Zum 100. Geburtstag – Klaus Kinski: Zwischen «Weltwunder» und «ultimativer Pest»

Klaus Kinski (1926–1991) war berühmt-berüchtigt für seine Tobsuchtsanfälle und Beleidigungen in Interviews und auf dem Set. «Ich muss mir von einer Analphabetin nicht so einen Quatsch erzählen lassen, ihr seid eine Bande von Idioten», beschimpfte der deutsche Star etwa eine Journalistin in einem legendären TV‑Interview. Auf dem Set von «Fitzcarraldo» tickte er immer wieder schreiend aus.
Dieses provozierende Benehmen und diese Intensität kennt der Schweizer Fotograf Beat Presser: «Der Klaus hat sich halt gerne jeweils an jemandem gerieben, aber er hat sich ja nicht an allen reiben können und an mir eigentlich am wenigsten.» Er habe, so Beat Presser lachend, halt gute Fotos gemacht.
Eine Symbiose, von der beide profitierten. Beat Presser schoss ikonische Bilder des charismatischen Kinohelden, die um die Welt gingen. Er fotografierte ihn über 14 Jahre lang – entstanden ist das weltweit grösste Fotoarchiv über den deutschen Darsteller.
Kennengelernt haben sich Beat Presser und Kinski 1976 auf einem Filmset in Paris, als der Fotograf den als schwierig geltenden Kinski mutig fragte, ob er auf das Cover seiner Zeitschrift «The Village Cry» wolle. Er habe sich das Fotomagazin in aller Ruhe angeschaut und dann moniert: «Nur aufs Cover?» Es erschienen dann doch mehrere Fotos.
Das war der Beginn einer jahrelangen Freundschaft mit einem, der als Ausnahmetalent, aber auch als extrem, unberechenbar und grenzenlos galt. Als Person und in seinen Rollen.
Kinski spielte von 1960 bis 1990 in über 160 Filmen mit: darunter Edgar-Wallace-Verfilmungen und viele Italowestern. Oft wurde er als Psychopath, Schurke oder Getriebener besetzt und zählte da auch international zu den gefragtesten Schauspielern. Legendär sind Kinskis Filme mit Regisseur Werner Herzog. Von «Aguirre, Zorn Gottes» über «Woyzeck» bis hin zu «Nosferatu – Phantom der Nacht» – eine schwierige, aber fruchtbare Zusammenarbeit.
Wahnsinn im Dschungel
Extrem: «Fitzcarraldo». Die Geschichte eines Besessenen, der mitten im peruanischen Amazonasgebiet ein Opernhaus errichten möchte und dafür ein Dampfschiff über einen Berg ziehen lässt. Und mittendrin: Beat Presser als Kamera-Assistent und Standfotograf.
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Bild 1 von 5. Beat Presser lernt Klaus Kinski Mitte der 1970er-Jahre kennen. Hier fotografiert er den Schauspieler im Dino-de-Laurentiis-Studio in Rom. Bildquelle: Beat Presser.
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Bild 2 von 5. Eine Kleinigkeit konnte reichen und er explodierte: Klaus Kinski ist für sein Aufbrausen mindestens genauso berühmt wie für seine Filme und Rezitationen. (27.11.1971). Bildquelle: KEYSTONE/DPA/Bertram.
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Bild 3 von 5. Beat Presser erinnert sich an eine Amazonas-Kanufahrt beim «Fitzcarraldo»-Dreh: Kinski hätte plötzlich geschrien, die Urwaldtiere seien still geworden. «Er hat Herzog beschimpft wie ein Verrückter. Eine Viertelstunde lang. Dann auf einmal Abbruch. Er drehte sich zu mir um und sagte: ‹Weisst du, ich mache das nur, um meine Stimme intakt zu halten.›». Bildquelle: Beat Presser.
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Bild 4 von 5. Kinski war nicht nur im echten Leben impulsiv, sondern auch als Schauspieler auf die Darstellung psychopathischer und getriebener Figuren spezialisiert – wie hier in «Woyzeck» (1979) – mit Eva Mattes. Bildquelle: IMAGO images/Everett Collection.
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Bild 5 von 5. Mit Regisseur Werner Herzog pflegte Klaus Kinski eine intensive Partnerschaft. Mit ihm drehte er auch «Nosferatu – Phantom der Nacht» (1979): Kinski als Graf Dracula und Bruno Ganz (links) als Jonathan Harker. Bildquelle: imago images/Album.
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Sieben Monate lang extreme Drehbedingungen im heissen Dschungel: Beat Presser erlebte Kinskis Professionalität, seine Ehrlichkeit, seine Hingabe, aber auch seine Exzentrik und die Hassliebe zwischen Regisseur Werner Herzog und dem Schauspieler hautnah mit. Davon zeugen seine faszinierenden Fotos.
Auch bei den Dreharbeiten von «Cobra Verde», der letzten Zusammenarbeit von Kinski und Herzog, war Beat Presser als Fotograf dabei. Da erlebte er das Cholerische des Kinohelden am eigenen Werk.
Werner Herzog sei in sein Haus gestürmt und habe ihm gestanden, es sei etwas Schreckliches passiert, so Beat Presser. «Der Kinski hat einen Teil deiner Fotos zerstört. Er hat den Schraubenzieher genommen und hat sie durchlöchert!» Der Fotograf nahm es gelassen: «Ich hatte ja genügend gute Bilder gemacht.»
Symbiose mit einem Schwierigen
Der Basler hatte eine harmonischere Beziehung zu Klaus Kinski als viele andere: «Wir haben sehr gut zusammengearbeitet und das war das Einzige, das mich wirklich interessiert hat. Das war das, was mich fasziniert hat an ihm. Nicht, ob er mal einen Tisch kaputt gemacht hat irgendwo in einem anderen Erdteil. Das hat ja mit mir nichts zu tun.»
Die Ambivalenz von Klaus Kinski wird in Beat Pressers Bildern eindrücklich sichtbar. Genie und Wahnsinn. Licht und Schatten. Das macht die Fotos zu ikonischen Erinnerungen an einen, der bis heute polarisiert.
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