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Tuesday, November 3, 2026

Corona: Wie kommunizierten Politik, Wissenschaft und Medien in der Pandemie?

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Tilman Betsch ist Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt in Thüringen. Er spricht als erster in der Anhörung, zu der die Corona-Enquête-Kommission im Deutschen Bundestag Fachleute aus Wissenschaft und Medien eingeladen hat. Jede Fraktion konnte Experten benennen.

Der Rückblick des Psychologen Betsch auf die Pandemie beginnt mit einer ironisch gemeinten Anmerkung: Er freue sich, nicht in einem Land zu leben, dessen Präsident als Medizin gegen Corona Desinfektionsmittel empfehle.

"Wenn ich krank bin, frage ich meine Ärztin"

Damit spielt Betsch auf US-Präsident Donald Trump an, der während seiner ersten Amtszeit zu Beginn der Pandemie im Jahr 2020 zu so drastischen Maßnahmen wie der Injektion von Desinfektionsmitteln geraten hatte. Nach heftiger Kritik ruderte Trump zurück und wollte seinen Tipp als Sarkasmus verstanden wissen. In Deutschland habe man hingegen auf Wissenschaftler gehört, freut sich Experte Betsch.

Corona im US-Wahlkampf

"Wenn mein Auto kaputt ist, frage ich auch meinen Kraftfahrzeug-Mechatroniker und wenn ich krank bin, frage ich meine Ärztin", betont er. Kommt dann aber zu seinem ersten Kritikpunkt: Die Rollen zwischen Wissenschaft und Politik seien in der Corona-Zeit öfter verwischt worden: "Politiker delegierten Verantwortung an die Wissenschaft."

Der Erfurter Wissenschaftler kritisiert den Umgang mit der Pandemie zudem als unstrukturiert. Deshalb seien wichtige Aspekte vernachlässigt worden: "Sozialisation unserer Kinder, Bildung, Wirtschaft und so weiter." Betschs Ratschlag an die Politik für zukünftige Krisen: Ziele setzen und kommunizieren, bei Bedarf anpassen und Entscheidungen begründen. Die Wissenschaft hingegen solle laut sagen, was Sache sei. "Aber nicht moralischen oder normativen Einfluss ausüben."

Wie aussagekräftig sind reine Zahlen und Statistiken?

Der Journalist und Medienwissenschaftler Michael Meyen vertritt die These, "Leitmedien" hätten eine Politik unterstützt und forciert, die auf eine hohe Impfbereitschaft der Bevölkerung angelegt gewesen sei. Sein Vorwurf: "Sie haben Angst geschürt, Zweifel und Proteste delegitimiert."

Mit dieser pauschalen Beschreibung steht der Professor für Kommunikationswissenschaft allein da. Kritiker warfen ihm schon vor Jahren vor, Verschwörungstheorien und die Thesen von Corona-Leugnern zu verbreiten. Die Ludwig-Maximilians-Universität München in Bayern, an der Meyen 24 Jahre lehrte, hat ihn im März 2026 in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.

Covid19 - Zahlen in der Pandemie

In seiner schriftlichen Stellungnahme zur Rolle der Medien in der Corona-Pandemie kritisiert er, Zahlen und Statistiken seien nicht hinterfragt worden. Beispielhaft erwähnt Meyen die Kapazitäten und Auslastungen von Intensivbetten in Krankenhäusern, die Verbreitung von Aerosolen oder den Mindestabstand, den man zu anderen Personen einhalten sollte.

Mehr Kontext: "Wie viele Menschen sterben an Grippe?"

Mehr Kontext hätte sich auch der Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer von der Universität Mainz in der Berichterstattung über die Pandemie gewünscht: "Wir haben jeden Tag gelesen, wie viele Menschen durch Corona gestorben sind. Aber wir haben selten irgendeine Vergleichszahl gehabt: Wie viele Menschen sterben an Grippe? Wie viele Menschen sterben an Lungenkrebs? Dann hätte man das alles besser einordnen können."  

