Abend zu jüdischer Identität: „Du bist doch der Jude“

Bekenntniszwang und Ausgrenzung: Jüdische Kulturschaffende luden im Centrum Judaicum Berlin zum Nachdenken über jüdische Identität und Antisemitismus.
Foto: Fotothek Mai Leipzig/imago
Als der Herr, der aus dem Publikum zu den Diskutierenden gestoßen ist, diese zwei Sätze sagt, geht ein leises Raunen durch den Saal: „Du bist doch Jude. Was macht deine Regierung da unten in Israel?“ Wohl jeder der anwesenden Jüdinnen und Juden kennt Fragen wie diese, in denen Angehörige der Mehrheitsgesellschaft deutschen Juden eine Gesamthaftung für das Verhalten der israelischen Regierung andichten. Und auch gut meinende Deutsche neigen dazu, Juden bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen zuzuschreiben. Wer diese Juden eigentlich sind, ob und was sie von Israelis unterscheidet, das sind Fragen, die unter den nichtjüdischen Deutschen offenbar ungern gestellt werden.
Umso wichtiger ist es für die Angehörigen der Minderheit, die eigene Identität zu überprüfen, zu fragen, wer in der Gemeinschaft jüdische Perspektiven formulieren kann. Das Berliner Centrum Judaicum lud am 15. Oktober zur Selbstverortung ein, mit dem Thema: Welches Wir?
Das deutsche Judentum ist von Migration geprägt
Einig war sich die Runde von vier Kulturschaffenden darin, dass in der Mehrheitsgesellschaft eine Polarisierung im Gang ist, aus der antisemitische Tendenzen gestärkt hervorgehen. Darauf zu reagieren, falle auch deswegen schwer, weil das Judentum in Deutschland so divers ist. Das spiegelte sich auf dem Podium wider. Sharon Adler ist eine in Berlin geborene Jüdin und Feministin, sozusagen alteingesessen. Anton Livshits sprach von seiner Zeit in Russland. Da habe man „ein Geheimnis daraus gemacht, jüdisch zu sein“. Wieder ganz andere Erfahrungen hat Amir Theilhaber gemacht, der sich vor allem als Kölner versteht: „Kölsch steht im Vordergrund, Deutscher zu sein ist nicht so wichtig“, sagte er. Die vierte im Bund, Maya Wolffberg, ist in Israel aufgewachsen. Für sie ist es eine neue Erfahrung, nicht der Mehrheitsgesellschaft anzugehören.
Rückzug in den eigenen Kosmos
Das deutsche Judentum der Vergangenheit gibt es nicht mehr, es ist von den Nazis vernichtet worden. Die heutigen jüdischen Gemeinschaften seien von Migration geprägt, sagte Theilhaber. Die Mehrheitsgesellschaft hege dagegen Klischees von den Juden. Die unter den Kontingentflüchtlingen grassierende Altersarmut passe zum Beispiel nicht ins Bild vom reichen Juden.
Seit dem 7. Oktober 2023 vermehrten sich die Forderungen an Juden in Deutschland nach Distanz zum Staat Israel. Man verlange von Juden, dem Zionismus abzuschwören, berichtete Theilhaber. Es gebe eine „Obsession gegen Israel“, so eine andere Stimme. Manche jüdische Meinung wolle man nicht länger hören, sie würden ausgegrenzt. Eine Teilnehmerin berichtete von der bitteren Erfahrung, dass jüdische Kulturschaffende wie sie nicht mehr eingeladen würden. „Ich habe drei Viertel meiner Kooperationspartner verloren. Deshalb bin ich heute mehr in jüdischen Räumen unterwegs. Ich will aber nicht aus Deutschland weggehen, mich ausschließlich in jüdischen Räumen bewegen.“ Eine mögliche Konsequenz: Juden werden wieder jüdischer, ziehen sich in ihren eigenen Kosmos zurück. So zerbrechen Gemeinsamkeiten. „Ich fühle mich nicht mehr zugehörig.“ Wenn Sätze wieder dieser fallen, sollte die Mehrheitsgesellschaft alarmiert sein.
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