Wie sieht die Zukunft der Raffinerien aus?
Mineralölwirtschaft Wie sieht die Zukunft der Raffinerien aus?
Stand: 24.10.2026 • 03:06 Uhr
Deutschlands Raffinerien stehen vor einem grundlegenden Wandel: Weg von fossilen Rohstoffen, hin zu klimafreundlicheren Alternativen. Wirtschaftsministerin Reiche will dafür eine Strategie vorlegen. Doch Experten sind skeptisch.
Von Oda Lambrecht, ARD-Hauptstadtstudio
Die Herausforderung könnte kaum größer sein: Heute sind die Menschen in Deutschland noch auf die Rohölprodukte der Raffinerien wie etwa Benzin, Diesel oder Kerosin angewiesen. Gleichzeitig hat sich Deutschland verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden und damit aus der Nutzung von Kohle, Öl und Gas auszusteigen.
Was bedeutet das für die Zukunft der Raffinerien? Und wie möchte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) Versorgungssicherheit auf der einen und dem Klimaschutz auf der anderen Seite gerecht werden? Die Ministerin hat sich nun in Berlin unter anderem mit Vertretern der Mineralölwirtschaft getroffen, denn in den kommenden Monaten plant sie, eine Strategie für die Raffinerien zu erarbeiten.
Reiche: Raffinerien Teil der strategischen Infrastruktur
Zu Beginn ihrer Rede lobt Reiche die Branche: "In der Presse hören Sie eher täglich das Gegenteil, aber ich will Ihnen sagen, dass wir die Arbeit und das, was an Versorgungssicherheit aus den Raffinerien kommt, sehr schätzen." Raffinerien machten aus Rohöl Produkte, die die Wirtschaft und auch das tägliche Leben antrieben, so Reiche.
An elf Standorten in Deutschland produzieren sie einen Großteil des Kraftstoffbedarfs im Straßen-, Schiffs- und Luftverkehr. Außerdem liefern sie Rohstoffe für die Chemie- und Pharmaindustrie, die daraus unter anderem Kunststoffe und Medikamente herstellen. Die Ministerin betonte, Raffinerien seien so Teil der strategischen Infrastruktur.
Reiche fordert, die Raffinerien müssten ihre Anlagen nun schrittweise umbauen, um den Bedarf zunehmend aus nachhaltigen statt aus fossilen Quellen zu decken. In den Raffinerien könnten künftig auch biogene Kraftstoffe - also Kraftstoffe aus Biomasse wie etwa Pflanzen oder gebrauchten Speiseölen - und synthetisches Flugbenzin hergestellt werden. Dafür seien allerdings Investitionen in Milliardenhöhe erforderlich.
Deutsche Mineralölwirtschaft sieht Wettbewerbsnachteil
Der energiepolitische Sprecher der Grünen, Michael Kellner, ist allerdings skeptisch, dass die Mineralölwirtschaft daran ein Interesse hat. Das Gute sei zwar, so Kellner, dass die reichen Ölkonzerne genug Geld für die nötigen Investitionen hätten. Doch der Grünen-Politiker meint, sie scheuten diese, weil es bequemer für sie sei, weiter Öl und damit das Klima zu verbrennen.
Die Mineralölbranche streitet das zwar ab, aber gleichzeitig beklagt der Hauptgeschäftsführer ihres Wirtschaftsverbandes Fuels und Energie, Christian Küchen, die Klimaschutzvorgaben innerhalb der Europäischen Union. Grundsätzlich müssen Unternehmen in der EU im Rahmen des sogenannten Emissionshandels Verschmutzungsrechte kaufen, wenn sie klimaschädliche Treibhausgase verursachen.
Die deutsche Mineralölwirtschaft sieht darin international einen Wettbewerbsnachteil. In anderen Weltregionen gäbe es diese Art der CO2-Bepreisung nicht, der Emissionshandel wirke so im Moment wie eine Strafsteuer, die nur europäische Standorte hätten, sagt Verbandsvertreter Küchen dem ARD-Hauptstadtstudio.
