Russlands Angriffe machen Kyjiw zur Frontstadt
Vor wenigen Monaten unterschied sich das vergleichsweise friedliche Leben in Kyjiw noch sehr deutlich von dem nahe der Front. Jetzt zwingen die anhaltenden Angriffe Russlands die Menschen in der Hauptstadt der Ukraine, ihre Nächte in geschützten Räumen zu verbringen.
Und morgens müssen sie nachschauen, ob ihr Zuhause noch existiert, ob ihre Angehörigen noch leben. Der Alltag in Kyjiw hat sich spürbar verändert.
Wo Menschen Schutz vor Angriffen finden
Gegen 22 Uhr verwandeln sich die Kyjiwer U-Bahn-Stationen in große Bettenlager. Menschen breiten Matratzen aus und richten sich Schlafplätze ein. Kinder schmiegen sich an Erwachsene und Haustiere kuscheln sich an ihre Besitzer oder suchen sich eine Stelle inmitten von Fremden zwischen den kalten Wänden.

Die Bilder erinnern an den Zweiten Weltkrieg, als die Londoner U-Bahn für die Einwohner der Stadt eine ähnliche Rolle spielte. Mit massiven Luftangriffen auf britische Städte wollte Nazi-Deutschland den Widerstand der Menschen brechen. Tausende Londoner suchten damals Schutz in den unterirdischen Stationen.
Auch in Kyjiw mit seinen vier Millionen Einwohnern gibt es nicht genügend Schutzräume. So ist die U-Bahn einer der wenigen Orte, an denen man sich vor russischen Angriffen schützen kann.
Doch wenn so viele Menschen dicht gedrängt für viele Stunden unter der Erde ausharren müssen, steigt die Anspannung. Es gibt Streit um Sitzplätze, einige schlagen Zelte auf, um sich einen kleinen Rückzugsraum zu sichern.

"Wir leben, wir haben wieder einmal Glück gehabt", sagt Halyna und drückt ihren fünfjährigen Sohn Roman fest an sich. Fast jeden Abend fährt sie mit ihm zur nächsten U-Bahn-Station, selbst wenn kein Luftalarm ausgelöst wurde. Ihre Wohnung befindet sich im Stadtteil Lukjaniwka, den Russland seit fast fünf Jahren systematisch in Trümmer legt.
Während die Sirenen unaufhörlich heulen, ertönt die Warnung: "Suchen Sie Schutz!" Doch wohin soll man gehen, wenn es in der Nähe keinen Schutzraum gibt? Für viele Kyjiwer bleibt da nur der fensterlose Flur in ihrer Wohnung.
Wie Kinder Opfer russischer Drohnen werden
Der 14-jährige Daniel Umanskyj war in seinem Zimmer und machte gerade Hausaufgaben, als im September eine russische Drohne das Wohngebäude im zentralen Stadtteil Petschersk traf. Der Junge hatte keine Chance.
Ein Nachbar war zum Zeitpunkt des Einschlags mit seiner Tochter zufällig im Flur. "Wir hatten es eilig zur Schule und hätten eigentlich viel früher losfahren sollen, aber wir waren zu spät. Und das hat uns das Leben gerettet. Ich habe von Daniels Tod aus der Nachbarschaft erfahren. Es ist eine Tragödie", sagt Wlad.
"Diesen kranken Unmenschen ist es egal, wen sie töten", schimpft der Hausbewohner. Vor dem beschädigten Wohnhaus sind Blumen zum Gedenken an Daniel gepflanzt worden.

Selbst Orte, an denen sich Kinder aufhalten, werden in Kyjiw angegriffen. Anfang Oktober traf eine russische Drohne ein Schulgebäude im Südwesten der Hauptstadt. Die Schüler und Lehrer befanden sich zu dem Zeitpunkt glücklicherweise schon in Schutzräumen. Weil der Sprengkopf der Drohne nicht explodierte, gab es diesmal keine Verletzten.
"Wir haben alle Kinder in Präsenz unterrichtet, weil wir über einen großen Schutzraum für mehr als 500 Schüler verfügen. Dort haben alle genügend Platz. Deshalb konnten die Kinder der ersten bis zur neunten Klasse zur Schule gehen", erläutert der DW Schulleiterin Walentyna Tschorna.
Ob es Präsenzunterricht gibt, hängt nicht nur von der Entscheidung der Eltern und der Schulleitung ab. Es geht auch darum, ob Schutzräume verfügbar sind und wie lange der Luftalarm anhält.
Gefahr droht zu Hause, auf dem Schulweg, in der Schule
Wenn ein Alarm schon morgens ertönt und ein Kind an dem Tag noch zuhause ist, kann es unter Umständen nicht mehr am Unterricht teilnehmen. "Das ist eine enorme Belastung für Eltern. Man muss zur Arbeit und das Kind bleibt allein zu Hause", sagt eine Kollegin aus der Kyjiwer DW-Redaktion, deren Tochter zur Schule geht.