Maurer skizziert zudem ein aus seiner Sicht strukturelles Problem, wenn Medien sich plötzlich mit einem komplexen Thema wie Corona befassen müssen. Vielen Redaktionen fehle die Zeit und zuweilen die Expertise. Das führe dazu, dass sie stärker als sonst von Informationen aus Wissenschaft und Politik abhängig seien. Fazit: "Medien waren in dieser Pandemie überwiegend im 'Team Vorsicht'. Sie waren für harte Maßnahmen."

Waren Medien wirklich regierungsfreundlich?

Der Experte aus Mainz widerspricht zugleich der Behauptung, die Berichterstattung sei regierungsfreundlich gewesen: "Ganz im Gegenteil - alle verantwortlichen Personen und Gremien wurden sehr hart kritisiert. Je länger die Pandemie gedauert hat, desto härter wurden sie kritisiert, weil sie die Lösung anscheinend nicht bringen konnten." Maurer hält das für eine paradoxe Gemengelage: "Die Medien haben für die Maßnahmen plädiert, aber die Regierung abgelehnt."

Homeschooling in der Coronakrise

Der Soziologe Peter Weingart hat bis zu seinem Ruhestand an der Universität Bielefeld unterrichtet. Er hält die viel diskutierten harten Maßnahmen, allen voran Lockdowns, für richtig. Falsch sei indes die weitgehend fehlende oder zu späte Einbindung von Sachverstand aus Bereichen jenseits der Medizin im weitesten Sinne gewesen. Seine Schlussfolgerung: "Das spätere Bedauern über die frühen Schulschließungen wäre wahrscheinlich vermeidbar gewesen."     

"Nicht jeder Virologe ist Corona-Experte"

Die Frage, wer wann zu welchem Thema zu Wort kommt, spielt auch für die Wissenschaftsjournalistin Korinna Hennig vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) eine wichtige Rolle. Sie legt großen Wert auf die Auswahl von Fachleuten, mit denen man spricht - entscheidend sei die Expertise. "Plakativ gesagt: "Nicht jeder Virologe ist Corona-Experte."

Hennigs Lehren aus dem Zusammenspiel zwischen Wissenschaftskommunikation und Medien sind vielfältig. Das erste sei Transparenz: "Wir müssen das Zustandekommen wissenschaftlicher Erkenntnisse immer wieder erklären." Man müsse aber auch den Grad der Unsicherheit kommunizieren.

Appell: Weder Impfgegner beschimpfen, noch Politiker beleidigen

Die Entstehung von Ängsten und Unsicherheiten in den sozialen Medien könne man frühzeitig identifizieren, sagt Hennig. "Und es ist dann Aufgabe von uns Journalistinnen und der Wissenschaftskommunikation, Debatten mit Fachwissen zu versachlichen, Falschinformationen richtigzustellen und der Bevölkerung genug Erkenntnis für eine informierte, individuelle Entscheidung an die Hand zu geben."

Auf den Punkt - Corona Pandemie: Brauchen wir eine Impfpflicht?

In einem Punkt sind sich alle in der Anhörung der Corona-Enquête-Kommission des Deutschen Bundestags einig: Die Kommunikation von Politik, Medien und Wissenschaft muss besser werden. Marcus Maurer von der Universität Mainz fasst es so zusammen: Es gebe gute Gründe, dass sich Menschen nicht impfen lassen möchten. "Dann sollen sie nicht beschimpft werden."

Er glaube aber auch, dass viele Menschen in der Politik versucht hätten, die Gesellschaft durch diese schwere Krise zu bringen. "Und auch die sollten dann nicht als Corona-Diktatoren beleidigt werden", wünscht sich der Medienexperte. "Wenn wir daraus was lernen, dann kriegen wir das beim nächsten Mal ganz bestimmt toll hin."

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