«Ich helfe Menschen in Krisen, weil ich das Gefühl kenne»

- L.* (21) arbeitet als Peer-Beraterin bei der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und unterstützt junge Menschen in psychischen Krisen.
- Die 21-Jährige kennt das Gefühl aus eigener Erfahrung: Nach dem Schulabschluss schlitterte sie in eine persönliche Krise.
- Seit 2024 entwickelt sie zudem gemeinsam mit einem Team Projekte im Bereich psychische Gesundheit weiter.
L.* (21) arbeitet als Peer-Beraterin. Sie trifft sich mit jungen Menschen, die aktuell in einer psychisch herausfordernden Situation oder Krise sind, hört ihnen zu und gibt, falls gewünscht, Tipps, was ihr damals geholfen hat.
Damals, das war vor rund sechs Jahren, als sich L. selbst in einer Krise befand. «Ich habe seit der Geburt eine Fehlbildung an der linken Hand. Damit hatte ich lange zu kämpfen und deswegen auch Mobbing erlebt.» Während Corona habe sich ihre psychische Gesundheit verschlechtert.
Druck und Enttäuschung
«Ich machte mir unglaublichen Druck in der Schule und wollte unbedingt gute Abschlussnoten haben. Aber für meinen Jahrgang wurde entschieden, dass es wegen der Pandemie keine Abschlussnoten geben wird. Das hat mich noch tiefer in die Krise stürzen lassen.»
L. ging es immer schlechter, bis sie schlussendlich nach einem Suizidversuch einen stationären Aufenthalt in einer Klinik antrat. «Ich war in einer depressiven Phase und wusste einfach nicht, wie ich dort wieder rauskomme.» Doch Schritt für Schritt kämpfte sie sich zurück. Heute sagt sie: «Dank meiner Therapeutin und der Unterstützung meiner Familie. Sie haben mich sehen lassen: Es ist nicht egal, wenn ich plötzlich weg wäre.»
Offenheit ist für sie wichtig
L. geht offen mit ihrer Geschichte um. «Ich trage Narben, seelische wie auch sichtbare. Aber sie sind ein Teil von mir. Und obwohl es unglaublich schlimm war und ich niemandem wünsche, eine solche Ausweglosigkeit zu erleben, gehört auch diese Erfahrung zu mir.» Sie mache sie zu dem Menschen, der sie heute ist.
Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit
In einem Nothelferkurs lernen Laien, psychische Probleme früh zu erkennen und Betroffene darauf anzusprechen. Der Kurs dauert auf mehrere Tage verteilt insgesamt zwölf Stunden und kann online oder vor Ort in vier verschiedenen Sprachen besucht werden.
Psychologin Chantal Hofstetter erklärt, hier
wie das geht, welche Tipps es gibt – und wo die Grenzen liegen.
2024 wurde sie von ihrer ehemaligen Psychologin angefragt, ob sie an einem Workshop für Peerarbeit teilnehmen möchte. Zusammen mit anderen ehemaligen Betroffenen hielten sie fest, wo sie das grösste Verbesserungspotenzial sahen und erarbeiteten mit der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich Massnahmen, um die Situation zu verbessern.
Peer-Beratung soll Hoffnung schenken
Nebst anderen Massnahmen entstand daraus die 1:1-Beratung. «Sie ist ergänzend gedacht für junge Menschen, die bereits in Therapie sind. Wir Peer-Beraterinnen und -Berater treffen uns mit ihnen und hören ihnen zu.» Das Ziel der Gespräche: Hoffnung zu machen. «Manchmal ist man an einem Punkt, an dem man das Licht nicht sieht. Wir waren auch schon dort. Und sind der Beweis, dass es besser werden kann.»
Wer in der Peer-Beratung arbeiten möchte, muss dazu eine Weiterbildung machen. «Dort lernt man, Grenzen zu setzen. Aber auch, wie man persönliche Erfahrungen teilt, ohne Schaden anzurichten.» Sie habe ihre Geschichte verarbeitet, weshalb die Situationen anderer bei ihr keine belastenden Reaktionen mehr auslösen. In der Weiterbildung habe sie aber auch gelernt, mit herausfordernden Situationen umzugehen. «Es ist ok zu sagen: ‹Das löst etwas in mir aus. Knüpfen wir in fünf Minuten wieder hier an.›»
«Viele Menschen erleben Krisen»
Die Peer-Beratungen finden als Ergänzung zu einer ambulanten Therapie statt. L. wird für ihre Arbeit im Stundenlohn bezahlt. «Es ist eine spannende Ergänzung zu meinem Bürojob.» Nebst der Peer-Beratung entwickelt sie in einem Team auch Projekte im Bereich der psychischen Gesundheit weiter.
L. ist es wichtig, auf das Thema mentale Gesundheit aufmerksam zu machen. «Ich glaube, sehr viele Menschen kommen in ihrem Leben damit in Kontakt. Mit meiner Geschichte möchte ich mich für all die einsetzen, die derzeit Ähnliches erleben.»
Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?
Hier findest du Hilfe:
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen
Jüdische Fürsorge, info@vsjf.ch
Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen
Kanntest du das Konzept der Peer-Beratung?
Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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