Protest gegen Stellenabbau – Angestellte von Tamedia fordern «Journalismus statt KI»

- Über 400 Journalisten und Leserinnen demonstrierten am Mittag laut Angaben der Tamedia-Redaktionen gegen Entlassungen bei Tamedia.
- Vor dem Hauptgebäude des Tamedia-Verlags an der Zürcher Werdstrasse forderten die Medienschaffenden einen sofortigen Kündigungsstopp.
- An der Kundgebung trat auch der Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta (SP) auf. In seiner Ansprache sagte er, er wolle weiterhin von Journalisten produzierte Texte lesen, nicht solche von KI‑Agenten.
- Tamedia-Sprecher Edi Estermann erklärte, es sei eine schwierige Zeit und schwierig, den Journalismus am Leben zu erhalten. Es gehe darum, die künstliche Intelligenz so zu nutzen, dass sie den Journalismus nicht zerstöre.
Der Frust und die Verunsicherung der Tamedia-Belegschaft sind gross. «Wir können nicht mehr», sagte eine Kundgebungsteilnehmerin an der Protestaktion. «Wo sollen denn überhaupt noch Entlassungen gemacht werden?» Denn die Ressourcen seien schon jetzt sehr knapp.
Die Redaktionen werfen der Geschäftsleitung vor, die Folgen von Fehlentscheidungen und nicht funktionierenden Strategien stets auf das Personal abzuwälzen. Auf den Redaktionen dürfe nicht mehr gespart werden. An der Kundgebung wurde auf Schildern «Journalismus statt KI» gefordert.
Es brauche einen «Dialog auf Augenhöhe und echte Verhandlungen mit den Gewerkschaften», so Stephanie Vonarburg von der Gewerkschaft Syndicom.
TA-Mitarbeitende demonstrieren gegen den Stellenabbau
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Bild 1 von 3. Vor dem Hauptsitz des Tamedia-Konzerns demonstrierten Angestellte gegen den geplanten Stellenabbau. Bildquelle: Keystone/Michael Schmid.
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Bild 2 von 3. Grosses Thema ist die KI: Denn mit KI begründet der TX-Konzern unter anderem den Stellenabbau. Bildquelle: Keystone/Michael Schmid.
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Bild 3 von 3. 2026 wurde der Stellenabbau in mehreren Medien in der Schweiz mit KI begründet. Bildquelle: Keystone/Michael Schmid.
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Der Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta unterstützte die Demonstrierenden. «Medien sind extrem wichtig für unsere Gesellschaft, für unsere Demokratie und unsere Kultur», sagte er. Gegenwärtig werde Journalismus aber durch KI-Agenten aus den USA ersetzt: «Das darf nicht sein. Wir müssen dagegenhalten.»
Irgendwann werde es nicht mehr genug Menschen geben, die recherchieren können, warnte der Stadtpräsident. «KI-generierter Inhalt hat nicht mehr viel mit Journalismus zu tun», so Raphael Golta.
TA-Media plant 34 Vollzeitstellen abzubauen. Und gleichzeitig hat der Mutterkonzern vor zwei Monaten einen Gewinn von 67 Millionen Franken gemeldet. Entlassungen trotz Gewinn: Wie geht das zusammen?
Die TX-Group macht vor allem mit dem digitalen Angebot Gewinn, mit dem Jobportal und dem Immobilienportal. Die Bezahltitel der TX-Group, die unter Tamedia laufen, also zum Beispiel Tages-Anzeiger, Berner Zeitung, Basler Zeitung oder die Zürcher Regionalzeitungen, haben eine relativ kleine Marge.
Sie machen Gewinn, aber in einem niedrigen einstelligen Prozentbereich. Das Problem: Der Gewinn, wird nicht grösser, egal wie viel Tamedia spart. Er bleibt sehr, sehr klein.
Tamedia betont ja, dass diese Kündigungen nötig seien, weil man weniger Geld durch Werbung mache. Ist es nicht besser, dass die Redaktion jetzt entsprechend aufgestellt wird?
Tamedia versucht das ja seit Jahren, es ist das siebte Sparprogramm innerhalb von sechs Jahren. Man kommt nicht vom Fleck. Theoretisch stimmt diese Aussage schon: Es werden immer weniger Inserate und Tamedia verliert bei den Print-Abos. Aber die Print-Abos sind in Bezug auf Werbung einfach mehr wert als die Digitalabos. Dazu kommen steigende Kosten in Druck und Vertrieb. Und wenn man das alles zusammennimmt, dann ist klar: Die Kurve zeigt nach all diesen Jahren einfach immer noch nach unten. Und diese Entlassungen haben bisher nur dazu geführt, dass diese Kurve einigermassen stabil bleibt.
