guterres und des Europarats sowie von diversen ukrainischen Behördenvertretern.
Ausserdem zeigen Satellitenaufnahmen der ukrainischen Armee zerstörte zivile Autos auf den Zufahrtsstrassen, vereinzelt sogar Leichen auf den Strassen, die nicht geborgen werden konnten.
Gibt es Bemühungen, die Menschen dort zu retten?
Die Ukraine ruft schon lange nach einer Waffenruhe, um die Menschen evakuieren zu können. Nach ukrainischen Angaben ist auch das IKRK bereit, mitzumachen. Aber Russland habe bisher nicht eingewilligt. Die Evakuierungen durch private Freiwillige haben seit Frühling aufgehört, weil es zu gefährlich wurde. Was die Nahrungsmittel angeht, kam die letzte grosse humanitäre Lieferung im Frühling an. Nach ukrainischen Angaben sollte Anfang September ein Konvoi Lebensmittel bringen, aber er sei von den Russen angegriffen worden.
Aus dem Kreml heisst es, die Ukraine habe den Konvoi angegriffen, was ich für unwahrscheinlich halt. Denn die Ukraine versucht immer wieder, die Hungernden zu versorgen. Dieses Wochenende haben die ukrainischen Streitkräfte mit Drohnen humanitäre Hilfe auf Oleschky abgeworfen. Allerdings kam wohl nur ein Teil bei den Bedürftigen an. Ausserdem sollen die Russen angekommene Pakete konfisziert oder die Hungernden sogar dafür bestraft haben, die Pakete genommen zu haben.
Warum nimmt Russland seine Verantwortung als Besatzungsmacht nicht wahr?
Russland hat Oleschky seit Kriegsbeginn besetzt. Und Russland ist für die Zivilbevölkerung verantwortlich, auch während Kriegshandlungen. Oleschky ist inzwischen eine Frontstadt, sie liegt am Ufer des Dnipro, gegenüber der ukrainischen Stadt Cherson. Die russischen Truppen greifen unter anderem von Oleschky aus Cherson an, vor allem mit Drohnen, und die ukrainischen Streitkräfte schiessen zurück.
Es ist nicht im Detail festzustellen, wer für welche Zerstörung verantwortlich ist. Doch die Ukraine versucht schon lange, die Zivilbevölkerung zu evakuieren und zu versorgen. Die russischen Besatzer verhindern das aber.
Warum lässt Russland die Menschen nicht fliehen?
Dafür dürfte es verschiedene Gründe geben. Einerseits ist die ukrainische Zivilbevölkerung dem russischen Militär ganz offensichtlich egal. Oder es betrachtet sie sogar als Feind, wie es die Propaganda behauptet. Ausserdem sind die russischen Soldaten nicht gut versorgt, sie nehmen den Bewohnern wohl auch deshalb das Essen weg. Zudem gibt es ernstzunehmende Stimmen, die geltend machen, die Russen benützten die Bevölkerung als menschliche Schutzschilder. Um damit zu verhindern, dass die Ukrainer eine gross angelegte Gegenoffensive auf Oleschky starten können. Das ist durchaus plausibel.
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