heise+ | Licht richtig einsetzen: Was die Sehforschung Fotografen lehrt
Das menschliche Sehen ist keine Kamera, sondern eine Merkmal-Maschine. Das Gehirn extrahiert aus einer Szene Kanten, Farben, Glanzlichter und Schattierungen und vergleicht sie mit Gelerntem. Dabei geht man grundsätzlich davon aus, dass das Licht von oben kommt. Diese Annahme ist so tief verdrahtet, dass Schatten für Betrachter keine Störungen sind, sondern Formhinweise. Wer fotografiert, arbeitet also nicht mit dem Licht, sondern mit den Regeln, nach denen wir Licht lesen.
Aus dieser Perspektive verliert die klassische Lichtsetzung ihren Werkstattcharakter. Butterfly, Loop, Rembrandt, Streif- und Kreuzlicht sind keine Rezepte, sondern gezielte Angebote an das visuelle System: Sie machen bestimmte Merkmale sichtbar und andere unsichtbar. Dieser Beitrag führt sechs Standardlichtsetzungen auf dieses gemeinsame Prinzip zurück und zeigt an konkreten Beispielen, warum dasselbe Licht ein Motiv einmal edel und ein anderes Mal billig erscheinen lässt.
Tilo „Gallo“ Gockel ist Profifotograf und Fachbuchautor. Auf seinem Blog www.fotopraxis.net informiert er rund um die Themen Fotografie und Bildverarbeitung, gibt seine Tipps weiter und schneidet gerne auch einmal alte Zöpfe ab.
In der Praxis geht es dann um die Fragen, die im Studio wirklich zählen: Woran erkennt man am Nasenschatten, ob das Porträtlicht sitzt? Warum verlangt eine Macaron-Pyramide anderes Licht als eine Suppe? Wieso rettet in San Francisco erst die blaue Stunde eine Szene, die mittags noch belanglos wirkte? Und wann hilft nur noch Lightpainting, um einen erhabenen Schriftzug auf verschieden geneigten Schokoladenrippchen lesbar zu machen? Alle Antworten folgen dem gleichen Prinzip – und lassen sich, einmal verinnerlicht, auf beliebige Motive übertragen.
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