«In Amerika wird auch nur mit Wasser gekocht»

Erfolgsregisseurin Petra Volpe im Interview zu ihrem neuen Film «Frank & Louis»
«In Amerika wird auch nur mit Wasser gekocht»
Mit dem eindringlichen Gefängnisdrama «Frank & Louis» befasst sich Regisseurin Petra Volpe nach ihrem Kinohit «Heldin» abermals mit dem Thema Pflege. Im Interview spricht sie über Widerstände, das richtige Timing und ihren neuen Pass.
Publiziert: 00:03 Uhr
- Zwölf Jahre arbeitete Petra Volpe an ihrem neuen Film «Frank & Louis»
- Das Thema Pflege steht wie schon in ihrem früheren Film «Heldin» im Zentrum
- «Frank & Louis» läuft ab dem 22. Oktober in den Deutschschweizer Kinos
Jean-Claude GalliRedaktor People
Die preisgekrönte Schweizer Regisseurin Petra Volpe (56) ist diese Woche auf Kinotour, um ihren neuen Film «Frank & Louis» vorzustellen. Blick trifft sie in Zürich zum Interview.
Blick: Frau Volpe, Ihr englischsprachiges Filmdebüt «Frank & Louis» wurde beinahe zu einer Neverending Story ...
Petra Volpe: Das dürfen Sie laut sagen. Die Idee kam 2014 von Co-Drehbuchautorin Esther Bernstorff zu mir. Sie hatte über das Projekt «Gold Coats» in der California Men’s Colony in San Luis Obispo gelesen, wo Langzeitgefangene dort einsitzende Alzheimerpatienten betreuen. Kranksein und Altern im Gefängnis werden selten beleuchtet. Das faszinierte uns, und wir begannen, über einen Film nachzudenken. Für eine Europäerin ist der Alltag in einem US-Männergefängnis schwer vorstellbar. Meine Kamerafrau Judith Kaufmann und ich durften schliesslich mit den Männern sprechen, ohne Bilder zu machen. Diese berührenden Begegnungen waren der emotionale Startpunkt. Sie halfen mir, gegen die Widerstände bis zur Realisierung des Films anzukämpfen. Die Aussage eines Beteiligten blieb mir besonders in Erinnerung: «Diese Arbeit gibt mir an diesem unmenschlichen Ort das Gefühl, Mensch zu sein.» Dort entstand für mich auch eine klare Verbindung zum Thema Pflege, das mich schon lange beschäftigt und aus dem zuletzt der Film «Heldin» entstand.
Welches waren die grössten Hindernisse bis zum fertigen Resultat?
Manchmal reibe ich mir noch immer die Augen und denke: «Gibt es diesen Film wirklich?» Er stand mehrfach auf der Kippe. Der Prozess des Drehbuchschreibens dauerte viel länger als erwartet. Es brauchte viele Schritte, diese Geschichte behutsam zu erzählen und Sensationsbilder zu vermeiden. Wir wollten alles andere als einen klassischen Gefängnisfilm. Auch die Finanzierung zog sich hin. Wir hatten in den USA bereits einen Drehort, brachten aber das Geld nicht zusammen. Im US-Kinomarkt haben Dramen aktuell keine Hochkonjunktur. Dafür laufen Horror, Superhelden und Komödien gut. Mit den Schweizer Produzenten von Zodiac Pictures entschieden wir dann, nach Kanada umzuschwenken. Das klappte aber nicht, weil wir keinen Drehort fanden. In England stiessen wir schliesslich auf ein stillgelegtes Gefängnis und bekamen das fehlende Geld. Die Besetzung war ebenfalls eine Zangengeburt. Wir hatten schliesslich irres Glück, dass das Projekt genau im richtigen Moment bei Kingsley Ben-Adir und Rob Morgan auf dem Tisch lag.
Gab es auch die Überlegung, die Geschichte hier anzusiedeln?
In der Schweiz gibt es kein solches Alzheimer-Projekt. Und auch keine lebenslangen Haftstrafen in der Art, wie es sie in den USA gibt. Die Männer, mit denen wir in den USA sprachen, sassen zum Teil schon 40 Jahre ein. Wir haben gespürt, was das mit der Seele eines Menschen macht. Und was es bedeuten kann, jemanden pflegen zu können und eine neue Verantwortung zu haben.
War es ein Vorteil, dass Sie als europäische Regisseurin auf diesen Stoff blickten?
Ich glaube schon. Ich mache auch meine Filme über die Schweiz mit einer gewissen Distanz, weil ich in Deutschland und in den USA lebe. Ich habe das Gefühl, man sieht die Dinge klarer, wenn man einen Schritt davon entfernt ist.
Bei Ihnen existieren immer mehrere Projekte gleichzeitig. Ist es nicht enorm schwierig, dabei den Fokus zu halten?
