Parker (15) wartete tagelang auf Rettung: Wie hält man das aus?

Darum gehts
- Tagelang auf einem gekenterten Boot in der eiskalten Beringsee – so überlebte der 15-jährige Parker ein Bootsunglück vor Alaska.
- Bruder Sydney und ein Cousin kamen beim Unglück ums Leben; die US-Küstenwache rettete Parker leicht unterkühlt.
- Psychotherapeut Bruno Sternath warnt: Wer in der Akutsituation stark wirkt, erhält danach oft zu wenig Unterstützung bei der Traumaverarbeitung.
Nach dem Untergang eines Fischerboots vor St. Lawrence Island im US-Bundesstaat Alaska hat der 15-jährige Parker mehrere Tage auf dem gekenterten Boot in der Beringsee ausgeharrt. Sein älterer Bruder Sydney und sein Cousin kamen bei dem Unglück ums Leben. Die US-Küstenwache konnte den unterkühlten Jugendlichen schliesslich retten.
Doch wie konnte der Teenager unter diesen extremen Bedingungen handlungsfähig bleiben? Und was bedeutet ein solches Erlebnis für die psychische Verarbeitung? Psychotherapeut Bruno Sternath ordnet ein.
Körper und Psyche schalten auf Überlebensmodus
«In so einem Moment schalten Körper und Psyche auf Überlebensmodus», sagt Sternath. «Adrenalin und Cortisol schiessen hoch, der Fokus verengt sich komplett auf das Hier und Jetzt: Wie halte ich mich fest, wie überlebe ich die nächste Minute?» Bei einem tagelangen Kampf im eiskalten Wasser sei dieser Zustand noch um ein Vielfaches intensiver.
Zugleich könne sich bei Betroffenen ein Schutzmechanismus einschalten, den die Traumapsychologie Dissoziation nennt. «Das Gehirn schafft einen inneren Abstand zum Unerträglichen, damit Todesangst, Kälte und der Verlust von Bruder und Cousin nicht sofort in voller Wucht spürbar sind», erklärt Sternath. «Das ist ein Notfallmechanismus unserer Psyche.»
Konkrete Aufgaben können Halt geben
Dass Parker in der Extremsituation handlungsfähig blieb, könnte laut Sternath damit zusammenhängen, dass er weder erstarrte noch in blinde Panik verfiel. Fachleute sprechen dabei vom sogenannten Toleranzfenster. Entscheidend könne dabei eine klare und konkrete Aufgabe sein, etwa sich am Boot festzuhalten. «Dies kanalisiert die durch das Adrenalin freigesetzte Energie in sinnvolles Handeln», sagt Sternath. Auch kleine, erreichbare Etappenziele könnten helfen: «Ich halte noch diese eine Welle durch», statt sich von der Grösse der ganzen Bedrohung lähmen zu lassen.
Eine gewisse Vertrautheit mit Meer, Booten und Kälte könnte Parker ebenfalls geholfen haben. Wer in einem solchen Umfeld aufwachse, verfüge über Erfahrungswissen, das in einer Extremsituation abrufbar sein könne, so Sternath. Ebenso könne der Gedanke an die Familie ungeahnte Kräfte mobilisieren.
Ein Familienmitglied von Parker erzählte gegenüber NBC News, der Junge habe während der ganzen Zeit gebetet. «Er sagte, er glaube daran, dass er es schaffen würde. Er glaubte daran, dass man ihn finden und in Sicherheit bringen würde – und genau das geschah», so der Angehörige.
Resilienz muss sich entwickeln
«Resilienz ist nicht angeboren, sie entwickelt sich», sagt Sternath. Ein zentraler Baustein sei die Selbstwirksamkeitserwartung, also das Vertrauen, schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen zu können. Kinder und Jugendliche, die altersgerechte Herausforderungen meisterten, bauten dieses Vertrauen Schritt für Schritt auf. Das könne eine anstrengende Wanderung sein oder – wie bei Parker möglicherweise – das Mitanpacken beim Fischen auf offenem Meer. Dahinter stehe der Gedanke: «Ich habe schon schwierige Situationen gemeistert, also schaffe ich auch diese.»
Auch verlässliche Bezugspersonen spielten eine wichtige Rolle. «In einer bekannten Langzeitstudie zeigte sich: Fast alle besonders widerstandsfähigen Kinder hatten mindestens eine Person, bei der sie sich aufgehoben fühlten», sagt Sternath.
Die Verarbeitung beginnt erst nach der Rettung

Dass Parker den Überlebenskampf mit aussergewöhnlicher Stärke gemeistert hat, lasse jedoch keine sichere Prognose für die Zeit danach zu. «Stark und handlungsfähig zu bleiben in akuter Lebensgefahr, und das Erlebte danach seelisch zu verarbeiten, sind zwei unterschiedliche psychische Vorgänge», sagt Sternath. Gerade bei Menschen, die in der Akutsituation besonders stark wirkten, bestehe die Gefahr, dass ihr Umfeld – und sie selbst – zu schnell denke: «Der schafft das schon alleine.» Das könne wichtige Unterstützung hemmen oder verzögern.
Die eigentliche seelische Aufarbeitung beginne meist erst, wenn die reale Gefahr vorbei sei und sich ein Mensch wieder sicher fühle. Dann könnten Trauer, aufdrängende Bilder oder Schlafstörungen auftreten. «Manchmal entstehen auch Schuldgefühle, weil man selbst überlebt hat», so Sternath. Solche Reaktionen seien nach einem aussergewöhnlichen Ereignis normal und kein Zeichen einer psychischen Störung.
Mit Blick auf Parkers Überlebenskampf sagt Sternath: «Diese beeindruckende Stärke verdient grössten Respekt.» Um Verluste und Todesangst zu verarbeiten, brauche es aber Zeit, Geduld, Präsenz und je nach Situation auch eine angemessene Begleitung.
Über den Experten

Bruno Sternath ist eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut und spezialisiert auf Trauma und Notfallpsychologie.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.
