Parlamentswahlen in Serbien: Regieren geht über studieren

Serbiens Studentenliste feiert einen Erdrutschsieg. Nach Jahren des Protests könnte ein politischer Umbruch folgen. Eindrücke einer historischen Nacht.
Foto: Sanja Knezevic/laif
Die neun Studierenden warten hoffnungsvoll in einer Wohnung im Zentrum Belgrads auf die Wahlergebnisse. Auf einem serbischen Youtube-Kanal läuft eine Wahlsondersendung. Die jungen Menschen plaudern, hören Musik, trinken Bier.
Gegen 21.30 Uhr erscheint Aleksandar Vučić auf dem Bildschirm – der verhasste ehemalige Staatspräsident, der nun Ministerpräsident werden will. Für sie ist er Populist, Lügner und Diktator in einem. In den vergangenen Monaten hatte er oder andere Vertreter seiner Regierung die aufbegehrenden Studierenden schon mal als Terroristen, Söldner oder Antiserben beschimpft.
„Seid still, haltet die Klappe“, schreit die Jurastudentin Sofija. Dann spricht Vučić den Satz aus, den alle zu hören hofften, aber nicht für möglich hielten: „Die Studentenliste hat gewonnen“.
Fassungslos blicken die jungen Menschen einander an „Waaaas?!“, flüstert die angehende Ärztin Anja. Dann brechen sie in Jubel aus, tanzen, umarmen sich, lachen. Erleichterung und Begeisterung entladen sich: „Habt ihr eigentlich kapiert, was hier passiert ist“, sagt Sofija lachend. „Wir sind Sieger der Parlamentswahlen. Wir Studenten sind die neuen Machthaber Serbiens!“
Die Studentenliste erringt tatsächlich einen Erdrutschsieg bei den vorgezogenen Parlamentswahlen. Nach vorläufigen Angaben der Wahlkommission holt die Oppositionsbewegung mit gut 53 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit, Vučić’ Partei kommt auf gut 39 Prozent der Stimmen. Die Abstimmung wurde weithin als Referendum über die Führung des Landes unter Vučić und seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS) aufgefasst.
Die Siegesparty
Durch das offene Fenster dringen Hupkonzerte und schrille Trillerpfeifen, in der Ferne leuchtet Feuerwerk auf. Kaum hat Vučić seine Niederlage eingestanden, bricht in Belgrad ausgelassener Jubel aus. Die jungen Leute ziehen sich rasch an, um mit Zehntausenden auf den Straßen weiterzufeiern. Die große Siegesparty beginnt und dauert bis in die frühen Morgenstunden.
Der Verkehr kommt zum Erliegen. Menschen stoßen miteinander an und machen Gruppenfotos auf der Treppe des Parlaments. Nach langer Zeit wirkt Belgrad wieder wie eine unbeschwerte europäische Metropole. Die serbischen Studenten haben ihren Protest über zwei Jahre hinweg gewaltfrei fortgesetzt. Mit Ausdauer, Disziplin und klaren Zielen haben sie einen politischen Wandel erreicht, der lange unwahrscheinlich schien.
Bemerkenswert ist: Auf der Studentenliste standen nahezu keine Studierenden. Aufgestellt hat sie eine Bewegung, die auf Führungsgremien verzichtet und ihre Entscheidungen in basisdemokratischen Versammlungen trifft, den sogenannten Plena. Die Liste besteht vor allem aus Lehrkräften der Universitäten, aus Ärzten und Künstlern. Jeden Einzelnen von ihnen hatte die Bewegung auf ihren Plena abgesegnet. Ihr knappes Elf-Punkte-Programm verspricht die Wiederherstellung von Rechtsstaat und Demokratie sowie die Verfolgung von Korruption und Kriminalität. Wer nun Regierungschef wird, blieb noch offen.
Die Studentenbewegung entstand aus Protesten nach dem Einsturz des Bahnhofsvordachs in der nordserbischen Stadt Novi Sad im November 2024, der 16 Menschen das Leben kostete. Kritiker führten das Unglück auf Korruption und Schlamperei der Vučić-Regierung zurück. Die anschließenden Proteste der Studentinnen und Studenten mobilisierten breite Schichten der serbischen Bevölkerung und weckten in ihnen den Wunsch nach Veränderung.
Die historisch hohe Wahlbeteiligung
Der Wahltag begann bereits mit Zuversicht. Schon vor Öffnung der Wahllokale bilden sich am Sonntag vielerorts in Serbien lange Schlangen. Neben den üblichen Frühwählern, Rentnern und älteren Menschen, die ihre Stimme früh abgeben, warten auch viele junge Menschen.
Die Studentenbewegung rief dazu auf, möglichst früh wählen zu gehen. Damit wollte sie auch Menschen mobilisieren, die dem Regime kritisch gegenüberstehen, sich bisher aber kaum an Wahlen beteiligt hatten. Eine hohe Wahlbeteiligung könnte die Chancen der Opposition auf einen Machtwechsel erhöhen und dementsprechend motivierend wirken. Ein Beispiel dafür ist Ungarn, wo Viktor Orbán, ein politischer Verbündeter Vučić’, abgewählt wurde.
Schon am frühen Sonntagmorgen steht fest: Die Wahlbeteiligung wird historisch hoch, am Ende sind es rund 70 Prozent. Doch bleibt unklar, ob das für den Sieg reicht – und ob Vučić eine Niederlage überhaupt eingesteht.
Der drohende Einbruch der Dunkelheit
Als es am Sonntagabend dunkel wird, deutet zunächst wenig auf einen Sieg der Studentenliste hin. Sondereinheiten der Polizei beziehen Stellung rund um das Parlament, den Amtssitz des Präsidenten und das Rathaus. Kurz vor Schließung der Wahllokale um 20 Uhr füllt sich der dazwischenliegende Pionirski-Park mit schwarz gekleideten Männern, viele von ihnen mit Rucksäcken – Vučić’ berüchtigte Prügeleinheiten, Sturmtrupps seiner Partei, zusammengesetzt aus Kriminellen, die politische Gegner auf Befehl attackieren.
Der Pionirski-Park ist zu einem Symbol der politischen Auseinandersetzung um das Zentrum Belgrads geworden. Seit März 2025 ist ein Teil des Parks mit Metallzäunen abgesperrt. In den Zelten campieren Anhänger der Regierungspartei. Der Park blieb über Monate für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich – ohne dass die zuständigen Behörden die Einschränkungen dauerhaft beendeten.
Als Vučić seine Niederlage eingesteht, zieht sich die Polizei sofort zurück, seine Schläger verschwinden. Junge Menschen reißen den Zaun ein, zerstören die Zelte, einige brennen ab. Es bleibt der einzige gewalttätige Akt dieser langen Nacht.
Der Morgen danach
Am Montagmorgen scheint die Sonne über Belgrad. Einsatzkräfte vom Stadtgartenamt räumen den Park auf. Einige Hundebesitzer spazieren vorsichtig am Rand entlang. Auf dem Spielplatz fehlen noch die Kinder. Auf den Bänken sitzen schon Rentner und diskutieren eifrig über die Ereignisse der Nacht.
„Einen wunderschönen guten Morgen“, sagt einer von ihnen lächelnd. Und: „So sieht also die Freiheit unserer Enkelkinder aus“. (mit dpa)
Neuwahlen in Serbien Sie lehren Vučić das Fürchten
In Serbien möchte Aleksandar Vučić Ministerpräsident werden. Doch eine Studentenbewegung könnte ihm gefährlich werden – obwohl sie ohne Studierende antritt.
Von Andrej Ivanji
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