«Blow-Up» – Franz Gertsch: Scheinbar Nebensächliches im Monumentalformat

«Bach im Mondschein» heisst das älteste Werk von Franz Gertsch, das im Kunstmuseum Bern zu sehen ist. Es stammt aus dem Jahr 1956 und zeigt eine nächtliche Waldlandschaft, gemalt als Grisaille, also ausschliesslich in Grautönen. Es korrespondiert mit drei Grossformaten, die am Ende des Ausstellungsrundgangs hängen: Gräser, Pestwurz, ein Waldstück, gemalt in Blautönen.
Über 60 Jahre liegen zwischen diesen formal verwandten Werken. Ein langes, reiches Künstlerleben. Die monochromen Naturbilder aus Jugend- und Spätwerk bilden eine Klammer für eine Ausstellung, die Gertschs Werdegang nachvollzieht und in der eine ganze Menge los ist.
Eintauchen in die Malerei
In Bern lässt sich ein Gertsch wiederentdecken, der etwas in Vergessenheit geraten ist. Ein junger, wilder und vor allem wild entschlossener Maler, der sich in den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren seinen Weg sucht. Der mit schablonenhaften, kontraststarken Pop-Art-Bildern arbeitet.
Und ein Gertsch, der 1969 ein kleines Bild, ein Filmstill, aus einer Zeitschrift, auf 1.7 mal 2.61 Meter vergrössert, und damit zu einem Gestaltungsmerkmal findet, dem er für den Rest seines Künstlerlebens treu bleiben wird: Grösse. Er wollte Bilder schaffen, an denen man nicht einfach so vorübergehen kann, sondern eintauchen. Malerei als immersives Erlebnis.
Ausstellungshinweis
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Das Kunstmuseum Bern zeigt noch bis am 17. Januar 2027 «Franz Gertsch. Blow-Up (Part I)» und das Museum Franz Gertsch in Burgdorf (BE) vom 19. September 2026 bis 28. Februar 2027 «Franz Gertsch. Blow-Up (Part II)».
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Louisiana Museum of Modern Art im dänischen Humlebæk und den Deichtorhallen im deutschen Hamburg.
Die ersten Bilder entstehen nach vorgefundenen Fotos, dann greift Gertsch selbst zur Kamera. Er fotografiert Familie und Künstlerkollegen, etwa den 20 Jahre jüngeren Künstler Luciano Castelli und seinen extravaganten Freundeskreis in Luzern.
In einem «Nachtsaal» mit grauen Wänden sind diese Bilder schlicht und spektakulär in Szene gesetzt. Die starken, grellen, teils fluoreszierenden Farben entfalten vor den dunklen Wänden eine ungeheure Leuchtkraft. Und die Motive machen staunen: junge Menschen aller Geschlechter, die sich gegenseitig schminken, die in einem kreativen Kosmos leben, der so schäbig wie schillernd ist. In ihrer spielerischen Lässigkeit wirken diese Szenen heute aktuell und zugleich sehr nostalgisch.
Götter, Schlachten, Grünzeug
Durch die Grösse seiner Werke konnte Gertsch Themen, die er wichtig fand, zu Öffentlichkeit verhelfen, erklärt Kathleen Bühler, die Kuratorin der Ausstellung in Bern. Grösse schafft Sichtbarkeit. Raumgreifende Formate waren in der Kunstgeschichte wichtigen Motiven vorbehalten: Göttern, Schlachten und gekrönten Häuptern. Gertsch holt das scheinbar Nebensächliche ins Monumentalformat: Popkultur und Grünzeug vom Wegesrand.
«Pestwurz ist für viele ein Unkraut. Es ist kein Rosenbouquet», sagt die Kuratorin. Wenn Franz Gertsch auf die Natur geschaut hat, dann hat ihn oft das Unscheinbare interessiert, das, was gern übersehen wird. Etwa der Pestwurz. Diese krautige Pflanze ist in der nördlichen Hemisphäre weit verbreitet. Franz Gertsch holt sie auf die Leinwand, malt sie auf 2.2 mal 3.2 Metern. Er porträtiert die Pflanze wie eine Persönlichkeit.
Als die Bilder entstanden, war das eine originelle Haltung. Heute, eine Dekade später, ist die Diskussion um die Anerkennung der Wesenheit von Pflanzen und Tieren weiter. Und Gertschs Blick erstaunlich aktuell.
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