Umfrage: Deutschlands Unternehmen würden 16 Monate ohne Digitalimporte überleben
Chips, KI-Anwendungen, Cloud-Dienste, Software: Ohne digitale Importe aus dem Ausland würden deutsche Unternehmen im Schnitt noch 16 Monate durchhalten. Das geht aus einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom hervor. Auch wenn sich die Zahl gegenüber der Umfrage aus dem Vorjahr um zwei Monate verbessert hat, bleibt die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von importierter Digitaltechnologie laut den Ergebnissen erheblich.
(Bild: Bitkom)
So bezieht mit 96 Prozent die große Mehrheit der deutschen Unternehmen digitale Technologien und Services aus dem Ausland. 94 Prozent stufen in der Frage Deutschland insgesamt als stark (44 Prozent) oder eher abhängig (50 Prozent) vom Ausland ein. Zwei Drittel (66 Prozent) erwarten, dass diese Abhängigkeit in den kommenden fünf Jahren weiter zunimmt.
Auch auf sich selbst schauen die Befragten kritisch: 94 Prozent der Firmen, die digitale Technologien aus dem Ausland beziehen, sehen sich selbst als abhängig. Fast die Hälfte (49 Prozent) rechnet damit, dass die eigene Abhängigkeit künftig weiter steigt. Befragt wurden laut Bitkom-Angaben 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, das Ergebnis ist demnach repräsentativ.
Ausfall trifft Kerngeschäft
Ein Ausfall der Importmöglichkeiten wäre für deutsche Firmen ein Schlag ins Kontor. 93 Prozent erwarten in einem solchen Fall Auswirkungen auf ihre Produktion und Leistungserbringung, 91 Prozent auf Vertrieb und Verkauf sowie 87 Prozent auf Logistik und Lieferketten. Ebenfalls betroffen wären Einkauf und Beschaffung (79 Prozent), Kundenservice (78 Prozent) sowie IT-Betrieb und technische Infrastruktur (69 Prozent). Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst betonte: „Wenn digitale Importe aus wichtigen Herkunftsländern ausfallen, trifft das nicht nur die IT-Abteilung, es trifft das Kerngeschäft.“
Besonders häufig werden aus dem Ausland digitale Endgeräte wie Smartphones und Notebooks (94 Prozent), ferner digitale Bauteile und Hardware-Komponenten wie Chips, Halbleiter oder Sensoren (79 Prozent) sowie Cloud-Dienste (73 Prozent) bezogen. Darauf folgen Software (68 Prozent), Cybersicherheits-Anwendungen (62 Prozent) und künstliche Intelligenz (56 Prozent). Allerdings exportieren auch 33 Prozent der Unternehmen digitale Technik ins Ausland, am häufigsten Dienstleistungen wie Programmierung oder IT-Beratung (24 Prozent) und Software (18 Prozent). Jeweils 16 Prozent verkaufen digitale Bauteile und Hardware-Komponenten sowie digitale Geräte und Maschinen. Wichtigster Absatzmarkt ist dabei für 86 Prozent die EU, darauf folgen die USA mit 61 Prozent.
Abhängig und besorgt darüber
Die zentralen Lieferanten in der Debatte um Souveränität und Abhängigkeit sind die USA und China. Von China sehen sich 88 Prozent der Unternehmen abhängig und 79 Prozent sagen auch, dass ihnen die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von China Sorgen macht. Von den USA sehen sich 87 Prozent abhängig – und hier hat sich die Zahl derer, denen das Sorgen macht, laut Bitkom binnen zweier Jahre fast verdoppelt auf nunmehr 73 Prozent. Immerhin gaben aber auch 83 Prozent an, Technologien aus Europa zu beziehen, 53 Prozent häufig und weitere 30 Prozent in Einzelfällen.
Zudem sieht der Bitkom einen Trend, dass Unternehmen sich um die Verringerung ihrer Abhängigkeiten bemühen. 44 Prozent der Unternehmen setzen verstärkt auf Anbieter aus Deutschland und Europa und 41 Prozent halten größere Vorräte bei wichtigen Bauteilen und Komponenten vor, um Lieferengpässe abzufedern. 40 Prozent bereiten sich darauf vor, bei Bedarf wichtige Anbieter und Systeme auswechseln zu können. 32 Prozent bauen eigenes technisches Know-how auf, 31 Prozent beziehen wichtige Produkte, Komponenten oder Services von mehreren Lieferanten. 13 Prozent setzen verstärkt auf offene Standards. Nur 3 Prozent haben bislang keine Maßnahmen ergriffen.
Der Preis bleibt heiß
Moralische Appelle für mehr digitale Souveränität allein dürften die Unternehmen auch nicht zu mehr Aktivität bringen. Laut Bitkom-Umfrage ist der Preis weiterhin das wichtigste Kriterium bei der Auswahl ausländischer Geschäftspartner (97 Prozent). Darauf folgt das technologische Know-how des Geschäftspartners mit 93 Prozent, 89 Prozent achten auf die IT-Sicherheitsstandards des Lieferunternehmens, 82 Prozent auf die Rechtssicherheit im Land des Geschäftspartners.
Insgesamt sehen die Unternehmen auch nur begrenzte Möglichkeiten, ihre Abhängigkeiten kurzfristig zu reduzieren: 85 Prozent halten ihre globalen Wertschöpfungsketten für zu stark verflochten. 68 Prozent sehen für bestehende Abhängigkeiten von Geschäftspartnern im Ausland keine Alternativen.
Bitkom-Präsident Wintergerst betonte, dass es nicht um Abschottung oder gar Autarkie gehe – sondern um die Möglichkeit, einseitige Abhängigkeiten zu reduzieren und auf Druck adäquat antworten zu können. „Digitale Souveränität bedeutet Resilienz und ist deshalb eine Aufgabe für den gesamten Staat ebenso wie für jedes einzelne Unternehmen. Die Politik muss jetzt die richtigen Prioritäten setzen und dafür sorgen, dass Deutschland und Europa bei digitalen Schlüsseltechnologien unabhängiger werden.“
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