Deutsche Bank und Kolonialverbrechen: In Strömen von Blut und Geld

Deutschland will keine Reparationen an Hinterbliebene des Völkermords an den Herero und Nama zahlen – die Geschichte aufarbeiten will es auch nicht. Und nun?
Foto: Bridgeman Images
E ine halbe Stunde lang am späten Mittwochabend debattierten Abgeordnete im Bundestag darüber, ob Deutschland den Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia offiziell anerkennen soll. Die Linke fordert, wie die Nachkommen der Ermordeten, Reparationen.
Zur Erinnerung: In „Südwestafrika“ errichtete das deutsche Kaiserreich die ersten Konzentrationslager, um den Widerstand der enteigneten Herero und Nama zu brechen. Dort mussten sie die Schädel ihrer Landsleute säubern, die dann nach Deutschland für rassistische Untersuchungen geschickt wurden. Viele starben an den Folgen von Hunger, Krankheiten und Misshandlungen in den Lagern. 1904 erließ Befehlshaber Lothar von Trotha einen „Vernichtungsbefehl“: Bis 1908 wurden schätzungsweise 100.000 Menschen getötet – etwa 80 Prozent der Herero und die Hälfte der Nama.
Bis heute dürften viele in Deutschland diese Geschichte nicht kennen. Sie spielt kaum eine Rolle an Schulen, in der Aufarbeitung von Institutionen – oder Unternehmen. Mit dabei war zum Beispiel die Deutsche Bank – sie war an der Gründung der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika (DKGSWA) beteiligt. 2001 verklagten Angehörige der Herero die Bank und zwei weitere Unternehmen vor einem US-Gericht. Sie warfen ihnen vor, die Unterdrückung und Vernichtung der Herero und Nama finanziert beziehungsweise davon profitiert zu haben. Die Klage wurde abgewiesen, es fehlte die Rechtsgrundlage für einen Schadensersatzanspruch.
Aber auch die Deutsche Bank hat bislang keine öffentlichen Bemühungen gezeigt, die Geschichte aufzuarbeiten. In ihrer 262-seitigen Chronik seit 1870 steht kein Wort zur Kolonialzeit. Dabei hat die Deutsche Bank ein eigenes historisches Institut. Ihre Rolle im Nationalsozialismus hat sie untersuchen lassen, etwa die Finanzierung vom Bau von Auschwitz.
kolumne vermögen und verbrechen
Leila van Rinsum schreibt in dieser Kolumne regelmäßig über hohe Vermögen – und das Vermögen ihrer Besitzer*innen, sich damit auf Kosten der Allgemeinheit weiter zu bereichern. Verbrecherisch, aber nicht immer gesetzeswidrig. Denn wer reich ist, hat oft auch die Macht, Regeln zu gestalten – oder zu umgehen. Wie funktionieren die Systeme der extremen Ungleichheiten und wo gibt es Auswege?
„Ich vernichte die aufständischen Stämme in Strömen von Blut und in Strömen von Geld“, schrieb von Trotha 1904. Woher kam das Geld?
Die Bundesregierung drückt sich vor einer Entschädigung der Hinterbliebenen. Vor einem fast leeren Plenarsaal und Vertreter*innen der Herero und Nama, die auf der Besuchertribüne saßen, erklärten Christdemokraten die langjährige Linie der Bundesregierung. „Nach heutigen Maßstäben“ sei es ein Völkermord – dafür trage Deutschland eine historische und moralische Verantwortung. Das biete aber keine Grundlage für einen Rechtsanspruch auf Reparationen. Eine Völkerrechtskonvention habe es ja erst 1948 gegeben. Ohne rot zu werden, weisen sie auf die Einigung mit Namibia hin, dass Deutschland innerhalb von 30 Jahren insgesamt 1,1 Milliarden Euro Entwicklungshilfe an Namibia zahle. 1,1 Milliarden in 30 Jahren. 2 Monate Tankrabatt haben die Bundesrepublik 1,6 Milliarden gekostet.
Vieles an diesem Abend im Bundestag erinnert vor allem an die offensichtliche Verdrängung der deutschen Kolonialzeit und die Nachwirkungen, die bis heute zu spüren sind. Noch immer gehören etwa 70 Prozent des kommerziellen Agrarlandes in Namibia Nachkommen weißer Siedler. Die deutsche Kolonialgeschichte brachte eine Architektur der Vernichtung voran, der sich nur 30 Jahre später die Nationalsozialisten bedienten. Die systematisch verbreitete rassistische Ideologie, welche die Ausbeutung und Vernichtung afrikanischer Menschen rechtfertigen sollte, bleibt bis heute tief verwurzelt in der deutschen Gesellschaft – auch weil sie nicht aufgearbeitet wurde, bietet sie weiterhin den Nährboden für rechte Narrative.
Leila van Rinsum Redakteurin
ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft & Umwelt. Dort schreibt sie über Internationalen Handel und Entwicklungspolitik. Sie war zuvor freie Journalistin in Nairobi und Berlin und schrieb über Nord-Süd Beziehungen, Kapitalismus und Queeres.
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