Sexualisierung von Frauensport: „Schlag ins Gesicht für jede Frau“

Eine Werbekampagne mit der US-Schauspielerin Sydney Sweeney ruft weltweit bei Spitzensportlerinnen Unmut hervor. Es geht um den sexualisierten Blick.
Mehr als 16.000 Zuschauer haben vor knapp zwei Wochen im Sinan Erdem Dome von Istanbul zugesehen, wie die Gastgeberinnen im EM-Viertelfinale die deutschen Volleyballerinnen bezwingen konnten. Hierzulande hat das breite Sportpublikum davon wenig mitbekommen. Die Spiele waren nur über kostenpflichtige Streams zu sehen. Aber Trainer Giulio Bregoli und den Spielerinnen blieb der Stolz, es erstmals seit 2019 wieder in ein Viertelfinale geschafft zu haben.
Deutlich mehr Schlagzeilen und Aufmerksamkeit konnte dieser Tage die Werbekampagne für einen Sportwettenanbieter mit US-Schauspielerin Sydney Sweeney sorgen. „Just Sports“ heißt sie irreführenderweise, denn um den Sport an sich geht es nicht.
Vielmehr richtet sich die Kampagne darauf, wie viele Männer auf den Sport blicken. Denn Sportwetten schließen vor allem Männer ab. In Deutschland wetten sie im Vergleich zu Frauen fast fünfmal so viel auf Sportereignisse.
Und so wird die normschöne, blonde Sweeney nackt oder halbnackt mit einem Football, Fußball, Basketball oder Tennisschlager ausgestattet, um die besonders frequentierten Wettmärkte für die Kundschaft attraktiver zu machen.
Unbeschreibliche Wut
Die deutschen Volleyballerinnen haben sich einem weltweit formierenden Protest von Sportlerinnen angeschlossen und einen Clip von einer EM-Spielszene aus der Türkei gepostet, die überschrieben ist mit dem Satz: „Hey Sydney Seeney, so schauen Frauen im Sport aus.“ Ähnliche Video- und Fotobotschaften von Spitzensportlerinnen sind au Social Media in großer Zahl zu finden.
Sie könne „gar nicht beschreiben, wie wütend“ sie sei, teilte die ehemalige australische Schwimmerin und vierfache Olympiasiegerin Ariarne Titmus via Instagram mit. Die Kampagne sei „nicht nur ein Schlag ins Gesicht für jede Frau, die ihr Leben der Perfektionierung ihres Könnens gewidmet hat, sondern auch für jede Frau, die Sport für das schätzt, was er wirklich ist – Teamarbeit, Freundschaft, Hingabe, Exzellenz, Zusammenhalt“.Der BBC sagte die britische Sprinterin Amy Hunt, Muskeln seien das Ergebnis von „harter Arbeit, Blut, Schweiß und Tränen“. Sport sei „nicht schön“, „nicht glamourös“ und „definitiv nicht immer sexy“.
Die Anzüglichkeit der Kampagne drängt sich geradezu auf. Wie sehr Sportlerinnen aber auch in ihrem Alltag unter dem sexualisierten Blick auf ihre Wettkämpfe leiden, veranschaulichte eine Initiative der European Broadcasting Union (EBU) im Sommer. Diese erstellte einen 23-seitigen Leitfaden zu der Frage: Wie filmt man eine Sportlerin so, dass die Aufnahmen ihr Können würdigen, statt sie zu entwürdigen?
Unter anderem wurde festgehalten, dass aufdringliche Nahaufnahmen von spezifischen Körperteilen – Brust und Gesäß –, die den Fokus von der sportlichen Leistung ablenken, zu unterlassen seien. Ebenso auch Zeitlupen, die keinen Mehrwert für die sportliche Erkenntnis habe.
Deutsche Sportlerinnen wie Stabhochspringerin Sarah Vogel oder die ehemalige Sprinterin Alexandra Burghardt begrüßten vor der Leichtathletik-EM die neuen Richtlinien. Dass es so lange Zeit gedauert hat, bevor sie formuliert wurden, erzählt einiges darüber, was lange für normal und selbstverständlich gehalten wurde.
Bedenkt man zudem, welch ein großes und immer noch sehr dürftig aufgearbeitetes Problem der Sport mit sexualisierter Gewalt hat, ist die Werbekampagne mit Sydney Sweeney erst recht zu verurteilen. Die Sexualisierung von Sportlerinnenkörpern fördert ein Klima, in dem sexualisierte Gewalt bagatellisiert wird.
Das Perfide an solchen Werbekampagnen allerdings ist: Ihr Erfolg nährt sich von Aufmerksamkeit, ganz gleich, ob sie positiver oder negativer Art ist. Provokation wird deshalb bewusst als Stilmittel eingesetzt. Und just Sweeney ist vielen noch wegen eines anderen streitbaren Engagements in Erinnerung. Erst vergangenes Jahr warb sie für eine US-Modemarke mit dem Slogan „Sydney Sweeney hat tolle Jeans“. Dabei wurde mit dem Gleichklang der englischen Worte für Gene („genes“) und Jeans gespielt. Auch damals wurde vor allem auf Social Media Protest laut. Thematisiert wurde die mögliche rassistische Konnotation.
Wirtschaftlich wurde die Jeans-Werbung als Erfolg verbucht. Und ähnlich könnte es auch bei der aktuellen Kampagne sein. Es ist allerdings auch keine sinnvolle Alternative zu dem provokanten Versuch, einen derartigen Blick wieder zu normalisieren, zu schweigen.
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