Heute mal Filterkaffee: Träge wie die Wolken

An manchen Tagen gibt es nichts, wofür man sich beeilen sollte. Umso mehr Zeit bleibt dann, die eigene Umgebung wahrzunehmen.
Illustration: Donata Kindesperk / taz
I n Zeitlupe verschwinden die Morgenwolken hinter dem Jobcenter. Das Gebäude sieht so aus, als wäre es das Modell einer Stadt mit verspiegelten Wolkenkratzern. Die Skyline meines Kiezes, nenne ich es deswegen. Die Wolken bewegen sich langsam, als würden sie von einem unsichtbaren Mund ausgepustet. Die milde Sonne verbindet das Gefühl vom Anfang des Herbstes mit dem vom Anfang des Frühlings.
Manche laufen sogar noch im T-Shirt herum, ich nicht. Trotz Immun-Saft und Vitaminen bin auch ich, wie derzeit alle meine Freund:innen krank geworden. Deshalb lasse ich mich in der Praxis bei der Kindl-Brauerei krankschreiben und freue mich, dass sie neue Patient:innen aufnehmen. Denn von ihrem Fenster aus kann ich meine Wohnung sehen. Würde man auf der Stelle eine Brücke bauen, könnte ich in dreißig Sekunden bei mir sein.
Danach gehe ich in das Café in meiner Straße und bestelle Filterkaffee. Die Barista scheint kurz verunsichert. Sie sagt, man könne den aber nicht extra heiß machen wie ich immer bei Cappuccinos verlange. Das sei okay, sage ich und wir lachen.
Den Kaffee trinke ich vor meiner Haustür, auf der Fensterbank, auf der ich oft saß, als mein Knie frisch operiert war. Im Hintergrund höre ich die Kinderstimmen der Schule gegenüber, den Lärm einer Baustelle, die heulenden Hunde einer neuen Hausbewohnerin.
Dann kommt mein Nachbar heraus, und wir unterhalten uns über steigende Betriebskosten und verschwindende Kohlenhändler – seit 1986 bestellt er bei demselben.
Das Ordnungsamt verteilt Strafzettel an die geparkten Autos. Einige Hunde riechen beim Gassigehen aneinander, einige Bierflaschen glänzen in den Händen der Biertrinkenden, die an mir vorbei torkeln.
Die Zeit vergeht. Wie die Wolken bin ich heute träge. Wie sie, bewege ich mich langsam. Trotz Erkältung habe ich keine Eile, in mein Bett zurückzukehren.
Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
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