Wie wir mit Enttäuschungen umgehen: Das Schweigen im Meeting

In der deutschen Gesellschaft regiert das Mittelmaß. Das wäre an sich nicht tragisch. Doch in die Leere im Zentrum stoßen gefährliche Kräfte vor.
Z uletzt habe ich viel über Enttäuschungen nachgedacht. Was eigentlich ungewöhnlich für mich ist: Ich erwarte wenig von anderen, freue mich über alles, bin eher der dankbare Typ, merke mir Wohltaten und neige dazu, auch grobe Unverschämtheiten zu vergeben und vergessen.
In einer Kolumne von gut 3.000 Zeichen wäre nun der Moment gekommen, konkret zu werden. Aber Sie ahnen es schon: Ich muss Sie enttäuschen. Ich bin ein halbwegs gesunder Mann in mittleren Jahren, eine Lebensphase, in der man Kraft und Abgeklärtheit hat, sich mehr um andere zu sorgen als um sich selbst.
Eine gute Freundin etwa, die ihren beruflichen Weg früh nach dem Motto „Links sein kann ich auch privat, reich werden nicht“ ausgerichtet hat und der ich also einen realistischen Blick auf unsere Existenz zubilligen möchte, erzählt: Was und wer seit einiger Zeit bei ihr in der Firma gefördert werde, sei das Mittelmaß – der Abnicker, der Nachplapperer, die Plattitüden breittretende Fleißdrohne.
Sie wundere sich, dass Menschen, die privat einigermaßen originell seien, auf Arbeit zu Nachsprechpuppen mutierten. Wenn von oben nichts vorgegeben werde, wenn es also nichts nachzuplappern gebe: Dann herrsche Schweigen im Meeting.
Durchschaubare Lehrerfragen
Und ihr Verdacht sei nun – oder ihre Paranoia –, erzählte meine Freundin weiter, dass dieses Schweigen ganz bewusst herbeigeführt werde. Denn wer es breche, oute sich automatisch als das Mittelmaß nicht dauerhaft ertragendes Wesen, für das es in einem zeitgenössischen Betrieb keinen Platz gebe. Der Grund: Es würde die Herrschaft des Mittelmaßes gefährden.
Wer seinem Impuls nachgebe, etwas irgendwie nicht schon tausendmal Gesagtes zu äußern, werde identifiziert und marginalisiert, in Extremfällen als irre markiert. Jedenfalls: neutralisiert.
Übertrieben – klar, sagte meine Freundin. Aber die Mittelmäßigkeit, als Herrschaftsmethode beängstige sie eben. Die in der Hierarchie oben stehenden bombardierten einen ganz bewusst mit Banalitäten und Sprechhülsen, nicht immer, weil sie es schlicht nicht besser vermöchten. Sondern weil sie zeigen wollten, dass sie sich ihre Nullperformance leisten könnten.
Dieser Geruch
Indem sie uns staatstragend Scheiße erzählten, zeigten sie uns erst, wie tief wir in der Scheiße säßen, ja pressten uns immer noch tiefer hinein.
Letztlich sei das aber ihr Privatproblem. Was möglicherweise nicht ihr Privatproblem sei, sei, dass oben nichts sei.
Der Sachzwang sei zum Herrschaftsprinzip erhoben worden, jeder Verstoß gegen den Konformismus werde mit Ausschluss bestraft beziehungsweise weniger dramatisch: lasse nur noch die Möglichkeit zum Rückzug offen. Doch wenn in der Mitte die Herrschaft des Nichts angebrochen sei, dann blieben zum Rückzug nur noch die Ränder.
So jedenfalls verstehe sie ein Zitat des NS-Forschers Ulrich Herbert, das sie kürzlich gelesen habe: „Das Neue am Nationalsozialismus ist nicht die Analyse, sondern das Drängen auf Lösung.“ Der Aufstieg der AfD erkläre sich damit aus der Selbstnarkotisierung der demokratischen Mitte.
„Harter Tobak“, sagte ich, mal ihren Redefluss unterbrechend. Und: „So enttäuscht wie du kann man glaube ich nur sein, wenn man mal sehr an etwas geglaubt hat, an die Gesellschaft oder so etwas.“
„Und“, sagte sie leicht genervt, „glaubst du nicht an ‚so etwas wie die Gesellschaft‘?“
„Ehrlich gesagt: nicht“, sagte ich. „Ich finde, man ist letztlich allein. Ich fand das immer etwas gestört bei mir. Dass das auch ein tröstender Gedanke sein kann, das habe ich jetzt erst durch dich gemerkt.“
„Dann“, sagte sie etwas versöhnt, „habe ich ja wenigstens dich nicht enttäuscht!“
Ambros Waibel taz2-Redakteur
Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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