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Sunday, October 25, 2026

Neuer Roman von Dörte Hansen: Henning hat den Hof, Broder das Nachsehen

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Neuer Roman von Dörte HansenHenning hat den Hof, Broder das Nachsehen

25.10.2026, 12:13 Uhr

imageVon Katja Sembritzki

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Dass die Melkmaschine per Hand angelegt wird, gehört auf dem Bahnsen-Hof der Vergangenheit an. (Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Brüder und ein Hof - das bietet Konfliktpotenzial. In "Broder" erzählt Dörte Hansen mit Härte, Wärme und Witz von brüderlicher Rivalität. Und von einer Landwirtschaft, der die Gewissheiten abhandenkommen.

"Im Februar steht alles auf der Kippe", heißt es auf der ersten Seite von Dörte Hansens neuem Roman. "Die Haselsträucher blühen, und die Amseln singen schon, aber die Böden sind noch nass und kalt und auf den Höfen alle Hoffnungsspeicher leer. (...) Wenn einer aufgibt, tut er es im Februar." Es sind Sätze, die unter die Haut gehen und nach denen gleich klar ist: "Broder" lässt sich nicht mehr aus der Hand legen.

Auch in ihrem vierten Buch greift die Autorin auf ihr erprobtes Erfolgsrezept zurück: Sie schreibt in diesem klaren, unsentimentalen, manchmal auch harten Dörte-Hansen-Sound und nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in die norddeutsche Provinz. Dieses Mal geht es auf den Hof der Familie Bahnsen.

Den wollte eigentlich der titelgebende Broder übernehmen, bekommen hat ihn Henning. Die beiden sind Zwillinge, sehen sich zum Verwechseln ähnlich, könnten aber verschiedener nicht sein. Einer "mit Kuhverstand und einer mit Verstand für Technik. Man hätte sie zu einem Mann zusammenbacken sollen, dann wäre der perfekte Bauer dabei herausgekommen."

"Ertrag kommt von Ertragen"

Broder ging nach Südfrankreich, lebte in einer Kommune, wurde Großtierarzt. Zusammen mit seiner Frau - einer Künstlerin, die Brandruinen malt - kehrte er zurück und kümmert sich nun um die Hochleistungskühe seines Bruders, der auf "digitales Herdenmanagement" umgestellt hat. Broder impft und besamt die Tiere, behandelt ihre entzündeten Euter, ist bei Schwergeburten zur Stelle und reanimiert Kälber mit Mund-zu-Nase-Beatmung - ohne dafür in irgendeiner Weise entlohnt zu werden, ist ja Familie.

Er erträgt es, denn "Ertrag kommt von Ertragen. Von allen Glaubenssätzen, die Paul Bahnsen seinen Söhnen mitgegeben hat, war das der schlimmste und ehrlichste." Aber manchmal muss Broder seine Wut hinausschreien, vor seinem hüftkranken Jagdhund, weitab vom Hof. Er kann den Gedanken einfach nicht verscheuchen, dass eigentlich er es sein sollte, der in der Küche unter den Fliegenfängern sitzt und die Geschicke auf dem Hof lenkt. Und er bemerkt, dass der Vorzeigebetrieb seines Bruders immer stärker in Schieflage gerät - und schweigt.

Mit Broder und der brüderlichen Rivalität im Mittelpunkt entwirft Hansen das schonungslose Bild einer kriselnden Landwirtschaft. Das ist nicht immer leichte Kost. Dass sich der Roman trotzdem nicht erdrückend schwer liest, liegt an Hansens Art, die Zwillinge und die sie umgebenden Menschen zu gestalten: Sie entwirft ihre Figuren als vielschichtige Persönlichkeiten, begegnet ihnen mit großer Zugewandtheit und immer wieder auch einer Prise Humor.

Dorfbegabung und Kühe abfühlen

Und mit jeder Person fügt Hansen ihrer Erzählung um Veränderung, Verlust und Verantwortung weitere Facetten hinzu. Da ist zum Beispiel Ellen, Hennings Frau, die die "Dorfbegabung" hat. Sie kennt den Wettkampf der Landfrauen um die schönsten Dahlien, den geglücktesten Hefeteig, die am akkuratesten gestickte Hardanger-Decke. Und ganz hinten im Keller bleibt ihr Blick plötzlich an etwas hängen, das sie hatte vergessen wollen: ein Dutzend Bohnengläser und in ihnen "die ganze eingeweckte Schuld".

Es sind solche Formulierungen, die lange im Gedächtnis haften bleiben. Auch mit Paul verbinden sich einprägende Sprachbilder. Der Vater der Zwillinge lebt auf dem Altenteil, ignoriert konsequent "Astronaut", den Melkroboter, und hält an seiner jahrzehntelagen Tradition fest: Jeden Morgen schiebt er sich mit einem Stock "wie ein Stocherkahn über den Hof" und hangelt sich durch den Stall, wo er die Kühe auf Krankheiten "abfühlt".

Und dann ist da noch die junge Generation: Maibritt reißt sich mit ihrem Vater Henning darum, per Tablet die Kühe zu überwachen und dreht für ihren Blog kleine Videos über den modernen Hofalltag. Ihre Cousine Claire ist angehende Tierärztin. Aber nach einem Praktikum bei ihrem Vater und tiefen Einblicken in tiermedizinische Kompromisse, zu sie in Ställen und auf Weiden beobachtet, hat sie mehr Fragen als Antworten.

Von Zweifeln an seinem Berufsstand ist auch Broder nicht frei. Einiges aber bleibt unzweifelhaft immer gleich: Am Sonntag trifft er sich mit den "Rasenrockern" zum Fußballspielen. Und wenn sie feiern, er Bereitschaft hat und nüchtern bleiben muss, fährt er seine Freunde nach Hause. "Alle drei sternhagelvoll, wie immer, einer singend, einer schlafend, einer weinend."

Irgendwann geht auch der Februar zu Ende

Hansens Kunst ist es, dem (Land-)Leben auf die Finger zu schauen und klug, sensibel und nahbar über die kleinen und die eigentlich viel zu großen Katastrophen menschlichen Miteinanders zu schreiben. Aber Dörte Hansen wäre nicht Dörte Hansen, wenn sie nicht auch etwas Hoffnung durchschimmern lassen würde.

Denn irgendwann geht auch der Februar zu Ende. Und dann kommt der Morgen, "an dem das ganze Fuder Elend kippt. Die Wolkendecke dünn wird. Reißt. Die Sonne plötzlich strahlt wie auf den Fotos der erbaulichen Kalender, die die Pastoren alten Menschen schenken, wenn sie krank sind oder achtzig werden, neunzig, hundert." Und da ist auch er dann wieder: dieser so einnehmende Witz der Autorin.

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