«Fühle mich ‹fake›, weil ich als Griechin kein Griechisch kann»

- Vier Frauen mit ausländischen Wurzeln erzählen, wie es sich anfühlt, die Sprache ihrer Eltern oder Grosseltern kaum zu sprechen.
- Die fehlenden Sprachkenntnisse lösen bei allen ein Gefühl der Zerrissenheit aus – zwischen zwei Kulturen, aber in keiner ganz zu Hause.
- Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung hat Migrationshintergrund; mehrsprachig aufzuwachsen ist weit verbreitet.
Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung hat Migrationshintergrund. Für viele ist es normal, mit zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen. Doch auch wenn man die Sprache der Eltern versteht, fällt es vielen nicht leicht, sie zu sprechen.
Diese Erfahrung haben auch Leserinnen aus der 20-Minuten-Community gemacht. Alle vier haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und zum Teil unterschiedliche Gründe, warum sie die Sprache der Eltern nicht beherrschen. Doch die vier sagen alle: Die Sprache sei ein grosser Grund, warum sie eine Zerrissenheit spüren, was ihr Bezug zur Kultur ihrer Eltern anbelangt.
Deutsch fällt ihr leichter
Die Eltern von A. (22) stammen aus Sri Lanka, zu Hause sprechen sie Tamilisch. Trotzdem sagt A.: «Tamilisch ist meine erste Muttersprache. Aber heute bin ich der deutschen Sprache mächtiger.» Das Thema beschäftigt A., denn es beeinflusst auch die Beziehung zu ihren Eltern.

«Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht zeigen kann, was ich fühle und denke. Die Worte fehlen mir auf Tamilisch.» So sei es manchmal schwierig, komplexe Fragen oder tiefgründige Gespräche zu führen. «Gleichzeitig fühle ich mich nie ganz vollständig. Ein Teil fehlt mir.»
Sie lernte nur Deutsch
Elena (21) hingegen spricht die Herkunftssprache ihrer Mutter gar nicht: «Sie kam mit 19 Jahren aus Montenegro alleine in die Schweiz.» Als eine der wenigen Ausländerinnen habe die Mutter Ausgrenzungen und Anfeindungen erlebt. «Mir wollte sie das ersparen. Deshalb sprach sie konsequent Deutsch mit mir.»
«Ich bin zwar dabei, aber fühle mich irgendwie ausgeschlossen»
Gleichzeitig sei die Kultur der Mutter ein grosser Teil ihres Aufwachsens gewesen, so Elena. «Sei es das Essen, grosse Hochzeiten oder Ferien, die wir immer in Balkanländern verbracht haben. Ich fühle mich der Balkankultur auch zugehörig.»
Mutter muss übersetzen
Auch ihr Vater hat Wurzeln im Ausland, wuchs aber in der Schweiz auf. Die meisten seiner Verwandten leben in der Schweiz und sprechen Schweizerdeutsch. Anders sei es bei der Mutter. «Meine Grossmutter spricht nur Serbokroatisch. Wenn ich sie besuche, muss meine Mutter übersetzen. Ich fühle mich dann meistens nicht dazugehörig. Ich bin zwar dabei, aber irgendwie ausgeschlossen.»
Elena hat sich schon überlegt, einen Sprachkurs zu machen. «Aber es ist schwierig. Meine Mutter spricht Montenegrinisch. In der Nähe gibt es keine Schulen, die die Sprache anbieten.»
«Bin ich Griechin, oder nicht?»
Alyssia (24) ist Halb-Griechin. «Ich wurde als Kind in den Griechisch-Unterricht geschickt, aber es hat nicht viel gebracht.» Ihre Mutter wuchs in der Schweiz auf, bei Alyssia zu Hause wurde Schweizerdeutsch gesprochen. «Meine Mutter fand es komisch, Griechisch zu sprechen, weil sie auch mit ihren Eltern hauptsächlich Schweizerdeutsch sprach. Dazu kam, dass mein Vater die Sprache nicht spricht.»
Heute empfindet Alyssia ein Gefühl der Zerrissenheit. «Ich bin auch Griechin, kenne die Landschaften dort besser, als manche Schweizer Städte.» Gleichzeitig habe sie manchmal das Gefühl «fake» zu sein, weil ihr mit der Sprache ein grosser Teil der Kultur fehlt. «Ich bin weder Griechin, noch wirklich Schweizerin – das ist manchmal schwierig.»
Ajla hadert mit ihrer Identität
Ähnlich geht es Ajla (23) mit der bosnischen Kultur. «Ich habe viele Charaktereigenschaften, die typisch bosnisch sind. Trotzdem hadere ich damit, mich mit der bosnischen Kultur zu identifizieren, weil ich die Sprache nicht spreche.» Manchmal sei es für sie auch eine Identitätskrise. Ajla ist Halb-Bosnierin, ihre Mutter Schweizerin. In den Ferien in der Heimat des Vaters agierte er jeweils als Übersetzer.

«Ich verstehe die Sprache, aber kann nur die Basics sprechen. Wenn zum Beispiel meine Oma anruft, um mir zum Geburtstag zu gratulieren, kann ich nur dem zuhören, was sie erzählt. Aber wirklich mit ihr reden geht nicht.»
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Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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