Studie über Europas 6G-Dilemma: Starke Technik, gelähmter Markt
Europas Telekommunikationssektor gehört weltweit zur Spitze. In der Mobilfunktechnik halten europäische Konzerne entscheidende Patente, entwickeln führende Netzwerkausrüstung und exportieren ihr Ingenieurwissen in alle Welt. Doch das European Center for International Political Economy (ECIPE) schlägt nun Alarm.
Trotz historisch gewachsener Technologieführerschaft droht Europa laut einer Studie der industrienahen Denkfabrik bei 6G den kommerziellen Anschluss zu verlieren. Grund: Der Regulierungswahn und ein schleppender 5G-Ausbau lähmten die Zukunftsfähigkeit der Branche.
Der Umstieg auf 6G ist laut der Analyse mehr als nur ein Tempobeschleuniger für mobile Datenübertragungen. Die neue Netzgeneration verbinde klassische Telekommunikation erstmals mit Cloud-Rechenzentren und Künstlicher Intelligenz. Die Experten sprechen von der Infrastruktur für physikalische KI, also Maschinen und autonome Systeme, die in der realen Welt eigenständig wahrnehmen, analysieren und handeln. Ob Roboter in der vernetzten Fabrik, autonome Fahrzeuge auf den Straßen oder Logistikdrohnen im Luftraum: Sie alle benötigen berechenbare, extrem niedrige Latenzzeiten und Rechenkapazität direkt vor Ort.
Europa schwächelt bei 5G Standalone
6G verlagert die Rechenleistung der Untersuchung zufolge weg von weit entfernten Rechenzentren hin an den Rand des Netzwerks, direkt an die Antennen und Basisstationen (Edge Computing). Genau an dieser Schnittstelle aus Hardware und Software besäßen europäische Netzwerkausrüster wie Ericsson und Nokia eine hervorragende Ausgangsposition.
Allerdings gelingt es Europa seit Jahren nicht, seine technologische Exzellenz in wirtschaftlichen Erfolg umzumünzen. Das ECIPE-Papier verweist auf ein Missverhältnis: Europas Netzausrüster stecken im Schnitt zwar rund 18 Prozent ihres Nettoumsatzes in Forschung und Entwicklung (F&E). Ihre operativen Gewinnmargen verharrten aber bei mageren 3 Prozent. Zum Vergleich: US-Hyperscaler und Cloud-Plattformen investieren zwar prozentual ähnlich viel in F&E, streichen aber Margen von knapp 28 Prozent ein.
Als Auslöser haben die Autoren des Berichts vor allem eine Überregulierung ausgemacht, die Telekommunikation in Europa zu einer austauschbaren Infrastruktur zusammengestaucht habe. Die EU habe über Jahrzehnte vor allem Verbraucherschutz, niedrige Preise und maximalen Wettbewerb priorisiert. Das habe günstige Handy-Tarife gesichert, den Netzbetreibern aber die Ertragskraft für Milliardeninvestitionen geraubt.
Deutlich wird die europäische Schwäche laut den Verfassern beim Blick auf das Fundament, das eigentlich die Brücke zu 6G schlagen müsste: das eigenständige 5G-Netzwerk (Standalone) und private Campusnetze für die Industrie. In China mache 5G Standalone bereits über 80 Prozent, in den USA knapp 32 Prozent der Verbindungen aus. Dagegen erreiche hier kein einziger EU-Mitgliedsstaat auch nur eine zweistellige Prozentzahl. Auch bei den privaten Industrienetzen hinke der Kontinent hinterher. Von insgesamt 747 erfassten 5G-Campusnetzen in der EU entfielen allein 500 auf Deutschland, was an der hiesigen Bereitstellung lokaler Frequenzen liege. In den übrigen 26 EU-Ländern verbleiben 247 Netze.
Zu viele Gesetzesauflagen
Ohne praktische Live-Daten aus solchen 5G-Umgebungen fehle den europäischen Unternehmen das operative Wissen, um profitable Geschäftsmodelle für 6G zu entwickeln, schreiben die Experten. Der prognostizierte Investitionsrückstand der mobilen Netze in Europa summiere sich für das kommende Jahrzehnt auf 200 Milliarden Euro. Erschwert werde die Lage durch ein Dickicht neuer Vorgaben. So belasteten Gesetze wie der Data Act, die NIS2-Richtlinie, der Cyber Resilience Act und die Funkanlagenrichtlinie die Betreiber und Hersteller mit Zertifizierungs- und Befolgungskosten.
Die Autoren fordern deshalb, das Telekommunikationsrecht so anzupassen, dass Betreiber maßgeschneiderte, höherwertige Netzdienste und garantiertes Network-Slicing verlässlich anbieten und monetarisieren können. Zudem gelte es, den Rollout von 5G Standalone als Testfeld zu beschleunigen und den Regulierungsdruck spürbar zu reduzieren. Da internationale Gremien wie 3GPP die 6G-Standards bereits erarbeiteten und die kommerzielle Einführung für 2030 geplant sei, laufe Europa die Zeit davon.
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