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Wednesday, October 28, 2026

Ukrainischer Autor über das Kämpfen: „Wir haben AC/DC gehört, bevor wir zum Kampf ausrückten“

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Der Soldat und Schriftsteller Artem Tschech hat in Bachmut gekämpft und zwei Bücher über den Krieg veröffentlicht. Ein Gespräch über Hungern und heilende Musik.

taz: Artem Tschech, Sie stellen gerade Ihr neues Buch in Deutschland vor, sind aber eigentlich Soldat bei den ukrainischen Streitkräften. Haben Sie Urlaub von der Armee bekommen?

Artem Tschech: Ich bin offiziell auf einer Dienstreise. Die ukrainischen Armee ermöglicht es Künstler:innen, im Ausland ihre Werke vorzustellen. Und ich präsentiere ja nicht bloß mein Buch, sondern verbreite auch eine Message, berichte über die Ukraine in Kriegszeiten. Ich bin quasi als Kulturdiplomat unterwegs.

Im Interview: Artem Tschech

Er wurde 1985 als Artem Tscherednyk im zentralukrainischen Tscherkassy geboren. Tschech studierte Soziologie in Kyjiw. Seine ersten Veröffentlichungen als Schriftsteller erschienen in der Ukraine in den nuller Jahren. In Deutschland wurde er mit dem Roman „Nullpunkt“ (Arco Verlag, 2022) bekannt. Darin verarbeitet er seine Erfahrungen als Soldat im Donbass 2015/16. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs 2022 schloss sich Tschech erneut den ukrainischen Streitkräften an.

taz: Sie dienen derzeit beim Generalstab in Kyjiw. Die Stadt wird massiv mit ballistischen Raketen beschossen. Wie sehr hat sich die Situation dort zugespitzt?

Artem Tschech: Seit Beginn des Sommers ist der Beschuss enorm. Wir haben das Problem, dass wir zu wenige Patriot-Abwehrraketen haben. Raketen und Drohnen abzufangen, gelingt uns gut – aber eben nicht die ballistischen Raketen. Es gibt sehr oft Luftalarm. Die Stadt passt sich an, so gut sie kann. In den Schulen aber können die Kinder kaum lernen; es sei denn, der Unterricht findet in Kellern oder online statt. Aber zu Hause sind die Kinder ja auch auch in Gefahr. Es gibt kein Entkommen.

taz: Sie haben einen Sohn, betrifft ihn das auch?

Artem Tschech: Ja. Mein Sohn ist 16 Jahre alt, er ist in der letzten Klasse der Oberschule. Er schläft schlecht oder gar nicht. Bis 3 Uhr feuert Russland meistens Ballistik ab, so lange bleibt er wach. Am nächsten Tag ist er natürlich sehr müde. Er kann nicht normal lernen. Und ich kann nichts tun als Vater.

Ich hoffe die deutschen Le­se­r:in­nen verstehen, wie es ist, in einen Krieg hineingezogen zu werden, ohne das gewollt zu haben.

taz: Zwischenzeitlich gab es in Kyjiw fast wieder ein normales urbanes Leben. Inwieweit kann man jetzt noch davon sprechen?

Artem Tschech: Sie finden kaum noch eine Straße, wo man die Spuren des Kriegs nicht sehen würde. Kyjiw ist nicht wie London oder Dresden im Zweiten Weltkrieg, aber an jeder Ecke sieht man einfach die Schäden. Nichtsdestotrotz haben die Läden, die Schulen, die Universitäten geöffnet, kleine Unternehmen funktionieren. Kyjiw wirkt wie eine ganz normale, moderne europäische Stadt, in der eben ab und zu eine Rakete einschlägt.

taz: Sie haben in der Schlacht um Bachmut gekämpft. Sie beschreiben, wie Sie fünf Tage in einem Graben liegen und kaum etwas essen. Wie ist es dazu gekommen?

