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Wednesday, September 23, 2026

AfD-Hochburg in Mecklenburg-Vorpommern: Deutsche Hölle Demmin

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In der Kleinstadt Demmin in Vorpommern muss man nach begeisterten AfD-Anhängern nicht lange suchen. Mehr als jeder Zweite wählte hier rechtsextrem.

Eine einschläfernde Tristesse geht an diesem Septembermontag von dem riesigen Parkplatz am Rand der vorpommerschen Kleinstadt Demmin aus. Tedi, Kik, Jysk, Aldi, die üblichen Discounter. Der Andrang hält sich in Grenzen. Wenigstens bei Aldi ist die ganze Zeit was los.

„Du siehst ja fertig aus. Habt ihr noch lang gesoffen?“, brüllt ein junger Mann mit zutätowiertem Hals und einem Bier in der Hand quer über den Parkplatz einer – tatsächlich leicht derangiert wirkenden – Frau zu. Ohne stehen zu bleiben, ruft sie zurück: „Ja, ist aber auch wegen der Schwangerschaft.“ Unklar, ob das ein Witz sein soll. Beide lachen. Dann verschwindet sie im Aldi.

Der Mann, nennen wir ihn Ricky, ist 24 und arbeitet als Glasfasermonteur, erzählt er der taz, während er sich ans Geländer vor den Einkaufswagen lehnt. Grund für die gute Laune ist hier ohne Frage das Wahlergebnis der AfD bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am Tag zuvor.

Die Partei ist landesweit mit über 38 Prozent stärkste Kraft geworden. In Demmin, das schon seit den 2000er Jahren als rechtsextreme Hochburg gilt, bekam sie sogar deutlich mehr. 53,3 Prozent der Wäh­le­r:in­nen haben hier ihr Kreuz bei der AfD gemacht.

Fremde anpampen

Ricky fingert noch eine Marlboro aus dem Bigpack und erzählt dabei, wie tolerant er sei. Er habe Freunde, die die Linke wählten, aber auch „richtig radikale Rechtsextremisten“. Wie die so drauf sind? „Na, wenn die wieder einen Fremden auf der Straße anpampen oder sonst was mit dem machen, da bin selbst ich dann raus“, versichert er. Um dann hinterherzuschieben: „Weil man ja erst mal gar nicht weiß, ob der hier geboren ist.“

Der gebürtige Anklamer ist in Demmin selbst Zugezogener. Seine neue Heimatstadt liegt rund 40 Kilometer südwestlich von Greifswald und hat 9.500-Einwohner:innen. Auf ihrer Website wirbt sie um „Fremde“ mit dem Marketingslogan: „… hat was!“ Was Demmin außer einem Nazi-Problem haben soll, erschließt sich auf den ersten Blick nicht.

Das nach der Wende wiederaufgebaute Rathaus ist ganz hübsch. Ansonsten wurde das im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Zentrum mit Plattenbauten vollgedonnert. Überregional bekannt ist die Stadt allenfalls durch ihren Neonaziaufmarsch am 8. Mai.

Den organisiert seit 2007 die NPD beziehungsweise die Nachfolgepartei, Die Heimat. Man gedenkt damit des Massensuizids Deutscher vor der herannahenden Roten Armee 1945. Dagegen mobilisiert ebenfalls seit Jahren eine kleine örtliche Gruppe An­ti­fa­schis­t:in­nen.

„Deutschland erwache“

Das Einzige, was Ricky dann auch „scheiße“ findet: dass nicht mehr in Mecklenburg-Vorpommern so ticken wie er und über die Hälfte der Wäh­le­r:in­nen in Demmin und die AfD somit die absolute Mehrheit verpasst hat.

„Deutschland muss endlich erwachen“, gibt eine 23-jährige Schülerin mit streng zurückgebundenen blonden Haaren zu Protokoll. „Damit alles wieder wird wie in der DDR.“ Sie wirkt, als hätte sie nur auf den Moment gewartet, diese Sätze aufzusagen.