Dass ich immer verschiedene Arbeiten am Laufen habe, ist der Realität geschuldet. Wenn es beim einen Film gerade nicht weitergeht, kann ich mich auf den anderen konzentrieren. Und die einzelnen Vorhaben beeinflussen sich gegenseitig. Hier war es jedoch extrem. Kaum war die Premiere von «Heldin» an der Berlinale 2025 durch, begannen die Dreharbeiten zu «Frank & Louis». Ideal war das für mich nicht, vor allem energetisch. Aber plötzlich war alles da: das Geld, die Schauspieler, der Drehort, und es hiess: «Go, go, go!» Aber generell kann ich mich schon schnell auf ein anderes Projekt stürzen und lasse den fertigen Film los, der hat dann sein eigenes Leben.
«Frank & Louis» lief erstmals im Januar 2026 beim Sundance Festival in Utah und dann im August in Locarno. Funktioniert ein solcher Film auf der Piazza Grande?
Es war eine sehr heisse Sommernacht. Ich war so nervös und aufgeregt. 7000 Leute und auch meine Eltern waren da. Der Film schwappte rasch aufs Publikum über und löste sehr viele Emotionen aus. Wir bekamen auch den Publikumspreis. Was erstaunlich ist, denn normalerweise geht der ja an leichtere Stoffe. Es hat mich extrem gefreut, dass sich die Menschen von unserer Geschichte haben berühren lassen, obwohl deren Hauptfiguren so weit von unserer Realität entfernt sind und auch das Setting so fremd ist.
Ist es relevant, dass zwei schwarze Männer im Fokus stehen?
Es ist relevant, weil schwarze Menschen einen überdurchschnittlichen Anteil der Gefängnisbevölkerung in den USA ausmachen und wir diese Realität mit dem Film auch abbilden wollten. Im Grunde genommen ist «Frank & Louis» aber ganz einfach ein Film über zwei Menschen, die eine einzigartige Erfahrung machen. Es ist eine universelle Geschichte über die Wandelbarkeit des menschlichen Geistes und die transformative Kraft von Mitgefühl.
Werden Sie in Zukunft noch öfter in englischer Sprache arbeiten?
«Frank & Louis» war eine tolle Erfahrung. Ich liebe diese Sprache und lebe nun schon seit über zehn Jahren in New York. Ich habe kürzlich auch den amerikanischen Pass bekommen.
Den Schweizer Pass haben Sie abgegeben?
Never ever. Nur über meine Leiche (lacht). Nein, ich bin Doppelbürgerin. Und mein Mann ist Amerikaner und jetzt auch Schweizer geworden. Ich arbeite in den USA schon an neuen Projekten. Seit «Die göttliche Ordnung» habe ich ein US-Management und eine Agentur. Aber es wird dort auch nur mit Wasser gekocht. Ich wurde nicht plötzlich mit ganz tollen Drehbüchern überhäuft. Und ins TV-Geschäft einsteigen wollte ich nicht wirklich.
Gibt es aktuell konkrete Projekte in den USA?
Ja, ein US-Remake von «Die goldenen Jahre», wofür ich auch das Drehbuch schreibe. Der Drehbeginn ist für 2027 geplant.
Biobox Petra Volpe
Petra Volpe wurde 1970 in Suhr AG geboren. Von 1992 bis 1994 studierte sie an der F+F Schule für Kunst und Design Zürich, von 1997 bis 2001 an der Filmuniversität Babelsberg. Seither ist sie freischaffende Drehbuchautorin und Regisseurin. 2017 gewann sie den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch zu «Die göttliche Ordnung». Zudem schrieb sie die Drehbücher zum Kinohit «Heidi» von 2015 und zur SRF-Serie «Frieden» 2020. Ihr Film «Heldin» ging 2026 für die Schweiz ins Rennen um eine Oscarnominierung und gewann vier Auszeichnungen beim Schweizer Filmpreis. Ihr englischsprachiges Debüt «Frank & Louis» entstand nach zwölfjähriger Arbeit. Volpe lebt in Deutschland und in den USA und ist verheiratet.
Petra Volpe wurde 1970 in Suhr AG geboren. Von 1992 bis 1994 studierte sie an der F+F Schule für Kunst und Design Zürich, von 1997 bis 2001 an der Filmuniversität Babelsberg. Seither ist sie freischaffende Drehbuchautorin und Regisseurin. 2017 gewann sie den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch zu «Die göttliche Ordnung». Zudem schrieb sie die Drehbücher zum Kinohit «Heidi» von 2015 und zur SRF-Serie «Frieden» 2020. Ihr Film «Heldin» ging 2026 für die Schweiz ins Rennen um eine Oscarnominierung und gewann vier Auszeichnungen beim Schweizer Filmpreis. Ihr englischsprachiges Debüt «Frank & Louis» entstand nach zwölfjähriger Arbeit. Volpe lebt in Deutschland und in den USA und ist verheiratet.
«Frank & Louis» läuft seit dem 22. Oktober in den Deutschschweizer Kinos.
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