Muskeln vs. Männlichkeit – Typen, Testosteron und die Sache mit der Fruchtbarkeit

Einen durchtrainierten Körper, breite Schultern, sichtbare Definition: Jan hat das, was viele wollen: Als Fitnesscoach lebt er davon, genau so auszusehen. Trotzdem denkt er seit einiger Zeit über etwas nach, das ihm angeblich noch fehlt: Testosteron. «Man sieht immer, was man erreichen könnte», sagt er. Das treibe ihn an.
Der Druck, so der 27-Jährige, komme von überall gleichzeitig: aus dem Job, in dem er selbst zum Vorbild werden soll, aus dem Freundeskreis, aus jedem Feed, durch den er scrollt. «Als Coach will man ein bestimmtes Bild abgeben.»
Kampfbereit, aber kinderlos?
In Jans «Fitness-Bubble» hilft längst der eine oder andere nach. Was er dabei beobachtet, ist ambivalent: eindrückliche körperliche Veränderungen auf der einen Seite, Hautausschläge und Libidoverlust auf der anderen. Kein Grund zur Sorge, findet er selbst. Im Zweifel breche man den Zyklus einfach ab, und der Körper erhole sich von allein.
Jans Wunsch ist kein Einzelfall. Auf Nachfrage von SRF bestätigen mehrere Ärztinnen und Ärzte einen Anstieg von Testosteron-Anfragen in ihren Praxen. Von Männern fernab der Gym-Szene.
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- Das wichtigste männliche Sexualhormon, produziert in den Hoden, gesteuert über eine Achse im Gehirn: Hypothalamus und Hypophyse.
- Es treibt Muskelaufbau, Libido und Stimmung an – und ist zentral für die Spermienproduktion.
- Über das Leben hinweg sinkt der Wert langsam, um rund ein Prozent pro Jahr.
Kürzlich hat sogar der amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth angeordnet, dass US-Soldaten künftig jährlich auf Testosteronmangel getestet werden. Ein hoher Wert soll sie kampfbereiter machen. Auch in der sogenannten Manosphere-Bewegung, in der Anhänger ihre Männlichkeit über alles stellen, gilt ein hoher Testosteronspiegel als Ausweis von Status und Stärke. Zum Bild des «echten Mannes» gehört dort auch die Rolle als Versorger einer eigenen Familie.
Das Problem ist aber: Wer seinen Testosteronspiegel künstlich hochtreibt, riskiert womöglich genau das – Kinder zeugen zu können. Das ist noch nicht alles. Auch bei Männern, die nie selbst nachhelfen, sinkt der Testosteronspiegel im Schnitt: ein Trend, der die ganze Bevölkerung betrifft. Aber eins nach dem anderen.
Ein zweischneidiges Schwert
Wer Testosteron einnimmt, hat zwar mehr davon im Blut. Der Körper reagiert darauf aber sofort mit Gegensteuerung. Das Gehirn hat nämlich einen eingebauten Regler: Es misst laufend den Spiegel im Blut und steuert darüber die Produktion in den Hoden.
Nur merkt es nicht, woher das Hormon eigentlich stammt. «Es sieht nicht, dass das Testosteron von aussen kommt. Es denkt einfach: genug vorhanden und drosselt», sagt Urologe Frédéric Birkhäuser, der am St. Anna Spital in Luzern auf Männergesundheit spezialisiert ist.
Aber nicht nur das: Durch das Runterfahren der Testosteronproduktion stoppt auch die Spermienproduktion: «Bei jeder Testosterontherapie. Auch bei niedriger Dosis».
Testosteronwert und Fruchtbarkeit
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Ein normaler Wert liegt bei den meisten erwachsenen Männern zwischen zehn und dreissig Nanomol pro Liter Blut. Eine grosse Spanne.
Das Interessante: Wo genau jemand innerhalb dieser Spanne liegt, sagt über seine Fruchtbarkeit wenig aus: Ein Wert am unteren Ende macht nicht automatisch unfruchtbar, ein hoher Wert schützt nicht zwingend davor. Für eine Diagnose braucht es deshalb immer eine zweifache Messung plus konkrete Beschwerden, nie den Wert allein.
Solange der Wert nur in den Normalbereich angehoben wird, ist das kontrolliert kein grosses Risiko. Gefährlich wird es dort, wo Männer darüber hinausschiessen – was beim Eigenkonsum keine Seltenheit ist.
