Männlicher Körperkult – Warum jetzt auch Männer immer schöner werden wollen

Bizeps, Abduktoren und ein zartes Sixpack zeichnen sich unter einer hauchdünnen Fettschicht ab. Der Schweizer Maler Paul Camenisch (1893–1970) hat die begehrenswerten Muskeln seines «Schweizer Narziss» zurückhaltend, aber makellos und darin absolut vollkommen herausgearbeitet.
Auf dem Bildnis kann der schöne Bursche – ganz wie im antiken Mythos – den Blick nicht vom Spiegelbild lösen. Den mit kriegerischen Gräueltaten verzierten Badfliesen kehrt er den Rücken zu. In seiner grenzenlosen Selbstliebe verschmäht Narziss nicht nur die Zuneigung anderer, sondern auch den Schmerz der Welt.
Beim Gemälde im Basler Kunstmuseum fällt es einem nicht schwer, an den gegenwärtigen Körperwahn bei Männern zu denken.
In der Badi und an urbanen Flussufern fallen die gymgestählten Körper umtriebiger Teenager ins Auge. Hantelgewichte, Körperfettprozent und Testosteron-Booster sind auf Tiktok akribische Vergleichsmasse junger Männer. Das Extrem, etwa die Kieferzertrümmerung unter Looksmaxxern, besorgt Eltern. Derweil plaudert Nati-Captain Granit Xhaka ganz offen über seine Haartransplantation im Kosovo.
All das fällt in einen Zeitgeist lustvoll geführter Debatten rund um Männlichkeiten. Bemerkenswert ist, dass die Frage, wann ein Mann ein Mann ist, zunehmend am geformten Männerkörper verhandelt wird. Was verbirgt sich hinter dieser Fixierung? Hält der Schönheitsdruck, wie schon bei Narziss, Männer vielleicht davon ab, sich anders zu zeigen, als es die Norm will? Zum Beispiel verletzlich, zweifelnd, fürsorglich, ja, menschlich?
Männlichkeit in der Krise
Zugegeben, auch diese Fragen provozieren. Allein das Sprechen über Männer löst eine Krise aus. Das zumindest fällt der deutschen Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky auf. Männer seien es schliesslich nicht gewohnt, dass ihr Geschlecht, Status und nun auch ihr Aussehen ständig befragt würden.
Denn jahrhundertelang orientierte man sich an einem dominanten männlichen Ideal: «Eine hegemoniale Form von Männlichkeit verkörperte lange Zeit der weisse, heterosexuelle, hochgebildete und wohlhabende Bürger», sagt Villa Braslavsky.
Männlicher Körperkult im Wandel der Zeit
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Bild 1 von 11. Athlet der Antike. «Herkules Farnese» (ca. 216 n. Chr.): Bereits in der Antike trainierten Athleten ihren Körper gezielt. Ein muskulöser Körper galt als Ausdruck von Stärke, Disziplin und göttlicher Schönheit. Bildquelle: Wikicommons/Naples National Archaeological Museum, CC BY 2.5.
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Bild 2 von 11. Jüngling im Mittelalter. «Sankt Sebastian» (ca. 1490): Obwohl die Kirche den nackten Körper als sündhaft verurteilte, bot die Darstellung des leidenden Heiligen Künstlers die Chance, den männlichen Leib sinnlich darzustellen. Bildquelle: Historisches Museum Hellental/Foto: Klaus A.E. Weber.
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Bild 3 von 11. Michelangelo in der Renaissance. «Die Erschaffung Adams» (ca. 1508): Die Männervorlage von Michelangelo gibt Halt. Breite Schulter zum Anlehnen und ein Hauch geistiger Grösse – so das Ideal. Bildquelle: Imago/Dreamstime.
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Bild 4 von 11. Eleganz im Barock. Der britische Adlige William Cavendish, Marquess of Hartington, gemalt von William Hogarth, 1741. Schwere Stoffe, gepudertes Haar und eine gerade Haltung symbolisierten höfischen Prunk. Der kultivierte Männerkörper wurde durch Kleidung und Schminke zum opulent inszenierten Kunstwerk. Bildquelle: IMAGO/Album.