Artem Tschech: Damals wurden Sol­da­t:in­nen noch nicht von Drohnen mit Lebensmitteln versorgt – heute ist es oft so, dass Drohnen ihnen Wasser und Essen liefern. Es waren heiße Tage im Mai 2023, Bachmut war umkämpft. Unsere Ka­me­ra­d:in­nen haben versucht uns Wasser und Essen zu bringen, aber auch die Lebensmittellieferungen wurden sofort von der russischen Artillerie zerstört. Bachmut wurde zu dieser Zeit vollständig eingenommen von den Russen. Wir sollten dann unseren eigenen abziehenden Truppen Deckung geben. Das konnten wir aber nicht, weil wir heftig beschossen wurde, sobald wir auch nur unsere Nase aus den Schützengräben gestreckt haben. Es war unmöglich. Es gab sehr viele Tote und Verletzte. Uns hat gerettet, dass wir im Graben blieben. Wir hatten kein Wasser, wir hatten kein Essen, aber wir haben überlebt.

taz: Können Sprache und Literatur solche Erlebnisse überhaupt vermitteln?

Artem Tschech: Man kann Le­se­r:in­nen diese Situation mit Wörtern erklären. Aber niemand, der es nicht erlebt hat, kann es nachspüren oder nachfühlen. In der Ukraine gibt es inzwischen Tausende, die etwas Ähnliches oder sogar Schlimmeres mitgemacht haben. Dort ist mein Buch inhaltlich nichts Besonderes. Ich bin sehr froh, dass das Buch jetzt auf Deutsch erscheint. Ich hoffe die Le­se­r:in­nen verstehen, wie es ist, in einen Krieg hineingezogen zu werden, ohne das gewollt zu haben.

taz: Sie schreiben über barabarische Taten, die von russischer Seite verübt werden, zum Beispiel, dass Soldaten nach dem Plündern der Häuser ihre Fäkalien hinterlassen. Sie schreiben auch darüber, wie schrecklich es ist „so zu hassen, dass man den anderen töten will, verdammt, sonst tötet er dich“. Macht der Krieg einen zum Monster?

Artem Tschech: In der Passage, die Sie zitieren, beziehe ich mich auf den Aufruf „Töte!“ des sowjetische Schriftstellers Ilja Ehrenburg. Es ist ein Text aus Juli 1942, er schreibt darin: „Die Deutschen sind keine Menschen. […] Wer den Deutschen nicht tötet, wird von ihm getötet“. Ich habe das adaptiert, denn es gibt Parallelen zwischen NS-Deutschland und der heutigen russischen Kriegsführung. Macht der Krieg einen zum Monster? Das hängt vom einzelnen Menschen ab. Je nachdem, wie resilient man ist und wie viel innere Kraft man hat, sich diesem schrecklichen Konstrukt Krieg zu entziehen.

Das Buch

Artem Tschech: „Musik für einen Soldaten“. Aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2026. 192 Seiten 18,99 Euro

taz: Sie erwähnen in Ihrem Buch eher nebenbei, dass Online-Sitzungen mit einer Therapeutin Ihnen hälfen. Darüber würde ich gern mehr wissen.

Artem Tschech: Im dritten Kriegsmonat ging es mir sehr schlecht. Ich hatte suizidale Gedanken. Ich konnte meine Gefühle nicht mehr in Schach halten. Der Psychologe unseres Bataillons sagte: Du brauchst therapeutische Unterstützung. Ich fuhr dann nach Kyjiw und besuchte regelmäßig eine Psychotherapeutin. Sie diagnostizierte eine Depression, ich bekam Antidepressiva verschrieben. Während der Armeezeit setzte ich die Behandlung online fort, und nach einem Jahr dachte ich: das war's, ich brauche das nicht mehr. Als ich später wieder zwischen dem Krieg und dem zivilen Leben pendelte, merkte ich, dass ich mich geirrt hatte – mir ging es nicht besser. Heute treffen wir uns einmal pro Woche, meistens online. Ich nehme weiterhin Antidepressiva und andere Tabletten.

taz: Viele Sol­da­t:in­nen berichten, besonders die (temporäre oder endgültige) Rückkehr ins zivile Leben sei sehr schwer. Sie sind jetzt einerseits in der internationalen Literaturwelt unterwegs, andererseits kämpfen Sie im Krieg. Wie kommen Sie mit diesen krass unterschiedlichen Welten zurecht?