Katastrophe für den Klimaschutz?
Bundeswirtschaftsministerin Reiche unterstützt die Mineralölwirtschaft und möchte sich dafür einsetzen, dass der Emissionshandel die Raffinerien nicht zu sehr belastet. Sie macht sich auch dafür stark, dass eine weitere Klimaschutzregel - die sogenannte Methanverordnung - verschoben wird. Die Verordnung soll dafür sorgen, dass in der Öl- und Gasindustrie weniger große Mengen des klimaschädlichen Treibhausgases Methan entweichen.
Wenn die EU-Methanverordnung so umgesetzt würde, würde das zur Schließung von hiesigen Raffinerien führen, so Reiche, Klimaschutz sei wichtig, aber die einheimische Produktion durch Importe zu ersetzen, schütze das Klima nicht. "Am Ende verlagern wir Emissionen, verlagern wir Wertschöpfung und verlagern wir Sicherheit an andere Orte der Welt", sagt die CDU-Ministerin.
Grünen-Politiker Kellner wirft Reiche vor, dass sie versuche, das fossile Geschäftsmodell zu retten, ansonsten würde sie nicht versuchen, die Methanverordnung und den CO2-Handel zu schleifen. "Das ist eine Katastrophe für den Klimaschutz", erklärt Kellner.
Ökonomin fordert Transformation
Auch die Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen (DIW) fordert, die Raffineriestrategie müsse eine Transformationsstrategie sein, keine Bestandsgarantie für fossile Geschäftsmodelle. Grundsätzlich könnten Raffinerien künftig eine wichtige Rolle für nachhaltige Flugkraftstoffe, Wasserstoff und nichtfossile Grundstoffe spielen, so Kemfert.
Allerdings würden synthetische Kraftstoffe nicht zwangsläufig von heutigen bekannten Raffineriebetreibern hergestellt, erklärt die Energieexpertin. Auch neue Unternehmen könnten sich hier behaupten, bestehende Standorte müssten sich also im Wettbewerb behaupten.
Haben Raffinerien eine Zukunft?
Dabei stünden die Raffinerien aktuell unter erheblichem Druck, erklärt der Präsident und wissenschaftliche Geschäftsführer des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, Manfred Fischedick, nicht nur durch Einschränkungen im weltweiten Rohölhandel, sondern auch durch die erwartete sinkende Nachfrage.
Berechnungen gingen davon aus, dass die Nachfrage nach Mineralölprodukten bis zum Jahr 2045 auf nur noch zwanzig Prozent des heutigen Niveaus sinken könnte, so Fischedick. Dazu käme dann die Herausforderung, die verbleibenden Produkte klimaneutral herstellen zu müssen, was nur über signifikante Veränderungen bei der Produkt- und Rohstoffpalette zu erreichen sein werde, schreibt der Energieexperte.
Dennoch sieht Fischedick für die Raffinerien eine Zukunft, auch wenn deren Zahl voraussichtlich sinken werde. Er weist allerdings gleichzeitig darauf hin, dass sich gerade in China Produktionskapazitäten für nachhaltige synthetische Flugkraftstoffe - sogenannte eSAF - entwickelten – auch mit Blick auf zukünftige Absatzperspektiven in Europa.
Reiche für langfristige Strategie
Bundeswirtschaftsministerin Reiche möchte jedenfalls Ende November mit verschiedenen Arbeitsgruppen starten und so zusammen mit der Mineralölwirtschaft, der Industrie, Gewerkschaften, Händlern, Bundesländern und den beteiligten Ministerien eine Strategie für die Zukunft der Raffinerien erarbeiten.
Wie die genau aussieht, und ob sie am Ende tatsächlich den Raffinerien und dem Klima hilft, werden die Ergebnisse zeigen, die die Ministerin für das erste Quartal im kommenden Jahr erwartet. Auf dieser Grundlage soll die Bundesregierung schließlich ihre Strategie beschließen.
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