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Bild 5 von 11. Bürgerlicher Mann. Im 19. Jahrhundert mutierte der Männerkörper zum leistungsfähigen Werkzeug des Staates. Die körperliche Disziplin zeigte sich auch beim Autor Thomas Mann (1875-1955) und seinen literarischen Figuren. Bildquelle: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str.
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Bild 6 von 11. Soldat. Soldatische Männlichkeit: Im stählernen Rekruten wurden während des Zweiten Weltkrieges Gewalt und Töten als Akt einer neuen Männlichkeit verklärt. (Foto eines US-Soldaten, circa 1940–1946). Bildquelle: IMAGO/Everett Collection.
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Bild 7 von 11. Androgyner Bowie. 1972 präsentierte sich David Bowie als androgyner Alien-Rockstar. Mit dem Alter Ego Ziggy Stardust brach er mit den gängigen Macho-Klischees der Zeit. Bildquelle: Imago/MediaPunch.
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Bild 8 von 11. Muskelprotz Schwarzenegger. In den 1980er-Jahren machte Arnold Schwarzenegger erneut mit der Macht der Muskeln Furore. Der Bodybuilder zeigte, wie sich der eigene Körper mit Disziplin und harter Arbeit zum Medienereignis formen liess, wie hier als «Conan der Barbar» (1984). Bildquelle: Imago/Everett Collection.
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Bild 9 von 11. Metrosexueller Beckham. David Beckham in den 1990er-Jahren: Mit Haarband, Nagellack und Stilbewusstsein brach der Fussballstar alte Rollenbilder auf. Als Prototyp des «metrosexuellen» Mannes zeigte er vor laufender Kamera einen neuen, geschmeidigen Männertypus mit femininer Seite. Bildquelle: Imago/Capital Pictures.
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Bild 10 von 11. Rebellion. Der Indie-Trend der Nullerjahre feierte einen Stil, der klassische Geschlechtergrenzen verschwimmen liess. Mit Kajal, XXL-Pony und hautengen Röhrenjeans setzten junge Männer modische Kontrapunkte zu traditionellen Männlichkeitsbildern – wie etwa Bill Kaulitz von Tokio Hotel. Bildquelle: IMAGO/Avalon.red.
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Bild 11 von 11. #GymTok. 2020er: Muskeln um jeden Preis. Unter dem Hashtag #GymTok boomt in den 2020ern ein hyperoptimierter Körperkult. Trainierte Körper, Disziplin und Selbstoptimierung werden auf Social Media zum männlichen Ideal. (Symbolbild). Bildquelle: IMAGO/Zoonar.
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Doch solche Geschlechterrollen sind in den vergangenen Jahrzehnten ordentlich durcheinandergerüttelt worden. Das zeigen auch die Auftritte männlicher Körper: Männer tragen Kleider, schminken sich, binden eine Kochschürze um, küssen andere Männer und schieben einen Kinderwagen vor sich her.
Diese Vielfalt wirft Fragen auf: Bin ich attraktiv? Sehe ich stark oder queer genug aus? Bin ich richtig oder falsch? Das verunsichere viele Männer, meint Villa Braslavsky, denn über ihr Aussehen reden doch eigentlich nur Frauen. «Es ist paradox: Über männliches Aussehen nachzudenken, gilt selbst als unmännlich.» Viele Männer hätten deshalb kaum gelernt, mit der neuen Verwundbarkeit umzugehen.
Botox boomt
Recht entspannt sieht es Christopher B., 33 Jahre, blond, frischer Teint, breites Lächeln. Vor acht Jahren hatte er seine erste Botox-Injektion in der Praxis eines befreundeten Arztes. «Ich wollte es einfach mal probieren. Ich wusste ja, dass es wieder weggeht.» Seit drei Jahren lässt er sich in Zürich nun regelmässig eine winzige Dosis Nervengift spritzen. Nur so viel, dass sich die Brauen noch bewegen. Warum eigentlich?
