Bittersüsse Präkrastination – Hauptsache erledigt! Die Leiden einer Präkrastiniererin

Meine allerliebsten Arbeitskolleginnen nennen mich «The Precrastinator». In Anlehnung an den Terminator. Ich bringe zwar niemanden um wie Schwarzenegger, bin aber nervtötend.
Denn auch wenn die Deadline noch in weiter Ferne ist, bin ich im Aktionsmodus. Ich gleise früh Interviews auf. Ich überlege mir Alternativen, falls mir eine Expertin dann doch absagen sollte. Und formuliere schon erste Sätze, bevor ich überhaupt weiss, welche Aussage mein Artikel hat. Ich versuche, vorzuschaffen. Aus Angst, dass ich es vielleicht nicht schaffen werde. Hauptsache, die To-do-Liste wird schnell kürzer. Gewissenhaft? Vielleicht ein wenig krankhaft.
Präkrastination: Eine gute Sache?
Mein Verhalten wird in der Psychologie Präkrastination genannt. Nicht zu verwechseln mit Prokrastination. Wer prokrastiniert, schiebt auf, sucht Ablenkung, sortiert lieber die Socken oder entfernt jedes noch so kleine Stäubchen, als sich endlich der eigentlichen Aufgabe zu nähern.
Prokrastination kennen viele. Mehr als die Hälfte der Menschen prokrastiniert zumindest gelegentlich, 15 bis 20 Prozent gar chronisch. Präkrastination hingegen, der Gegenpart der Prokrastination, ist wohl vielen kein Begriff.
Warum, weiss der Psychologe Christopher Gehrig, mit dem ich natürlich schon vor Wochen einen Interviewtermin ausgemacht habe. Lange, so Gehrig, sahen Psychologinnen und Psychologen in der Präkrastination einen positiven Gegenpol zur Prokrastination. Entsprechend wenig Beachtung fand das Verhalten in der Forschung: «In der Psychologie fokussiert man meist auf negative Phänomene, die man verbessern kann», so Gehrig. Er ging dem Phänomen auf den Grund. Sein Fazit: Präkrastination hat nicht nur positive Seiten.
Prokrastination wie auch Präkrastination sind Formen der Selbstregulation: zwei Extreme im Umgang mit anstehenden Aufgaben. Anders als Prokrastination ist Präkrastination jedoch häufig aufgabenspezifisch. Wer präkrastiniert, erledigt also nicht grundsätzlich alles möglichst früh. Oft sind es bestimmte Aufgaben, die man als wichtig wahrnimmt und deshalb schnell in Angriff nimmt.
Ich muss aufräumen!
Der Begriff «Präkrastination», der erstmals 2014 wissenschaftlich beschrieben wurde, geht auf den Psychologen David Rosenbaum zurück. Seine Definition: Man beginnt oder erledigt eine Aufgabe möglichst rasch, auch wenn dadurch ein zusätzlicher Aufwand entsteht.
Der «Eimer-Test»
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Der Psychologe David Rosenbaum liess Versuchspersonen zwei Eimer zu einem Ziel tragen. Einer stand nahe beim Startpunkt, der andere weiter entfernt. Obwohl der weiter entfernte Eimer insgesamt weniger Arbeit bedeutet hätte, griffen die meisten zum näheren. Offenbar wollten sie die Aufgabe möglichst schnell beginnen und einen Teil davon sofort abhaken.
Rosenbaum prägte dafür den Begriff «Präkrastination»: die Tendenz, Aufgaben früh zu starten oder zu erledigen, selbst wenn dadurch mehr Aufwand entsteht. Der «Eimer-Test» wurde 2014 durchgeführt.
Christopher Gehrig, auch Vater kleiner Kinder, fügt dazu ein Beispiel aus seinem Alltag an, das ich leider nur zu gut kenne: Wenn die Tochter Mittagsschlaf macht, räumt er schon mal die Spielsachen auf. Obwohl er weiss, dass sich das Kinderchaos nach dem Mittagsschlaf wieder türmen wird. Er spüre «einen inneren Druck, einen Zwang», Ordnung zu machen.
Gehrig hat die Präkrastination in drei Formen eingeteilt:
- Funktionale Präkrastination: Betrifft Menschen, die ihr Zeitmanagement im Griff haben und so Stress vermeiden.
- Angstgetriebene Präkrastination: Betrifft Menschen, die Aufgaben aus Angst vor dem Scheitern oder vor verpassten Deadlines möglichst früh erledigen.
- Zwanghafte Präkrastination: Betrifft Menschen, die einen inneren Druck verspüren, Aufgaben sofort anzugehen.
Die beiden Letzteren seien maladaptiv, so Gehrig. Das heisst: «Sie verschaffen kurzfristig Erleichterung, können aber langfristig der Gesundheit schaden.»
Vorsichtige Selbstdiagnose: Ich tendiere zu Form 1. Und manchmal, fürchte ich, zu 2 oder 3.
