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Sunday, October 4, 2026

Dopaminfasten? Was unser Gehirn statt Detox braucht

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Terra X - Die Wissens-Kolumne: Martin Korte

Junge Menschen wie auch Erwachsene sind heute dem Sog ihrer Handys verfallen. Dabei ist belegt: Allein wenn ein solches Gerät in Sichtweite ist - selbst wenn es ausgeschaltet bleibt - verringert es unsere Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit. Kein Wunder also, dass der Ruf nach einer Art "digitaler Diät" immer lauter wird.

In der Wissens-Kolumne von NANO und Terra X auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpertinnen und Gastexperten jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.

Unser Gehirn: Jonglier-Profi für ToDos

Die Entscheidung, bei einer Tätigkeit zu bleiben oder die Aufmerksamkeit auf etwas Neues zu richten, wird im vordersten Teil des Stirnlappens getroffen - echte Chefsachen befinden sich eben direkt hinter unserer Denkerstirn. Dieses Gehirnareal ist Bestandteil des Arbeitsgedächtnisses und versucht, über alle relevanten Verarbeitungsprozesse im Gehirn den Überblick zu behalten.

Während wir uns also auf eine Aufgabe konzentrieren, werden im Frontallappen alle anderen Aufgaben - aktuelle wie geplante - als eine Reihe von Absichten im Gedächtnis behalten. So wie beim Artisten im Zirkus, der mehrere Teller auf Stäben dreht. Das gelingt nur, wenn er einen Teller nach dem anderen immer wieder anstößt, um die Umdrehungen aufrechtzuerhalten.

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Mental Load reduziert unsere Rechenleistung

In gleicher Weise versucht der Frontallappen nach dem Schreiben einer WhatsApp-Nachricht sich der nächsten Benachrichtigung zuzuwenden - oder eben wieder einer Arbeitsaufgabe. Wie drehende Teller in der Luft verbindet der Frontallappen die einzelnen Elemente miteinander. Und wenn wir versuchen, Tätigkeiten im schnellen Wechsel durchzuführen, ist er es, der für das Hin- und Herswitchen sorgt.

Allerdings fällt, genau wie bei einem Teller-Artisten im Zirkus, auch bei uns im Kopf alles zu einem ungeordneten Scherbenhaufen zusammen, wenn wir versuchen, zu viele verschiedene Tätigkeiten mit diesem Teil des Stirnlappens zu koordinieren. Es ist also keine Überraschung, dass unser Smartphone im Blickfeld als zusätzlicher mentaler Ballast diesen Jonglier-Apparat langsamer werden lässt.

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Dopamin: ein lebenswichtiger Stoff

Dabei spielt Dopamin in der Tat eine entscheidende Rolle. Dopamin beeinflusst Bewegungssteuerung und Aufmerksamkeit, kodiert unsere Erwartungshaltung und ist am Belohnungssystem des Gehirns beteiligt. Er steuert Motivation und Lernvorgänge, lässt uns neugierig und offen sein. Dopamin ist also bei weitem kein Giftstoff, von dem man den Körper befreien müsste. Entsprechend sind Begriffe wie "Dopaminfasten" und "Dopamin-Detox" irreführend.

Smartphone-Konsum nachhaltig gestalten

Auf Verhaltensebene und um die Kontrolle über unsere Smartphone-Gewohnheiten zurückzuerlangen, macht es durchaus Sinn, sein Verhalten zu überdenken und neue Gewohnheiten zu etablieren, die die Dopaminausschüttung regulieren. Dabei ist es allerdings nicht nötig, auf extremes Dopaminfasten zurückzugreifen. Statt einer strengen Diät ist es ebenso wie bei der Ernährung sinnvoller, auf nachhaltige Verhaltensänderungen zu setzen.

Dazu gehört, das Smartphone beim Aufwachen, zu allen Essenszeiten und beim Einschlafen ausgeschaltet wegzulegen und immer dann aus dem Sichtfeld zu entfernen, wenn wir keine Ablenkung gebrauchen können.

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Hält man das drei bis vier Wochen durch, hat sich die Dopaminausschüttung beim Anblick eines Smartphones neu eingependelt auf ein "normales Maß" positiver Erwartungshaltung. Kurzum: Das Smartphone hat eine weniger verführerische Wirkung, der Sirenengesang wird quasi gedimmt und wir bleiben offen für andere Tätigkeiten.

Neugier, Offenheit, Überraschung - bitte nicht entgiften!

Doch warum sind unsere Gehirne überhaupt so anfällig für Ablenkungen - ob durch Smartphones oder anderes? Zum einen ist es evolutionär bedingt, um uns vor Fressfeinden zu schützen oder im rechten Augenblick eine mögliche Beute zu erblicken. Zum anderen macht es uns als Menschen aus: neugierig zu sein, offen für Impulse - denn nur dadurch kann etwas Neues entstehen: ein neuer Gedanke, eine neue Assoziation, etwas Unerwartetes.

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Menschliche Gehirne sind neugierig und haben sogar eigene Belohnungssysteme, wenn wir Überraschendes entdecken. Das Problem liegt darin, dass wir, wenn wir ständig nach etwas Neuem Ausschau halten, nie etwas zu Ende bringen.

Es ist also der Wechsel zwischen dem Fahren auf einem Bewusstseinsgleis und der gesunden Offenheit für neue Gleise, der die Balance ausmacht. Was wir fasten sollten, ist also nicht Dopamin - sondern einseitige Gewohnheiten.

... ist Professor für Zelluläre Neurobiologie an der TU Braunschweig und leitet dort das Institut für Zell- und Neurobiologie. Er erforscht die neurobiologischen Grundlagen des Lernens und des Vergessens. Insbesondere besorgt ihn unsere Lern- und Aufmerksamkeitsfähigkeit in Zeiten digitaler Reizüberflutung.

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