Natürlich sei sie auch „bei Ulrich“ gewesen. „Der ist super nett.“ Leuchten in ihren Augen. Ulrich Siegmund, der AfD-Wahlsieger von Sachsen-Anhalt, ist vor gut einer Woche zur Wahlkampfunterstützung durch Mecklenburg-Vorpommern getingelt. Der Posterboy der Rechtsextremen versprach dabei: „Im Osten geht die Sonne auf, aber sie wird über ganz Deutschland scheinen.“

Die rund 20 AfD-Anhänger:innen, mit denen die taz hier spricht, nennen immer wieder die gleichen Gründe für ihre Wahlentscheidung. Die meisten sagen, teils nach kurzem Zögern und erst leise, aber ohne Zweifel, Scham oder Angst in der Stimme: „Na, wegen den Ausländern, damit die dahin geschickt werden, wo sie hingehören.“ So formuliert es etwa eine Zehntklässlerin.

AfD-Chef Schult will einmarschieren

Anders als Ricky weiß sie auch, wie der Mann heißt, dem sie ihre Erststimme gegeben hat: dem gebürtigen Demminer Enrico Schult, der mit dem Bundestagsabgeordneten Leif-Erik Holm zusammen Landesvorsitzender der AfD ist und seit dem Sommer auch Fraktionschef im Schweriner Landtag.

Schult war mit Landeslistenplatz 1 der eigentliche „Spitzenkandidat“ der extremen Rechten, während der blasse Holm für die Kameras den Grüßaugust machen durfte. Die AfD bezeichnete Holm großspurig als „Ministerpräsidenten-Kandidat“, ansonsten war er aber nur Direktkandidat in Schwerin. Nachdem beides nicht geklappt hat, bleibt er jetzt einfach weiter in Berlin.

Der 47-jährige Vermessungstechniker Schult war erfolgreicher. Im Wahlkreis, zu dem Demmin gehört, holte er mit über 54 Prozent indes das landesweit zweitbeste Erststimmenergebnis nach Manuela Schwesig, der SPD-Ministerpräsidentin und direkten Holm-Konkurrentin in Schwerin.

Mit Blick auf die SPD, die Linke und die Grünen im Landtag, die absehbar künftigen Koalitionäre in Schwerin, rief Schult noch am Wahlabend seinen An­hän­ge­r:in­nen zu: „Wenn wir hier einmarschieren mit unserer Truppe. Sie werden zittern vor uns. Und sie zittern zu Recht.“ Man könne ihm glauben: „Die nächste Wahl werden wir für uns entscheiden und dann brauchen wir keinen Koalitionspartner mehr.“

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Am Tag darauf versucht er, sich vor Jour­na­lis­t:in­nen im Schweriner Schloss „gemäßigt“ zu geben. Er jammert etwas, weil der Umgang mit seiner Partei im Wahlkampf „nicht immer inhaltlich fair“ gewesen sei. Und behauptet ansonsten, dass nach dem Scheitern der CDU an der Fünfprozenthürde die AfD „die einzige Partei“ sei, „die bürgerlich-konservative Positionen in den Landtag einbringen kann“. Schließlich: „Die AfD ist ein Segen für die Demokratie.“

Auf taz-Nachfrage, wie das zusammengehen soll mit Extremisten wie dem künftigen Landtagsabgeordneten Tommy Thormann, der ein Direktmandat auf Rügen holte und politische Geg­ne­r:in­nen „in Grund und Boden verbieten“ möchte, wiegelt Schult ab. Das werde nur „aus dem Zusammenhang gerissen“.

Die anderen Stimmen

Auf dem Aldi-Parkplatz in Demmin trifft man auf genauso viele Leute, die solchen Beteuerungen nicht glauben. Mehr noch: die es seit Sonntag mit der Angst zu tun bekommen haben. So auch die drei Seniorinnen, die gerade vom Kuchenessen kommen.

Eine von ihnen, eine 81-jährige ehemalige Krankenschwester, sagt: „Ich fürchte, dass mit der AfD noch mal ein Krieg kommt.“ Sie lebt von 1.000 Euro Rente im Monat. „In der Arztpraxis hatten wir ja keinen Tarifvertrag.“ Auch sie stört vieles an den aktuellen Verhältnissen. Dennoch habe sie mit beiden Stimmen SPD gewählt.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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