Artem Tschech: In erster Linie bin ich Schriftsteller, erst dann Armeeangehöriger. Den Militärdienst leiste ich, weil es für unser Land keine Alternative gibt als zu kämpfen. Ich versuche zu balancieren zwischen diesen zwei Welten. Das gelingt mir nicht immer gut.

taz: Musik spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Roman. Sie schreiben: “ Musik ist das Einzige, was die Realität auf das Niveau einer erträglichen Existenz hebt .“ Kann Musik Ihnen auch in schlimmsten Kriegsmomenten noch helfen?

Artem Tschech: Als wir in Bachmut waren und in den Schützengräben verharrten, habe ich nicht an Musik gedacht. Mörsergeräusche, Artellieriebeschuss, Drohnen – das war die Musik, die wir dort gehört haben. Aber es gibt Songs, die mich in anderen grauenvollen Situationen gerettet haben. „O Children“ von Nick Cave ist einer davon.

taz: Braucht man als Soldat eher tröstende Musik oder manchmal vielleicht auch harte Musik, um etwas zu verarbeiten?

Artem Tschech: Musik hat für mich etwas Heilendes. Sie ist ein Stück ziviles Leben, das ich in den Krieg mitgenommen habe. Ich kann natürlich nur dann Musik hören, wenn gerade keine Kampfhandlungen stattfinden. Als ich 2015/16 im Donbass erstmals in der Armee war, haben wir AC/DC gehört, bevor wir zum Kampf ausrückten. Es ging darum, eine gewisse Aggressivität herzustellen.

taz: “ Die Gesellschaft wird sich spalten in die, die dabei waren, und die, die nicht dabei waren “, schreiben Sie. Sieht man es den Menschen in der Ukraine eigentlich schon äußerlich und vom Ausdruck her an, ob sie diesen Krieg erleben mussten oder nicht?

Artem Tschech: Ich glaube das manchmal schon äußerlich erkennen zu können. Die Kriegsrückkehrer haben so eine komische Art, sich zu kleiden. Nicht wirklich Military Look, aber so ähnlich. Sie tragen komische Hosen und Hemden, wie man sie auch bei den Leuten sieht, die Selensky bei seinen Auslandsreisen begleiten. Und im Stadtbild Kyjiws sieht man natürlich verstärkt Menschen, die ohne Beine und Arme aus dem Krieg zurückgekehrt sind.

taz: In der ukrainischen Literatur spielt die Auseinandersetzung mit der Literatur des Ersten und Zweiten Weltkriegs gerade eine große Rolle – Erich Maria Remarque, Kurt Vonnegut, Ernest Hemingway usw. Ist das für Ihre Arbeit auch wichtig?

Artem Tschech: Natürlich habe ich auch Remarque und Ernst Jünger gelesen. Ich bin aber kein Anhänger davon, dass man heutige ukrainische Schriftsteller mit jenen von damals vergleicht. Das Wesen des Krieges ist das gleiche, aber die Kriege an sich sind sehr unterschiedlich. Als ich ein Kind war, habe ich gerne sowjetische Romane über den Zweiten Weltkrieg gelesen. Von dem falschen Heroismus und Pathos, der da transportiert wurde, hatte ich natürlich keinen Schimmer. Als ich 16 war, habe ich dann einen Text von Nikołaj Nikulin gelesen, in dem er das Verhalten der sowjetischen Armee im Zweiten Weltkrieg in Pommern und Ostdeutschland beschreibt. Da ist meine Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Heute verstehe ich, wo das grausame Verhalten der russischen Armee herkommt und dass es seine Ursprünge im sowjetischen Militär hat.

Aus dem Ukrainischen übersetzte während des Gesprächs Sofiya Onufriv

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