Annäherung an die EU – Das Schweizer Modell könnte für Kanada zum Vorbild werden

Der Applaus war lang nach der Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney im EU‑Parlament. Wohlwollende Worte gegenüber Europa von jenseits des Atlantiks sind rar geworden, die Sehnsucht danach war in diesem Applaus zu spüren.
Eine «assoziierte Mitgliedschaft» hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gestern in Aussicht gestellt, ohne in die Details zu gehen.
Heute reagierte Carney direkt darauf: «Wir, Kanada, begrüssen diesen Ehrgeiz», sagte er vor dem Parlament. Konkret schwebt ihm vor: eine vertiefte Zusammenarbeit bei kritischen Rohstoffen – Kanada verfüge über Vorkommen von mehr als 34 davon –, bei Verteidigung, künstlicher Intelligenz und Energie. Dazu will Kanada an den EU-Programmen Erasmus+ und Horizon Europe teilnehmen können. Die Details dieser neuen Allianz werden jetzt aber erst ausgearbeitet.
Was rechtlich nicht geht
Sehr viele Fragen sind deshalb noch offen. Dennoch lässt sich einiges zu dieser «Mitgliedschaft» schon sagen. Zunächst einmal ist klar, dass Kanada nicht Vollmitglied der EU werden kann: Die EU-Verträge lassen nur «europäische Staaten» als Mitglieder zu. Für einen Beitritt Kanadas müssten die Verträge geändert werden. Höchst unrealistisch.
Grundsätzlich sind die Beziehungen zwischen der EU und Kanada schon eng. Es gibt das Freihandelsabkommen Ceta, das fast alle Zölle zwischen beiden Seiten aufhebt, bei dem einige EU-Staaten bis heute aber nicht mitmachen wollen. Zudem dürfen kanadische Firmen seit diesem Sommer an EU-Rüstungsausschreibungen teilnehmen.
Was aber möglich ist, und was Carney auch vorzuschweben scheint, ist ein Zugang zum europäischen Binnenmarkt in gewissen Sektoren. Sektorieller Zugang zum Binnenmarkt? Genau, Kanada verfolgt auf technischer Ebene einen sehr ähnlichen Plan, wie ihn die Schweiz mit den bilateralen Verträgen schon hat. Der Unterschied liegt in der Motivation: Der bilaterale Weg der Schweiz ist in erster Linie ein Resultat von wirtschaftlichem Pragmatismus. Für Carney ist die Annäherung an Europa dagegen vor allem auch ein politisches Symbol.
Noch steht aber erst die Idee. Bilaterale Verhandlungen mit der EU können sich hinziehen. Und gerade das Beispiel Schweiz zeigt, dass die EU einen sektoriellen Marktzugang ohne institutionelle Anbindung und dynamische Rechtsübernahme im jeweiligen Bereich eigentlich als Auslaufmodell sieht. Es bleibt abzuwarten, ob sie das im Fall Kanadas auch so sehen würde.
Kein Ersatz für die USA
Doch egal, wie die Partnerschaft sich in Zukunft weiterentwickeln soll, ein Ersatz für die Partnerschaft mit den USA wäre sie weder für die EU noch für Kanada. Die Zahlen zeigen die Grössenordnung: 2025 war der Handel zwischen der EU und den USA rund 13-mal grösser als der Handel zwischen der EU und Kanada, der Kanada-USA-Handel übertraf ihn um das Fünf- bis Sechsfache. Für beide Seiten bleiben die USA damit zahlenmässig mit Abstand der wichtigste Handelspartner – die neue Partnerschaft ist also keine Alternative, höchstens eine Diversifizierung.
Noch deutlicher zeigt sich das Kräfteverhältnis bei der Rüstung: 58 Prozent der grossen Waffenimporte europäischer Nato‑Staaten stammten zuletzt aus den USA, Kanada taucht unter den Hauptlieferanten gar nicht auf.
Ein Ersatz für gute Beziehungen zu den USA wird die Allianz, wie auch immer sie aussieht, nicht sein. Darüber kann keine Standing Ovation im EU-Parlament hinwegtäuschen.
Andreas Reich
EU-Korrespondent
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Andreas Reich ist seit November 2022 TV-Korrespondent von SRF in Brüssel. Zuvor arbeitete der studierte Jurist als Auslandredaktor und Onlineproduzent im SRF-Newsroom in Zürich und berichtete als freier Reporter aus Südosteuropa.
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