Unfallforscher: Handynutzung am Steuer nimmt zu
Was einige Autofahrer selbst als nur als eine kurze Ablenkung am Lenkrad wahrnehmen, entwickelt sich auf deutschen Straßen zu einem wachsenden Problem: Die Handynutzung am Steuer nehme gerade unter jungen Fahrern dramatisch zu, berichtete der Unfallforscher Siegfried Brockmann von der in Winnenden bei Stuttgart ansässigen Björn Steiger Stiftung der dpa.
„Meine Prognose ist, dass wir davon noch viel mehr sehen werden, weil die Digital Natives ja gerade erst am Steuer angekommen sind und die eben überhaupt keine Minute aushalten können, ohne zu gucken, ob es irgendwas Neues gegeben hat“, meint Brockmann. Je jünger und unerfahrener die Autofahrer dabei seien, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht richtig einschätzen könnten, wann sie kurz eine Sekunde von der Fahrbahn wegschauen könnten.
Zahlreiche Smartphone-Verstöße
Wie viele Menschen beim Fahren zum Handy greifen, lässt sich nur schwer abschätzen. Einen Versuch hat der Auto Club Europa (ACE) unternommen: Bei mehr als 300 bundesweiten Überprüfungen an innerörtlichen Kreuzungen stellten Ehrenamtliche des Verkehrsclubs zwischen April und Juli fest, dass im Durchschnitt bei 3,3 Prozent der kontrollierten Fahrzeuge am Steuer verbotswidrig und klar erkennbar das Smartphone benutzt wurde.
An einer Kreuzung in Stuttgart sei der bundesweit höchste Wert von 17,9 Prozent verzeichnet worden. Bei lediglich vier Checks in Braunschweig (Niedersachsen), Jüterbog (Brandenburg), Oschatz (Sachsen) und Trostberg (Bayern) wurden dagegen keine Verstöße gemeldet. Das sind natürlich nur Momentaufnahmen, die lediglich auf einen gewissen Trend hinweisen könnten.
Die Momentaufnahme der Stichprobe des ACE zeigt große Unterschiede zwischen den Bundesländern.
(Bild: ACE)
Schwer nachzuweisendes Tippen
Bei Erhebungen dieser Art müsse man scharf unterscheiden, was genau gemeint sei, betonte Brockmann. Das Handy am Ohr zu haben sei etwas ganz anderes, als dass das Handy zum Texten unten auf dem Schoß liege. Wenn jemand Textnachrichten während des Fahrens lese oder schreibe, sei dies sehr viel schwieriger nachweisbar. In amtlichen Statistiken komme dies jedoch immer nur mit einem sehr geringen Prozentsatz vor. „Das heißt aber nicht, dass es nicht vorkommt, sondern dass man es nicht nachweisen kann.“
Fachleute forderten beim Verkehrsgerichtstag in Goslar Anfang des Jahres, dass es zwei Punkte in Flensburg dafür geben sollte, wenn man beim Autofahren das Handy in die Hand nimmt – derzeit bekommt man dafür einen Punkt. Den Empfehlungen der Experten zufolge soll zudem das Bußgeld für Handy-Vergehen auf mindestens 250 statt 100 Euro angehoben werden. Bei einer Gefährdung sollten, argumentierten die Experten, die Bußgelder auf 500 Euro und bei einer Schädigung auf 750 Euro steigen. Umgesetzt ist das bislang nicht.
„Gefahr der Entdeckung“ erhöhen
Brockmann hält nichts von höheren Strafen. Im Vergleich zu Geschwindigkeitsverstößen seien Verstöße gegen Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung – den sogenannten Handy-Paragrafen – mit Blick auf ihre Gefahr schon korrekt eingeordnet. Vielmehr gehe es darum, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass das Tippen am Steuer häufiger entdeckt werde. Das Land Rheinland-Pfalz gehe dabei mit sogenannten Handyblitzern voran, die von schräg oben blitzten.
Mit keiner Strafe der Welt werde man es schaffen, dass die Jüngeren ihr Handy komplett weglegten, meint Brockmann. Vielmehr hofft er auf technische Optimierungen etwa bei Spracheingaben, mit denen Textnachrichten verbal eingegeben werden können. Wenn dies besser werde, würden Autofahrer seltener selbst tippen.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.