Supermärkte, Flieger und Medien im Visier: Was ist los in Europa?

- In Europa stören Bombendrohungen den Flugverkehr, und Cyberangriffe treffen Kühlanlagen von Supermärkten in elf Ländern.
- Der Kreml weist den Verdacht einer russischen Beteiligung zurück und spricht von «absurden Äusserungen».
- Sicherheitsexperte Peter Neumann sieht ein Muster hybrider Operationen, hält dies aber noch nicht für einen Beleg für die Beteiligung Russlands.
Europa erlebt eine Serie ungewöhnlicher Störungen: Bombendrohungen haben in dieser Woche erneut den Flugverkehr beeinträchtigt, während Cyberangriffe Kühl- und Gefrieranlagen in Supermärkten von elf Ländern treffen. Mittlerweile warnt auch das FBI und weitere US-Behörden vor Cyberangriffen auf Kühlsysteme in Supermärkten. Anfang November wurde dann auch die französische Blutbank Ziel eines solchen Cyberangriffs.
Seit Anfang November wurden diverse Passagiermaschinen umgeleitet und durchsucht – bislang ohne Sprengstofffund. Gleichzeitig mussten betroffene Märkte Lebensmittel vorsorglich aus dem Verkauf nehmen und teils entsorgen. Sicherheitsbehörden in mehreren Staaten ermitteln. Am Freitag gingen dann Bombendrohungen beim irischen Fernsehen RTE sowie weiteren Medien ein. Ob hinter den Vorfällen jeweils koordinierte Akteure stehen, ist bislang offen.
«Geringer Aufwand, grosse Wirkung, schwer nachweisbare Urheberschaft»
Für den Sicherheitsexperten Peter Neumann vom King’s College London kommen grundsätzlich mehrere Akteure infrage: staatliche Akteure, ideologisch motivierte Gruppen, aber auch einzelne Störer. Besonders für Staaten wie Russland, die derzeit ein starkes Interesse an der Schwächung und Verunsicherung Europas hätten, wären solche Aktionen attraktiv. «Geringer Aufwand, grosse Wirkung, schwer nachweisbare Urheberschaft», sagt Neumann. Gleichzeitig mahnt er zur Vorsicht: «Das ist allerdings noch kein Beleg für eine Beteiligung.»
Die Verbindung von Cyberangriffen auf zivile Infrastruktur und anonymen Bombendrohungen passt laut Neumann «durchaus zum Muster hybrider Operationen». Beides verursache Störungen, ohne dass klassische militärische Gewalt eingesetzt werde. Ob die aktuellen Vorfälle tatsächlich zusammenhängen, sei allerdings noch offen.
Das sagt Moskau
Die russische Regierung hat den Verdacht zurückgewiesen, Russland könne hinter der Welle von Hackerangriffen auf Supermarkt-Kühlanlagen in mehreren europäischen Ländern stecken. «Das sind absurde Äusserungen, und wie immer sind sie durch nichts belegt», sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Donnerstag laut russischen Medienberichten.
Moskau wies jegliche Verantwortung zurück: Es handele sich um «haltlose Vorwürfe», sagte Kreml-Sprecher Peskow weiter. Es gebe einen «anhaltenden Trend» in europäischen Staaten, Russland «in alles hineinzuziehen».
Quelle: AFP
Erhebliche Gefahr durch wiederholte Fehlalarme
Doch was ist das Ziel hinter solchen Angriffen? Neumann vermutet, dass es vor allem um Verunsicherung und Störung gehe. «Flugumleitungen, Sicherheitskontrollen und Ausfälle kritischer Infrastruktur verursachen enorme Kosten und binden Ressourcen.» Zudem lasse sich so testen, wie schnell und effektiv Behörden reagieren. Für den Experten ist klar: «Das Ziel muss nicht Zerstörung sein, um erheblichen Schaden anzurichten.»
Und wie lassen sich die Täter überhaupt unterscheiden? Entscheidend sind laut Neumann technische Spuren, Kommunikationswege, die Auswahl der Ziele und mögliche Verbindungen zwischen den einzelnen Vorfällen.
Neumann schätzt die Gefahr durch wiederholte Fehlalarme als erheblich ein. Jede Drohung müsse zunächst ernst genommen werden, auch wenn sich die meisten als falsch herausstellten. Das binde Personal und verursache hohe Kosten.
Hinzu komme ein Gewöhnungseffekt: «Wenn hundertmal nichts passiert, könnte beim hundertundersten Mal die Aufmerksamkeit nachlassen.» Und weiter: «Genau das macht solche Kampagnen so problematisch», so das Fazit von Neumann.
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Florian Osterwalder (fos) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten und ist stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks.
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