«Vor allem bei jungen Männern kann zu hohes Testosteron schnell zur Unfruchtbarkeit führen», sagt der Urologe. Dazu kommen Thrombosen, Akne und Stimmungsschwankungen bis hin zu Aggressivität.
Antriebslosigkeit und Muskelschwund
Für Jan wäre das ein unnötiges Risiko: Sein Wert ist normal, eine medizinische Therapie deshalb falsch. «Dafür gibt es schlicht keine Indikation», sagt Birkhäuser.
Nötig wären ein zweifach nachgewiesener Mangel und konkrete Beschwerden wie eine fehlende Libido, Antriebslosigkeit und Muskelschwund. Nur: Aus medizinischen Gründen will Jan den Stoff ja ohnehin nicht.
Woran erkennt man einen Testosteronmangel?
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Kurzfristig: Antriebslosigkeit, sinkende Leistungsfähigkeit und Muskelkraft, erhöhte Reizbarkeit, nachlassende Libido.
Langfristig: Knochenschwund mit erhöhtem Bruchrisiko, Muskelabbau, mehr Fettmasse, ein höheres Diabetes-Risiko sowie eingeschränkte Fruchtbarkeit.
Ein echter Mangel betrifft schätzungsweise zwei bis fünf Prozent aller Männer – seltener, als der aktuelle Hype vermuten lässt, aber auch nicht so selten, wie viele denken.
Auch in den sozialen Medien hat das Hormon längst seine Anhänger gefunden: Auf Tiktok halten aufgepumpte Menschen ihren «T-Wert» wie eine Trophäe in die Handykamera. In der Manosphere-Szene ist ein hoher Testosteron-Wert Pflicht.
Verführerisch ist das Hormon für so viele, weil es männliche Attribute tatsächlich verstärken kann. Das ist seit fast 30 Jahren wissenschaftlich belegt: Eine vielzitierte Studie im «New England Journal of Medicine» zeigte bereits 1996, dass Männer unter Testosteron und Krafttraining innerhalb von zehn Wochen im Schnitt sechs Kilogramm mehr Muskelmasse aufbauten als eine Placebo-Gruppe. Klingt gut.
Auch Frédéric Birkhäuser bestätigt das: «Testosteron baut Muskeln auf, hilft bei der Regeneration und sorgt dafür, dass der Körper das Fett günstig verteilt. Das ist alles real. Deshalb kann ich den Wunsch dieser Männer schon nachvollziehen.»
Wie steht es um die Fruchtbarkeit?
Bereits 1992 beschrieb die damals umstrittene Carlsen-Studie eine sinkende Spermienzahl. «Seit etwa 2017 gibt es daran keinen ernsthaften Zweifel mehr», sagt der Spezialist für Reproduktionsmedizin Gideon Sartorius.
Wichtig ist die Unterscheidung: Spermienqualität und Fruchtbarkeit sind zwei verschiedene Dinge. Junge Paare brauchen laut Studien kaum länger als früher, um schwanger zu werden. Eine tiefe Spermienzahl allein erklärt also nicht automatisch, dass ein Paar keine Kinder bekommt.
Was die Spermienqualität selbst betrifft, zeigt die grosse Genfer Rekrutenstudie: Bei drei von fünf jungen Männern liegt mindestens ein Wert unterhalb der WHO-Norm.
Die Genfer Rekrutenstudie in Kürze
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2523 junge Schweizer im Alter von 18 bis 22 Jahren wurden zwischen 2005 und 2017 im Rahmen der Militärrekrutierung untersucht, die Ergebnisse 2019 in «Andrology» veröffentlicht. Gemessen wurden Spermienzahl, Beweglichkeit und Form nach WHO-Standard. Median: 48 Millionen Spermien pro Milliliter. Bei drei von fünf Männern lag mindestens einer der drei Werte unterhalb der WHO-Referenz.
Eine kleinere Folgestudie der Universität Zürich verglich 2026 die Werte von 194 Rekruten aus dem Jahr 2021 mit der ursprünglichen Kohorte – und fand keine weitere Verschlechterung. Die Forschenden warnen allerdings vor verfrühter Entwarnung: Die neuere Stichprobe ist deutlich kleiner und könnte durch die Teilnehmerauswahl verzerrt sein.
