KI krempelt die Arbeitswelt um – wer hat die besten Chancen?

- Eine neue Studie von Advance und McKinsey zeigt, wie KI die Schweizer Arbeitswelt bis 2030 verändert – mit unterschiedlichen Folgen für Frauen und Männer.
- Rund 25 Prozent der Tätigkeiten von Frauen sind bis 2030 von Automatisierung betroffen, bei Männern sind es 28 Prozent.
- McKinsey-Partnerin Nina Probst betont: Entscheidend ist die Kombination aus menschlichen Stärken wie Empathie und praktischer KI-Kompetenz.
Wenn es um KI und die Arbeitswelt geht, klingt die Prognose für Frauen zunächst düster: Automatisierung könnte gerade jene Jobs treffen, in denen viele von ihnen arbeiten. Doch eine neue Studie von Advance und McKinsey zeichnet ein anderes Bild. Demnach könnten Frauen für die KI-Transformation teilweise sogar besser aufgestellt sein als Männer.
Bis 2030 könnten rund 25 Prozent der heute von Frauen ausgeübten Arbeitsaktivitäten automatisiert werden. Bei Männern sind es 28 Prozent. Ein Grund dafür liegt ausgerechnet in der heutigen Verteilung der Berufe: Viele Frauen arbeiten in Pflege, Gesundheit und Bildung – also dort, wo menschliche Nähe, Empathie und Kommunikation schwer zu ersetzen sind. In diesen Bereichen liegt das erwartete Automatisierungspotenzial bei lediglich 19 Prozent.
Wie siehst du die Entwicklung, dass KI im Job immer wichtiger wird?
Ein Selbstläufer für Frauen ist das allerdings nicht. Laut Studie entscheidet vor allem die Kombination von menschlichen Stärken und KI-Kompetenz, wer von der Transformation profitiert. Co-Studienautorin Nina Probst erklärt, welche Chancen sich daraus für Frauen ergeben – und wo neue Risiken entstehen.
Zur Expertin und zur Studie
Frau Probst, können Frauen von der KI-Transformation profitieren?
Nina Probst: Es gibt eine reale Chance, Frauen könnten davon profitieren. Rund 25 Prozent der befragten HR-Verantwortlichen sehen im steigenden Stellenwert von Empathie, Zusammenarbeit, Urteilsvermögen und Beziehungsarbeit eine Chance für Frauen. Wichtig ist aber: Der Vorteil ist nicht angeboren.
Welche Fähigkeiten werden künftig besonders wichtig?
Neugier, Lern- und Anpassungsfähigkeit, Kommunikation, emotionale Intelligenz und zwischenmenschliche Fähigkeiten werden sehr wichtig bleiben. Auch kritisches Denken und Problemlösen dürfen wir nicht verlieren. Man muss weiterhin hinterfragen: Ergibt das überhaupt Sinn? Das Gehirn ist wie ein Muskel. Wir müssen es weiterhin benutzen.
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Heisst das, dass viele Jobs gar nicht verschwinden, sondern sich verändern?
Wir glauben nicht, dass die stärker exponierten Jobs einfach verschwinden. Sie verändern sich stark. Nehmen wir den Kundendienst als Beispiel: Mitarbeitende werden künftig weniger Routinefragen beantworten. Dadurch haben sie mehr Zeit für schwierige Fälle und die menschliche Interaktion mit Kunden. Das ist auch eine Chance, einen Job besser zu machen.
Tipps an Arbeitnehmende
Frau Probst, was raten Sie einer 40- oder 50-jährigen Person, deren Job stark von KI betroffen sein könnte?
- Erstens: KI-Kompetenz aufbauen. Probst rät, KI schon heute für einzelne Aufgaben im eigenen Job auszuprobieren, statt auf ein späteres Umschulungsprogramm zu warten. Dabei sollten nur freigegebene Tools genutzt und keine vertraulichen Daten unbedacht eingegeben werden.
- Zweitens: Menschliche Fähigkeiten stärken. Empathie, Kommunikation und Kundenbeziehungen sowie kritisches und analytisches Denken würden wichtiger, wenn KI einfache Fälle übernimmt. Menschen könnten dann vor allem bei komplexen Situationen, persönlicher Beratung und ungewöhnlichen Lösungen punkten.
- Drittens: Offen für einen Wechsel bleiben. Wer in einem stark veränderten Beruf arbeitet, sollte prüfen, in welchen verwandten Jobs die eigenen Fähigkeiten ebenfalls gefragt sind. Berufserfahrung und Mustererkennung könnten in Kombination mit KI-Kompetenz besonders wertvoll sein.
Welche neuen Jobs entstehen – und besteht die Gefahr, dass Männer stärker davon profitieren?
Es gibt zwei Wege. Einer führt über technische Jobs wie AI-Engineering, Cybersecurity oder Big Data. Hier starten Frauen aus einem kleineren Talentpool. Gleichzeitig entstehen aber Jobs in AI-Transformation, Change Management, AI-Governance, Responsible AI, AI-Ethik oder AI-Training. Sie verbinden KI-Kompetenz mit Fachwissen aus Bereichen wie HR, Kommunikation, Compliance oder Legal, in denen Frauen bereits gut vertreten sind.
Reichen menschliche Fähigkeiten allein aus?
Nein. Der stärkste Hebel für Frauen wie Männer ist, menschliche Stärken mit praktischer KI-Kompetenz zu verbinden. AI-Fluency bedeutet dabei nicht, programmieren zu können. Es geht darum, zu verstehen, was KI gut kann, ihr aber auch nicht blind zu vertrauen – und sie mit dem eigenen Fachwissen und Urteilsvermögen zu kombinieren.
Zur Studie
Was hat Sie persönlich an der Studie am meisten überrascht?
Dass nur wenige der befragten HR-Führungskräfte die KI-Transformation bisher intensiv durch eine Gender-Brille betrachtet hatten. Für einige war schon unser Interview ein «Aha-Moment». Kaum jemand der 26 befragten HR-Verantwortlichen untersuchte Zugang, Nutzung oder KI-Kompetenz explizit nach Geschlecht.
Viele Frauen in der Schweiz arbeiten Teilzeit. Ist KI für sie eher Chance oder Risiko?
Beides ist möglich. Wenn KI Routineaufgaben übernimmt und Wissen schneller zugänglich macht, könnte sich die Verbindung zwischen geleisteten Stunden und geschaffenem Wert lockern. Gleichzeitig könnte die verbleibende Arbeit komplexer werden oder mehr ständige Verfügbarkeit verlangen. Entscheidend ist deshalb, wie Unternehmen Arbeit neu gestalten.
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Martine Anastasiou (man), Jahrgang 2001, arbeitet seit 2025 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Wirtschaft.
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