Mit Iced Coffee zum Interview: Job-Killer oder typisch Gen Z?

Du willst dir einen neuen Job sichern – doch ausgerechnet dein Wachmacher fürs bevorstehende Bewerbungsgespräch könnte deine Chancen verringern. Denn wer mit einem Iced Coffee zum Termin erscheint, soll unprofessionell wirken. Darüber streiten junge Menschen aktuell auf den sozialen Netzwerken. In einem Tiktok kritisiert eine US-Personalvermittlerin das Auftreten mancher Bewerberinnen und Bewerber der Gen Z. Sie beobachte immer häufiger, dass diese mit einem Kaffee mit Eis und Röhrli zum Vorstellungsgespräch erscheinen. «Das wirkt zu lässig», kritisiert sie.
Für sie entstehe dadurch der Eindruck, das Gespräch sei nur ein Punkt von vielen: «Erst shoppen, dann kurz zu Starbucks, danach das Interview und anschliessend direkt zum nächsten Termin.» Das wirke zu locker und so, als nehme man die Bewerbung nicht wirklich ernst. Ihr Rat: «Den Kaffee lieber vor oder nach dem Gespräch trinken, aber nicht währenddessen.»
Worauf achtest du bei einem Bewerbungsgespräch am meisten?
«Was hat ein Kaffee bitte mit Arbeitsmoral zu tun?»
Ihr Video löste im Netz eine riesige Diskussion aus. In Tausenden Kommentaren prallten mehrere Sichtweisen aufeinander: Die einen finden die Aufregung übertrieben. «Ein Vorstellungsgespräch ist nun mal nur ein Termin in meinem Tag», schreibt eine Nutzerin. Eine andere nimmt die Gen Z in Schutz und fragt: «Was hat ein Kaffee bitte mit Arbeitsmoral, Erfahrung oder Intelligenz zu tun?»
Andere geben der Personalvermittlerin recht. «Lass den Kaffee im Auto», heisst es etwa. Ein weiterer Kommentar betont: «Man sollte mit nichts in den Händen hereinkommen. Die Hände müssen frei sein, um Türen zu öffnen und Hände zu schütteln.»
Der Zeitpunkt kann den Unterschied machen
Ein anderer Nutzer bringt die Debatte so auf den Punkt: Es gehe weniger darum, ob man grundsätzlich mit einem Kaffee ins Büro kommen dürfe, sondern um den ersten Eindruck. Beim Bewerbungsgespräch wolle man zeigen, dass man den Anlass ernst nimmt und die ungeschriebenen Regeln des Umfelds versteht. Wer später im Arbeitsalltag mit einem Kaffee ins Büro kommt, für den spiele das vermutlich keine Rolle mehr.
Der Nutzer vergleicht es mit einem ersten Date: Hat man dabei etwas zwischen den Zähnen, kann das schnell ungepflegt oder irritierend wirken. Ist man dagegen schon seit vier Monaten zusammen, wird dieselbe Situation eher als kleine, lustige Alltagspanne wahrgenommen. Entscheidend sei also nicht der Kaffee selbst, sondern der Zeitpunkt, zu dem man damit erscheint.
Das sagt eine Schweizer Bewerbungsexpertin dazu
Bewerbungsgespräche seien bis heute stark ritualisierte Situationen, erklärt Selma Kuyas, Zürcher Expertin für Personal Branding und Karriere. Viele der geltenden Regeln stammten aus einer Arbeitswelt, die deutlich formeller und hierarchischer gewesen sei als heute. «Wer von diesen ungeschriebenen Codes abweicht, fällt deshalb schnell auf und wird leicht als zu locker oder wenig respektvoll wahrgenommen.»
Über die Expertin
Selma Kuyas ist Expertin für Personal Branding und Karriere in Zürich, zweifache Linkedin-Top-Voice und Co-Host von «Karriereformel – Der Podcast für Karriere und Business».
Ein Iced Coffee mit Röhrli könne den Eindruck auslösen: «Diese Person nimmt den Termin nicht ernst genug.» Kuyas sagt aber auch, dass genau hier die spannendere Frage beginne: «Ist ein Eiskaffee wirklich eine Frage des Respekts oder einfach nur ein Verstoss gegen eine Gewohnheit?»
«Die schwierigsten Regeln im Bewerbungsgespräch sind oft die, die nirgends ausdrücklich festgehalten werden», so die Expertin. Dass man pünktlich, vorbereitet und freundlich erscheinen sollte, wüssten die meisten. Anspruchsvoller seien die feinen sozialen Codes: «Zehn Minuten zu früh sind aufmerksam, dreissig Minuten zu früh können schon wieder übertrieben wirken.»
Ob Bewerberinnen und Bewerber ein Gespräch ernst nehmen, zeigt sich laut Kuyas weniger an Äusserlichkeiten als an ihrer Vorbereitung. «Entscheidend ist, ob sie sich mit dem Unternehmen und der Stelle auseinandergesetzt haben, nachvollziehbar erklären können, warum sie genau diesen Job wollen, und im Gespräch aufmerksam zuhören.» Wer gute Fragen stellt und die eigenen Erfahrungen anhand konkreter Beispiele erläutern kann, vermittle Professionalität.
Wie siehst du das? Hast du schon einmal ein Getränk zum Bewerbungsgespräch mitgenommen?
Yasmina Al Dubai (yad), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juni 2026 bei 20 Minuten. Sie ist Praktikantin im Lifestyle-Ressort.
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