«Ich mag den Effekt, jugendlicher auszusehen. Und natürlich freue ich mich über Komplimente.» Er fügt an: «Es ist für mich dasselbe wie Anti-Aging-Produkte, die ich seit Jahren nutze.»
Nur: Botox, das sei für viele immer noch eine Grenze. Aber vielleicht nicht mehr lange, denn der Markt für männliche Schönheitseingriffe wächst rasant.
Der beherrschbare Körper
Dieser Trend ist ein weiteres Indiz dafür, dass sich ein jugendliches Aussehen bei Männern zunehmend als Norm durchsetzt. «Männer wollen frisch und erholt aussehen», antwortet ein Schönheitschirurg der Zürcher Gentlemen’s Clinic auf Nachfrage. Jünger als 35 wollten aber die meisten nicht wirken, zu gross sei die Sorge, an Kompetenz im Berufsalltag einzubüssen.
Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky betont die breite Palette jugendlicher Attribute: «Es geht hier um einen belastbaren, leistungsstarken, disziplinierten und beherrschbaren Körper.» Auf der Langhantelbank, während der Proteindiät und beim Verpflanzen von Haarfollikeln mache der Körper, was man ihm befehle.
Totale Körperbeherrschung deuten wir heute als Tugend.
Spuren des Alterns gelte es aufzuhalten. Denn kahle Stellen, zu viel Fett und Falten symbolisieren ein angebliches Scheitern an den Umständen. «Totale Körperbeherrschung deuten wir heute als moralisch richtig, als Tugend», meint die Soziologin.
Entspringen würden diese Normen einer bestehenden neoliberalen Logik, in der wir angehalten seien, uns möglichst effizient zu managen. Nach wie vor ist also Selbstdisziplin das Erfolgsrezept der Stunde. Und kaum etwas verkörpert dieses Ideal besser als der starke, vitale Männerkörper.
Gefangen in der Bilderwelt
Seine grösste Bühne findet dieser wiederentdeckte Adonis heute auf Tiktok und Instagram. Für den gepumpten Latissimus oder die richtige Kreatin-Dosierung hagelt es Likes. Influencer wie der Schweizer Fitness-Coach Jeremy Wiederkehr werden zu Vorbildern.
Die stark bearbeiteten Bilder überschreiben innere Wahrnehmungsmuster, sodass die eigene Wahrnehmung immer verzerrter wird.
Wie Narziss in die Gefangenschaft des eigenen Spiegelbildes gerät, geschieht das heute mit dem Smartphone: 80 Prozent der 12‑ bis 19-jährigen Jungen in der Schweiz nutzen Instagram, 64 Prozent Tiktok. Auch erwachsene Männer erfahren in den sozialen Medien, auf Dating-Plattformen und in Videokonferenzen, dass sich ein frisches Aussehen lohnt.
Gleichzeitig sind inszenierte Männerkörper im Netz Nährboden für die Manosphere, aber auch für queere Bewegungen oder feministische Männergruppen. Nicht alles ist problematisch, aber wer einmal in einem toxischen Kreis drin ist, kommt nicht mehr so schnell raus. Denn an den endlosen Feeds verdienen Plattformen und Kreatoren.
Christopher B. hat das selbst beobachtet. «Wenn du einmal anfängst, auf Tiktok nach Botox zu suchen, kommt schnell das Nächste: Microneedling, Mesolifting oder Laser.» Toll ausgeleuchtete, mit Filtern weichgezeichnete Promis, die mit 40 noch mega jung aussehen. Christopher B. weiss um den Trugschluss, und doch setzt sich ein Gedanke fest: Das möchte ich auch.
