Berner Komponist – «Richtige Ohrwürmer»: Wiederentdeckung eines Klangvisionärs

«Richtige Ohrwürmer» seien die Motive von Adolf Reichels ersten beiden Sinfonien, findet Christoph-Mathias Mueller. Er ist Professor für Orchesterdirigieren an der Zürcher Hochschule der Künste und hat die beiden Werke erstmals mit den Berner Sinfonikern eingespielt.
Damit lässt sich endlich eine Frage mit «sehr gut» beantworten, die Reichels wohl radikalsten Freund 1849 schon brennend interessierte: den russischen Anarchisten Michail Bakunin. Wegen Teilnahme an der gescheiterten Dresdner Mairevolution inhaftiert, bat Bakunin Reichel nicht nur um Zigarren, Geld und Mathematikbücher, sondern fragte auch: «Wie steht es um die Sinfonien?»
Bürgerlicher trifft Berufsrevolutionär
Reichel hatte den später weltberühmten Anarchisten 1842 in Dresden kennengelernt. Nicht auf der Barrikade, sondern im Salon, im Kreis des Philosophen Arnold Ruge.
Bei ihren Gesprächen würde man aus heutiger Perspektive gerne Mäuschen spielen, findet Christoph-Mathias-Mueller: auf der einen Seite des Tisches der Komponist, Dirigent und Pianist aus gutbürgerlichem Hause, auf der anderen der Berufsrevolutionär.
Sie diskutierten über Hegel, Freiheit und darüber, wie viel Ordnung eine Gesellschaft wohl bräuchte. Und doch hält diese Freundschaft über politische Gräben hinweg ein ganzes Leben.
Fehlendes Selbstmarketing
Doch während Bakunin die Historiker beschäftigte, wusste kaum jemand von Reichels Musik. Und das, obwohl Reichel zu seiner Zeit bekannt und sehr gut ausgebildet war: In Berlin studierte er Komposition bei Siegfried Dehn, der auch Michail Glinka unterrichtete. Bei Ludwig Berger, dem Lehrer Mendelssohns, lernte er Klavier.
Als Sohn eines westpreussischen Grossgrundbesitzers verfügte Reichel zudem über die finanziellen Möglichkeiten, einige Jahre nach Paris zu gehen. Dass Reichel später in Vergessenheit geriet, lag Christoph-Mathias Mueller zufolge vor allem am fehlenden Selbstmarketing des Komponisten.
Symphonieorchester spielt seinen Gründer
Nachdem Reichel das politische Klima in Deutschland zunehmend Sorgen bereitete, folgte er 1867 einem Ruf als Musikdirektor nach Bern. Dort prägte er das Musikleben der Stadt entscheidend: Unter seiner Leitung entstand 1877 der Bernische Orchesterverein, aus dem das heutige Berner Symphonieorchester hervorging.
Anlässlich seines 210. Geburtstags spielt nun ausgerechnet dieses Orchester Reichels Musik ein, was eine weitere Pointe in Reichels beinahe filmreifer Biografie darstellt. Christoph-Mathias Mueller musste jedenfalls «keine grosse Überzeugungsarbeit leisten».
Im Gegenteil: Er hofft, dass Bern jetzt auch «ein bisschen mit Stolz auf ihren Gründer schaut» und Reichels Musik ihren Weg in die Konzertsäle findet. Sie steht in der klassisch-romantischen Tradition: Beethoven, Mendelssohn und Schumann sind nicht weit.
Dennoch hat sie eine eigene Handschrift: überraschende Wendungen, prägnante Motive, Zug und Charme. Für Christoph-Mathias Mueller liegt genau darin ihr Reiz. Reichels Musik, sagt er, mache «auf intellektuelle und emotionale Art glücklich».
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.