Gepard und Vogel Strauss
Meine Kollegin, die Philosophin Barbara Bleisch, würde ich der ersten Form zuweisen. In meinen Augen ist sie die Gewissenhaftigkeit in Person. Über sich selbst sagt sie, sie sei «eher Präkrastiniererin». Nur die Steuererklärung müsse immer warten. Ich will von ihr wissen: Wie sieht sie als Philosophin, die auch schon über Prokrastination nachgedacht hat, die Präkrastination?
Für den Umgang mit unliebsamen Aufgaben nennt sie zwei Taktiken aus dem Tierreich: «Die einen wenden die Vogelstrauss-Taktik an: Kopf in den Sand stecken und abwarten; im besten Fall erledigt sich die Sache von selbst. Die anderen leben nach Taktik Gepard: Dem Zeitdruck entwischen, indem sie schneller sind, als der Stapel der Aufgaben wächst.»
Barbara Bleisch sagt: «Präkrastinierer sind für die Umgebung oft angenehm. Sie versäumen wenig bis nichts.» Das Grundproblem beim Typ «Gepard» aber: «Diese Menschen gehen allzu oft leer aus, denn die Zeit, die sie gewinnen wollen, um nach der Arbeit die wohlverdiente Pause zu machen, kommt nie.»
Alles unter Kontrolle?
Die Vorstellung, irgendwann alles abgearbeitet zu haben, ist für viele eine Traumvorstellung. Für Präkrastinierer, so meine Vermutung, vielleicht sogar die Vollendung.
Doch genau dieses Ziel stellt Barbara Bleisch infrage. Es könne entlastend sein, den Blick vom Aufgabenberg zu lösen: «Letztlich geht es darum, aus dieser Zielfixiertheit, die nur ein Streben nach vorn kennt, ins atelische, nicht-zielfixierte Sein zu finden.»
In die Musse also, in der man nichts muss. Und in der man erst gar nichts abhaken will. Das erinnert an den Gedanken des britischen Autors Oliver Burkeman, der in seinem Bestseller «4000 Wochen – Das Leben ist zu kurz für Zeitmanagement» mit der Vorstellung aufräumt, man könne irgendwann alles erledigt haben.
Unsere Lebenszeit sei begrenzt, argumentiert er: Im Durchschnitt dauert ein Leben 4000 Wochen. Statt immer effizienter werden zu wollen, sollten wir akzeptieren, dass manches liegen bleibt. Entlastung statt Abarbeiten also. Doch genau das fällt schwer in einer rasanten Arbeitswelt, die Produktivität und Effizienz belohnt.
Für Präkrastinierer ist das eine unbequeme Erkenntnis: Wer ständig beschäftigt ist, macht zwar viel. Doch nicht jede Aufgabe, die man sofort anpackt, ist tatsächlich wichtig. Allzu leicht wird Aktivität mit Effizienz verwechselt.
Präkrastination: Zeichen einer Zeit?
«Wenn Umgebungen geschaffen werden, in denen man ständig erreichbar ist, entsteht ein Klima, in dem Präkrastination häufiger wird. Aufgaben scheinen dringlicher, als sie sind», sagt Christopher Gehrig.
Bei Menschen, die aus Angst oder Zwang heraus präkrastinieren, sieht man eine hohe Korrelation mit chronischem Stress.
Mails schnell beantworten, bevor die Zahl in der Inbox ins Unermessliche steigt. Auf der Heimfahrt noch einen Teams-Call machen, damit er erledigt ist, bevor die Care-Arbeit zu Hause ruft. Alles ist theoretisch möglich: Nur macht es auch Sinn?
Meistens kann der Anruf warten. Und das Mail, das so dringlich scheint, erledigt sich meist von selbst. Vielleicht lohnt es sich auch, es sofort zu löschen.
Was tun?
Im Ernst: Christopher Gehrig sagt: «Ich habe in meiner Forschung bei Menschen, die aus Angst oder Zwang heraus präkrastinieren, eine hohe Korrelation mit chronischem Stress zeigen können.» Und chronischer Stress könne zum Burn-out führen. Frühes Erledigen könne zwar eine Stressbremse sein. Wenn das sofortige Abarbeiten zum Muster wird, baue sich die Belastung aber nicht mehr ab, so Gehrig. Was also tun gegen Präkrastination?
Vielleicht hilft es schon, sich kurz vor dem Angehen der Aufgabe zu fragen: Warum mache ich das gerade jetzt? Denn vieles kann warten. Das betont auch Gehrig. Vielleicht sollte man gar das Sprichwort neu formulieren: «Morgen, morgen, nur nicht heute, sagen alle vernünftigen Leute.»
Nur schon meinen Arbeitskolleginnen und -kollegen zuliebe nehme ich mir vor, Aufgaben auf morgen zu verschieben. Oder sogar – ich werde stark sein müssen – auf übermorgen.
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