"Auch der Schulweg ist gefährlich, weil es jederzeit Luftalarm geben kann. Meine Tochter besucht eine Schule unweit vom Antonow-Flugzeugwerk. Eines Tages schrieb sie mir: 'Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Explosion das war! Wir waren mit meinen Freundinnen unterwegs, und dann gab es einen Knall. Ich weiß nicht, ob etwas abgeschossen wurde oder ob es irgendwo einen Treffer gab.' So etwas macht Kindern große Angst. Aber auch wenn meine Tochter zu Hause bleibt, mache ich mir Sorgen, dass ein Geschoss oder eine Drohne unser Haus treffen könnte", erzählt sie.
Genau das hat die Familie schon erlebt. Anfang September traf eine russische Drohne ihren Wohnblock. Die Wohnung selbst wurde nicht beschädigt, und die Tochter war an jenem Morgen in der Schule. Dies zeigt, wie sehr es das eigene Überleben und das von Angehörigen allein vom Glück abhängt. Bei einem Luftalarm weiß niemand, wer dieses Mal kein Glück haben wird.

Immer wieder wird auch der Schulunterricht von Luftangriffen unterbrochen. Kinder müssen die Klassen verlassen und geeignete Schutzräume aufsuchen. Doch wenn die Schule keinen hat, bleibt nur der Online-Unterricht.
Ein vollwertiger Fernunterricht ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. Manche Familien ziehen bereits in andere Städte oder Dörfer um, damit ihre Kinder dort zur Schule gehen können.
Russland nimmt Kyjiws Brücken ins Visier
Schutznetze gegen Drohnen und Luftabwehrsysteme gehören mittlerweile zum festen Bestandteil der Kyjiwer Brücken. Sie ähneln zunehmend den Straßen im Frontgebiet von Kramatorsk oder Cherson.
Vor Kurzem begannen die russischen Streitkräfte mit Angriffen auf die Dnipro-Brücken. Dies ist vor allem für die vielen Pendler ein Problem, die täglich auf dem Weg zur Arbeit die Stadtseite wechseln.

Ein ganz normaler Morgen, der Weg zur Arbeit oder ein kurzer Stopp an einer Tankstelle - jeder Moment könnte der letzte sein, denn man weiß nie, wo als Nächstes eine russische Drohne oder Rakete einschlägt.
Menschen im Überlebensmodus
Ende September begannen in Kyjiw wieder Notabschaltungen bei der Stromversorgung. Erstmals seit Langem wurde sogar die U-Bahn durch einen russischen Angriff lahmgelegt. Inmitten dieser Turbulenzen versuchen die Behörden, das Leben in der Stadt aufrechtzuerhalten.
Die Ausgangssperre wurde verkürzt und gilt nun von 1 bis 5 Uhr. Zudem wurde einigen Einrichtungen erlaubt, während der Alarmstufe Gelb weiterzuarbeiten, solange keine unmittelbare Gefahr eines Raketen- oder Drohnenangriffs besteht.
Medizinische Einrichtungen sind mit Generatoren ausgestattet, und geplante Operationen werden nur in Ausnahmefällen, insbesondere bei Alarmstufe Rot, abgesagt. Sie bedeutet höchste Gefahr durch ballistische Raketen, Marschflugkörper oder massive kombinierte Angriffe. Bei Rot muss sofort ein Schutzraum aufgesucht werden.
Kyjiw ähnelt zunehmend einer Frontstadt. Seitdem auch Lagerhäuser angegriffen werden, kommt es in Supermärkten zu einigen Engpässen. Solche Versorgungsprobleme hatte es seit den ersten Monaten des Krieges im Jahr 2022 nicht mehr gegeben.
Angesichts der Attacken auf die Energieinfrastruktur ist zudem unklar, wie zuverlässig die Stadt ihre Einwohner mit Wärme, Strom und Wasser versorgen kann. Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko hat die Bevölkerung sogar aufgefordert, die Hauptstadt zu verlassen.

In diesem Jahr sind die russischen Angriffe noch todbringender geworden. Nach Angaben der Militärverwaltung in Kyjiw starben allein in den ersten acht Monaten dieses Jahres 140 Menschen. Im Juli waren es 54 und im September kamen bei Angriffen 32 Zivilisten ums Leben.
Im gesamten vergangenen Jahr starben 172 Kyjiwer. Wenn sich der Trend fortsetzt, könnte 2026 das blutigste Jahr für die Hauptstadt seit Beginn des russischen Überfalls werden.
Doch trotz aller Versuche, Kyjiw unbewohnbar zu machen, zeigen sich mehr als 70 Prozent der Einwohner bereit, den Krieg so lange wie nötig zu ertragen. Das ergeben Daten des Kyjiwer internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) Aber nach einer Nacht ohne Beschuss und Opfer atmen die Menschen erleichtert auf und sagen sich: "Heute hatten wir wieder Glück."
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