Die Messungen selbst seien verlässlich, sagt Sartorius. Schwieriger sei die Interpretation. Denn als «unterhalb der Norm» gilt in solchen Studien automatisch, wer zu den tiefsten fünf Prozent aller gemessenen Werte gehört. «Ein tiefer Wert heisst noch lange nicht Unfruchtbarkeit. Fruchtbarkeit ist immer ein System zu zweit», betont Sartorius.
Testosteron auf dem Rückzug
Nicht nur die Spermienqualität, auch der Testosteronspiegel selbst soll sinken – und zwar deutlich. Für internationale Schlagzeilen sorgten im Juli erste Ergebnisse, präsentiert an der Jahrestagung der European Society of Human Reproduction and Embryology in London.
Veröffentlicht ist die Studie allerdings noch nicht: Unabhängige Fachleute haben sie bislang nicht begutachtet. Ausgewertet wurden trotzdem bereits Daten von über 118’000 Männern aus Israel, den USA, Brasilien, Finnland und Dänemark. Ergebnis: ein Rückgang des Gesamttestosterons um 54 Prozent zwischen 1972 und 2019.
Viele Gründe – aber wenig Beweise
Woran das liegt, ist unter Fachleuten umstritten. Der Studienautor selbst schätzt, Übergewicht und Diabetes würden ein Viertel bis die Hälfte des Rückgangs erklären, den Rest vermutet er bei Umweltfaktoren. Andere Forschende halten es für möglich, dass Übergewicht und Diabetes den gesamten Effekt erklären.
Doch wie kommt es überhaupt dazu? Am besten belegt ist der Zusammenhang mit Übergewicht. Daneben diskutiert die Forschung Bewegungsmangel, Rauchen, Schlafmangel und Luftverschmutzung – und zunehmend auch sogenannte endokrine Disruptoren: Weichmacher wie Phthalate oder Bisphenol A, die in vielen Plastikprodukten stecken.
Sie ähneln körpereigenen Hormonen so stark, dass der Körper sie damit verwechselt – oder sie blockieren die Andockstellen, sodass echtes Hormon gar nicht mehr wirken kann. Auch Mikroplastik, das sich inzwischen im ganzen menschlichen Körper findet, steht im Verdacht, eine Rolle zu spielen. Bewiesen ist das bislang nicht.
Diese Faktoren betreffen alle Männer, ob sie selbst nachhelfen oder nicht. Wer es tut, muss sich zusätzlich mit einer ganz praktischen Frage auseinandersetzen: was beim Absetzen passiert.
Absetzen, einfrieren, abwarten
Erektionsstörungen, Hitzewallungen, Antriebslosigkeit: Wer Testosteron länger genommen hat und damit aufhört, durchläuft ein «Jammertal», wie die beiden Experten es nennen. Die Hormonproduktion springt meist innert Tagen wieder an, die Spermienproduktion braucht deutlich länger. Ein aussagekräftiges Spermiogramm gibt es frühestens nach sechs Monaten.
Genau deshalb kommen laut Gideon Sartorius zunehmend junge Männer mit derselben Frage in seine Praxis in Basel: Lohnt es sich, vorsorglich Spermien einzufrieren, bevor eine Kur überhaupt beginnt? «Am sinnvollsten ist natürlich, gar nichts zu nehmen, wenn es nur ums Aussehen geht. Tut man es trotzdem, ist Einfrieren eine gute Absicherung.»
Kein Grund zur Panik
Wie steht es also insgesamt um die Fruchtbarkeit der Schweizer Männer? Eingeschränkt, da sind sich Gideon Sartorius und Frédéric Birkhäuser einig. Die Situation sei vergleichbar mit anderen Industrieländern, vermutlich sinkend über die Jahrzehnte. «Es gibt keinen Grund für Panik. Aber wir müssen hinschauen.»
Männer, die selbst nachhelfen wollen sollten also wissen, dass zusätzliches Testosteron zwar die Männlichkeit stärkt, aber die Fruchtbarkeit beeinträchtigt.
Und Jan? Sein Wert ist normal. Ob ihn das bremst, weiss er selbst noch nicht: «Ich habe es ja schon auf natürlichem Weg probiert. Und auch wenn ich die Risiken kenne: Mich reizt es, das auszuprobieren, wenn ich ehrlich bin.» Der Preis dafür ist hoch.
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