Die Belegschaft ist auch verärgert, weil die Ankündigung der Entlassungen fünf Tage nach dem Auslaufen eines Entlassungsstopps erfolgt. Warum kommt es bei Tamedia immer wieder zu Entlassungen?
Die Angestellten von Tamedia finden: Es fehle eine Strategie. Was stimmt: Die Strategie hat sich in den letzten Jahren immer wieder etwas geändert. Und ein Faktor, für den Tamedia auch nicht viel dafür kann, ist: KI. Das führt nochmals zu einem Strategiewechsel. Was aber stimmt: Das Grundproblem bei Tamedia ist nicht gelöst. Man hat keinen Weg gefunden, im Digitalen so viele neue Abos zu gewinnen, und so interessant zu werden für die Werbewirtschaft, sodass die Einnahmen gesteigert werden. Das hat viele Gründe. Ein Beispiel: Wer bei der grossen Konkurrenz, also Google, Werbung buchen will, kann das mit ein paar Klicks machen. Bei einem Schweizer Medienunternehmen ist der Aufwand wesentlich grösser. Und unter Umständen zahlt man dann mehr und bekommt weniger fürs Geld. Das ist und bleibt ein Hauptproblem: die Konkurrenz aus den USA in Form von Meta und anderen.
Tamedia plant, für journalistische Texte mehr KI einzusetzen und so Stellen zu streichen. Wird KI gefährlich, wenn es um Arbeitsplätze im Journalismus geht?
Was man 2026 zum ersten Mal sieht, ist, dass Journalistinnen und Journalisten wegen KI entlassen werden. Das wird bei Tamedia als Grund genannt, bei Ringier und bei der SRG. Ob das gefährlich ist, oder einfach eine normale Entwicklung, die einfach kommt, das sei dahingestellt.
Was bedeutet die Ankündigung von Tamedia für die Medienvielfalt in der Schweiz?
Man sollte nicht vergessen, dass nicht nur Tamedia abbaut. Ringier hat einen Abbau verkündet, die SRG verkündet immer wieder einen Abbau. 2026 ist ein extremes Jahr für die Medienlandschaft. Aber auch die Jahre zuvor waren brutal. Vor ein paar Jahren waren wir noch über 10'000 Leute, die fest für Medien gearbeitet haben in der Schweiz. Und diese Zahl zeigt jedes Jahr deutlicher nach unten. Und das heisst für die Vielfalt, die Berichterstattung, die Politik, die Demokratie, den Zusammenhalt und das Informationsbedürfnis der Menschen nicht sehr viel Gutes.
Die Fragen an SRF-Medienredaktor Salvador Atasoy stellte Can Külahcigil.
Das Verlagshaus Tamedia hatte vor rund zwei Wochen den Abbau von 34 Vollzeitstellen in der Deutsch- und Westschweiz angekündigt. Das Personal verlangt mehr Mitsprache und möchte zusammen mit der Geschäftsführung nach Alternativen zu den Kündigungen suchen.
Tamedia hält an Massnahmen fest
Tamedia-Sprecher Edi Estermann sagte: «Wir verstehen den Ärger, die Wut und den Frust. Aber Tamedia wird an den Massnahmen festhalten müssen.» Tamedia befinde sich in einem Transformationsprozess, wie alle Medienhäuser. «Die Transformation ging aber viel zu wenig schnell im Vergleich zum Medienwandel. Darum ist ein Stellenabbau, neben vielen anderen Massnahmen, leider unumgänglich.» Es sei eine schwierige Zeit und Tamedia versuche, den Journalismus am Leben zu erhalten und stehe immer noch für Qualitätsjournalismus.
Das Medienhaus beschäftige immer noch mehrere hundert Journalisten. KI müsse so genutzt werden, dass sie den Journalismus unterstütze, aber nicht zerstöre. Aber, so Edi Estermann weiter: «Ich kann nicht sagen, dass das die letzte Transformation war, das kann kein Medienhaus.» Niemand hätte vor ein paar Jahren erwartet, dass KI den Markt so schnell verändern würde.
Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 20.10.2026, 17:30 Uhr ; hugk/sda;ledn;liea
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