Körperbilder zwischen Wahn und Wirklichkeit
«Die stark bearbeiteten Bilder überschreiben innere Wahrnehmungsmuster, sodass die eigene Wahrnehmung immer verzerrter wird», sagt der Psychotherapeut Roland Müller. Beim Schweizer Dachverband männer.ch leitet er die neue Fachstelle Männergesundheit «SANDRO», die Präventionsprojekte aufbaut.
Der Körper ist für den Mann ein guter Zugang.
«Muskeln und körperliche Stärke sind bei all meinen Patienten ein Thema», sagt Müller. Sätze wie «Ich war immer sehr schmächtig und nie so richtig männlich» hört er häufig. Die schnelle Lösung: den Körper in Form bringen, um dem propagierten Ideal zu entsprechen.
Selbstverständlich seien Sport und gesunde Ernährung wichtig für das Wohlbefinden. Gefährlich werde es, wenn Fitness die oberste Priorität im Leben einnehme, illegale Substanzen hinzukommen, trotz Verletzung weiter trainiert werde und in der Folge etwa Freundschaften darunter leiden.
Hilfe bei Anabolika-Konsum
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Leiden Männer unter einer Essstörung oder einem gestörten Körperbild (Muskeldysmorphie) geht es dabei häufig um Fitness und Anabolika. Das ist bisher nur wenig erforscht. Die meisten Studien beziehen sich auf den Profisport.
Viele Männer im Hobbysport verdrängen das Problem sehr lange, sagt der Psychotherapeut Roland Müller. Einerseits sei das Thema sehr schambehaftet, und andererseits würden auch viele Hausärzte oder Eltern Essstörungen nicht mit Jungen und Männern in Verbindung bringen.
Im Arud Zentrum für Suchtmedizin gibt es eine Anabolika-Sprechstunde, wo Betroffene von Psychotherapeuten und Ärztinnen beraten werden. Arud schätzt, dass es etwa 200'000 Konsumenten in der Schweiz gibt. Rund 70'000 seien vom Konsum gestresst und benötigten Hilfe. Eine medizinische Betreuung von Anabolika-Konsumenten ist bei den aktuellen (gesetzlichen) Bestimmungen jedoch schwierig.
Schon als Kind lernen wir, uns anzupassen und mitzulaufen, sagt Müller. Niemand wolle ausgelacht oder ausgegrenzt werden. Der Psychotherapeut versucht mit seinen Patienten, solche Urängste besser zu verstehen und das Selbstwertgefühl zu stärken.
Männer, Körper und Gefühle
Wie das gelingt? «Der Körper ist für den Mann ein guter Zugang», erklärt Müller, «Männer leben ihre Probleme und Belastungen häufig stark über den Körper aus. Wenn man das mehr aufgreift, kommen vielleicht auch mehr Männer in die Beratung oder Therapie.»
Die Arbeit am und mit dem Körper muss also nicht wie bei Narziss verblenden, sondern kann auch kraftvolle Ressource sein. «Es gibt eine Dimension unserer Existenz, die wir nicht kontrollieren können», betont die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky. Tränen der Trauer, Herzklopfen vor dem ersten Date, Erröten beim Vortrag. «Es zermürbt uns, wenn wir vortäuschen, es gäbe diese Körperstimmen nicht», meint Villa Braslavsky.
Vielleicht liegt darin der blinde Fleck einer obsessiven Körpergestaltung: Wer den Körper nur noch zügelt, verliert aus dem Blick, dass er auch etwas ist, das uns widerfährt. Glück, Trauer, Liebe, Hass gehen durch den Körper und prägen unser Erleben und Mitgefühl. Zu viel Botox und brennende Muskeln können betäuben und lassen diese widersprüchliche Welt weniger in uns hinein.
Selten standen Männer so stark im Fokus – das verunsichert und macht Angst. Der Körper lässt sich im Gefühlschaos scheinbar schnell kontrollieren und formen: Das gibt Halt. Doch dahinter schlummern Einsamkeit, Begehren, Sehnsüchte und Fantasien. Auch sie machen einen Mann zum Mann.
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