Q&A zu Protesten in Frankreich – Unruhen in Frankreich: Antworten auf Ihre Fragen

Die Ausschreitungen in Frankreich sorgen weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit. In einem Live-Q&A haben Fachpersonen Ihre Fragen dazu beantwortet.
Wieso kam es zu den Protesten?
Die Proteste begannen an einer Schule in einem Pariser Vorort. «Wegen überfüllten Klassen, Lehrermangel und maroden Gebäuden», sagt Frankreich-Korrespondentin Mirjam Mathis. «Über die sozialen Medien hat sich der Protest schnell auf das ganze Land ausgeweitet».
Mirjam Mathis
Frankreich-Korrespondentin
Mirjam Mathis ist seit 2022 SRF-Korrespondentin in Frankreich (Paris). Zuvor arbeitete sie als Korrespondentin in der Westschweiz und als Redaktorin und Moderatorin beim Regionaljournal Zentralschweiz. Mathis hat in Genf Internationale Beziehungen studiert und einen Master in Journalismus absolviert.
Begünstigt dadurch, dass im Land seit längerer Zeit eine grosse Unzufriedenheit herrsche, ergänzt SRF-Frankreich-Korrespondentin Zoe Geissler.
Zoe Geissler
Auslandredaktorin
Zoe Geissler ist SRF-Auslandredaktorin. Ab Frühjahr 2025 wird sie für SRF als Frankreich-Korrespondentin aus Paris berichten. Sie hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Gender-Studies an den Universitäten Zürich und St. Gallen (HSG) studiert.
«Viele machen sich Sorgen um ihre Zukunft, über die hohen Lebenshaltungskosten oder darüber, dass der Staat bei öffentlichen Dienstleistungen spart. Und viele haben das Gefühl, dass die Politik ihnen nicht zuhört».
Das teils harte Eingreifen der Polizei bei friedlichen Protesten wiederum führte dazu, dass die Unterstützung von Lehrpersonen, Gelbwesten und anderen Bevölkerungsgruppen grösser wurde.
Wer sind die Protestierenden?
Aktuell sei keine detaillierte Auswertung der festgenommenen Personen nach möglichem Migrationshintergrund bekannt, sagt Daniel Glaus, SRF-Fachredaktor Extremismus, auf die Frage nach der Rolle von Migrantinnen und Migranten bei den Protesten.
Daniel Glaus
Fachredaktor Extremismus
Daniel Glaus ist seit 2015 Inlandredaktor beim Schweizer Fernsehen, zu seinen Dossiers zählen Extremismus und Terrorismus. Zuvor arbeitete der Investigativjournalist beim Recherche-Desk von «Sonntagszeitung» und «Le Matin Dimanche».
«Was ich eher als Gemeinsamkeit der Gewalttäter vermute: ein Zerfall des Respekts gegenüber Staat, Polizei und Verwaltung, bei den Plünderungen auch ein Verlust des Respekts vor fremdem Eigentum». Zudem: «Ein Teil der Gewalt hat wahrscheinlich gar keinen politischen Hintergrund. Es gibt aber die Theorie in extremistischen Gruppen, dass Gewalt nötig sei, um Änderungen herbeizuführen», sagt Glaus.
Ein Teil der Gewalt hat wahrscheinlich gar keinen politischen Hintergrund.
Trotz der Gewalt bei den Protesten: «Wir haben tausende Schüler an den friedlichen Demonstrationen gesehen, bei denen zweimal rund eine halbe Million Menschen auf der Strasse waren», sagt Mathis. «Leider haben es die Krawallmacher geschafft, die Aufmerksamkeit auf die Zerstörungswut einer Minderheit zu lenken.»
Wie gross sind die bisherigen Schäden?
Das zerstörte Rathaus in Limoges sei wohl das krasseste Beispiel der Ausschreitungen, sagt Mathis. «Leider ist aber auch das Ausmass der Zerstörung in verschiedenen Städten Frankreichs symbolisch für die Eskalation. Über 1000 Geschäfte wurden beschädigt, besonders betroffen waren laut ersten Schadensbilanzen die Innenstädte von Paris, Marseille, Lyon und Bordeaux.»
Wie reagiert die Politik?
Ab 2028 sollen die Klassen verkleinert, mehr Lehrpersonen als ursprünglich geplant eingestellt und ein neues System zur Vergabe der Studienplätze eingeführt werden.
Bis zu den Wahlen bleibt eine grosse Skepsis bei den Schülern und den Lehrern, sie wollen deshalb weiter protestieren.
«Das sind alles Massnahmen, deren Umsetzung am Ende auch vom nächsten Präsidenten oder der nächsten Präsidentin abhängt», sagt Mathis. «Bis dahin bleibt eine grosse Skepsis bei den Schülern und den Lehrern, sie wollen deshalb weiter protestieren, bis sie konkrete Veränderungen sehen.»
Haben die Proteste Auswirkungen auf die Wahlen?
«Auf jeden Fall dürften die Proteste im Wahlkampf eine wichtige Rolle spielen», sagt Zoe Geissler, Frankreich-Korrespondentin für SRF. «Welche Partei schlussendlich davon profitieren wird, ist schwierig vorherzusagen, derzeit scheint es, als ob vor allem die Polparteien davon profitieren könnten.»
Französische Wahlen haben schon einige Male Überraschungen erlebt.
Bis zu den Präsidentschaftswahlen im April 2027 geht es jedoch noch einige Monate. «Bis dann kann sich die Stimmung verändern und es können ganz andere Themen in den Vordergrund rücken. Französische Wahlen haben schon einige Male Überraschungen erlebt.»
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