Trotz Spätsommer: Wieso kränkeln gerade so viele?

- Die aktuelle Erkältungswelle bleibt mild – Rhinoviren lösen klassische Beschwerden wie Schnupfen und Husten aus, ohne dass viele richtig krank werden.
- Schweizer Apotheken verzeichnen seit rund zwei Wochen deutlich mehr Beratungen zu Atemwegsbeschwerden.
- Hausmittel wie Ingwershots oder Vitamin C schützen laut pharmaSuisse und Ärztin Anna Erat nicht zuverlässig vor Erkältungen.
Was geht da wieder rum? Trotz sonnigem Altweibersommer wird in der Schweiz bereits gehustet und geschnieft. Auch in sozialen Medien fragen sich derzeit viele, ob andere ebenfalls mit Halsweh, Schnupfen oder Husten kämpfen – und erhalten in den Kommentaren reichlich Bestätigung.
Ärztin Anna Erat ordnet gegenüber 20 Minuten ein, welche Viren derzeit zirkulieren, weshalb sich die Beschwerden bei vielen eher mild anfühlen und wie man sich für die kalte Jahreszeit wappnen kann.
Sind gerade tatsächlich mehr Leute krank?
Der Eindruck, dass derzeit viele Menschen kränkeln, täuscht nicht: In Schweizer Apotheken haben Beratungen zu Erkältungs- und Halsbeschwerden in den vergangenen rund zwei Wochen tendenziell zugenommen, wie der Schweizerische Apothekerverband pharmaSuisse mitteilt. Auch die BAG-Daten zeigen mehr laborbestätigte Influenza-Fälle als im gleichen Zeitraum der Vorjahre.
Gemäss Ärztin Anna Erat zirkulieren derzeit jedoch vor allem Rhinoviren, in kleineren Anteilen würden auch Parainfluenzaviren, Adenoviren und saisonale Coronaviren nachgewiesen. «Schnupfen, Halsschmerzen und Husten sind bei Rhinoviren geradezu klassisch», sagt Erat. Dass sich viele Betroffene angeschlagen fühlen, aber nicht richtig krank, sei ebenfalls nicht ungewöhnlich. Für eine relevante Grippeaktivität sei es in der Schweiz dagegen noch zu früh.
Was schützt tatsächlich vor einer Erkältung?
Dass nun mehr Menschen erkältet sind, dürfte auch damit zusammenhängen, dass wir uns wieder häufiger in Innenräumen aufhalten, wo sich Atemwegsviren leichter verbreiten. Erat empfiehlt deshalb regelmässiges und konsequentes Lüften. Wo dies schwierig sei, könnten HEPA-Luftreiniger helfen. Ebenfalls sinnvoll seien Husten- und Niesetikette, gute Händehygiene, möglichst nicht ins Gesicht zu fassen und Kontakte bei ersten Symptomen zu reduzieren.
«Ein grundsätzlich gesunder Lebensstil unterstützt die Immunabwehr», so Erat. Dazu gehörten genügend Erholung, Bewegung und eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Eiweiss, gesunden Fetten und Mikronährstoffen. Bei chronischen Erkrankungen wie Asthma oder Diabetes sei zudem eine gut eingestellte Therapie wichtig, um Komplikationen zu vermeiden.
Was bringen Ingwershot und Wechseldusche?
Dafür, dass Hausmittel wie Ingwershots oder kalte Duschen Erkältungen oder andere Atemwegsinfekte verhindern, gibt es laut dem Schweizerischen Apothekerverband pharmaSuisse keine belastbaren Nachweise.
Auch Erat betont: Ingwer enthält zwar Stoffe, die Immunzellen und Entzündungsprozesse beeinflussen können. Ein verlässlicher Schutz vor Atemwegsinfekten lasse sich daraus aber nicht ableiten. Ähnlich sei es bei Vitamin C: Das Vitamin ist für das Immunsystem wichtig, eine routinemässige Einnahme schütze gesunde Menschen jedoch nicht zuverlässig vor Erkältungen.
Bei einer bereits beginnenden Erkältung könne hingegen Zink die Dauer der Beschwerden unter Umständen verkürzen, wenn es frühzeitig und richtig dosiert eingenommen werde, sagt Erat. Als sichere Prävention eignet es sich jedoch nicht.
Wann sollte man zum Arzt?
«Bei Atemnot, starken Brustschmerzen, anhaltend hohem Fieber oder deutlich reduziertem Allgemeinzustand sollte man rasch ärztliche Hilfe suchen», so Erat. «Dasselbe gilt, wenn sich die Beschwerden nach einer ersten Besserung klar verschlechtern.»
Bei Halsweh seien vor allem belegte Mandeln zusammen mit hohem Fieber ein Warnzeichen. Das könne auf eine bakterielle Infektion wie Streptokokken hindeuten. Auch bei Nackensteifigkeit, Ausschlag oder einer raschen deutlichen Verschlechterung sei eine zeitnahe Abklärung angezeigt.
Risikogruppen – etwa Menschen mit Immunsuppression oder relevanten Vorerkrankungen, Schwangere, ältere Personen sowie Säuglinge und Kleinkinder – sollten bei Erkältungssymptomen lieber früher ärztlichen Rat einholen.
Über die Expertin
Dr. med. Anna Erat ist Chief Medical Officer bei Ahead Health und Formula100 Health und ehemalige Chefärztin der Klinik Hirslanden. Weitere Informationen findest du auf ihrer Website.
Shirin Camenisch (sca) arbeitet seit 2025 als Praktikantin im Ressort News
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