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Monday, September 14, 2026

Hebamme über Umgang mit Beschneidung: „Das notwendige Vertrauen entsteht durch Begleitung“

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Hebammen sollten auf weibliche Beschneidung bei Gebärenden vorbereitet sein. An der MSH in Hannover lernen Studierende den Umgang damit.

taz: Frau Groß, Sie lehren Hebammenwissenschaft an der Medizinischen Hochschule Hannover und behandeln dabei auch das Thema Beschneidung, der Fachbegriff lautet Female Genital Mutilation/Cutting (FGM/C). Wann sind Sie das erste Mal damit konfrontiert worden?

Mechthild Groß: Das war, lange bevor ich meine Hebammenausbildung begonnen habe. Ich habe 1983 eine Verwandte, Schwester Therese Vogel, in ihrer mobilen Klinik in Kenia besucht. Sie hat dort über 60 Jahre gearbeitet und karitative Arbeit geleistet.

Im Interview: Mechthild Groß

leitet die Forschungs- und Lehreinheit Hebammenwissenschaft und den Bachelorstudiengang Hebammenwissenschaft an der medizinischen Hochschule Hannover.

taz: Eine Beschneidung kann auch Komplikationen bei der Geburt bedeuten [siehe Infokasten]. Was bedeutet das für die Arbeit von Hebammen mit betroffenen Frauen?

Groß: Um Vertrauen zu den Frauen aufzubauen und Ängste hinsichtlich der Geburt zu verringern, braucht es Zeit. Bei FGM/C zählt nicht nur die Geburt, sondern auch die besonderen Umstände während des Gebärens sowie die Zeit danach. Das notwendige Vertrauen für diese intimen und kulturell sensiblen Gespräche entsteht durch ständige Begleitung. Deshalb ist die kontinuierliche Betreuung ein zentraler Aspekt der Hebammenwissenschaft.

taz: Welche besonderen Umstände sind das?

Groß: Der Grad der Beschneidung kann variieren. Wenn eine unhygienische Situation vorliegt, ist ein Infektionsrisiko gegeben, sodass die zuvor verschlossene Öffnung der Vagina in seltenen Fällen bereits während der Schwangerschaft eröffnet werden sollte.

taz: Wie häufig treffen Hebammen in Deutschland auf betroffene Frauen?

FMG/C

FMG/C steht für Female Genital Mutilation/Cutting. FMG/C wird meistens im Kindesalter in westlichen, östlichen und nordöstlichen Regionen Afrikas, sowie in einigen Ländern des Mittleren Ostens und Asien durchgeführt.

Man unterscheidet hierbei vier Typen.

Typ 1, die Klitoridektomie: Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris mit oder ohne Entfernung der Klitorisvorhaut (Hautfalte, die die Klitoris umgibt).

Typ 2, die Exzision: Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris und der inneren Schamlippen mit oder ohne Entfernung der äußeren Schamlippen.

Typ 3, die Infibulation: Entfernung der inneren und/oder der äußeren Schamplippen und Verengung der Vaginalöffnung durch Zusammenheften oder Zusammennähen der Wundränder mit oder ohne Entfernung der Klitoris und der Klitorisvorhaut.

Typ 4, alle anderen nicht medizinisch begründeten Eingriffe an den Genitalien.

Schätzungen von UNICEF zufolge waren 2025 mindestens 230 Millionen Mädchen und Frauen weltweit von FMG/C betroffen.

FMG/C wird seit 2013 in Deutschland als eigener Straftatbestand eingestuft und kann mit einer Gefängnisstrafe bis zu 15 Jahren bestraft werden. Dabei ist es egal, ob sie in Deutschland oder im Ausland durchgeführt wird.

Groß: Das hängt sehr vom Standort ab. In einer Großstadt kann das einmal im Monat vorkommen. In Orten mit spezialisierten Frauenhäusern können sich Betroffene treffen und austauschen. Dort kommt dies häufiger vor. Aber auch in ländlichen Gebieten können Hebammen Betroffene betreuen. Gerade hier müssen die Hebammen genau wissen, was zu tun ist. Denn in Deutschland leben laut Zahlen von Terre des Femmes von 2020 schätzungsweise 75.000 von FGM/C betroffene Frauen und 20.000 gefährdete Mädchen. Allein in Niedersachsen waren es 2022 laut einer Hochrechnung 8.168 betroffene Frauen und 1.200 gefährdete Mädchen.

taz: Während einer Geburt sind vaginale Untersuchungen häufig Routine. Wie kann dabei eine Retraumatisierung Betroffener vermieden werden?

Groß: Wenn früh genug festgestellt wird, wie groß das Kind ist und ob es günstig im Becken liegt, kann man sich trauen, auf eine vaginale Untersuchung zu verzichten. Wenn wir aber eine vaginale Untersuchung bei betroffenen Frauen durchführen, ist es essenziell, Vertrauen zu ihnen aufgebaut zu haben. Die Haltung und Einstellung der Hebamme und die Wortwahl sind wichtig. Begriffe in der Herkunftssprache können hilfreich sein. Dabei sollte man Blickkontakt halten und zuvor Zeichen vereinbart haben, bei denen sofort aufgehört wird. Um diesen sensiblen Kontakt aufzubauen, ist es eben besonders wichtig, dass sich betroffene Frauen rechtzeitig in den Geburtskliniken vorstellen.

taz: Wie sieht die Nachversorgung aus?

Groß: Das ist etwas, das man mit betroffenen Frauen im Vorfeld in mehreren Gesprächen klären muss. Aus rechtlichen Gründen darf eine Frau nicht wieder zugenäht werden. Trotzdem muss eine kulturell angepasste und sensible Lösung gefunden werden, mit der die Frau zufrieden ist, sodass sie sich mit sich selbst identifizieren kann.

taz: Was bedeutet das konkret?

Groß: Wir gehen auf die Wünsche der Frau ein. Dabei zeigen wir betroffenen Frauen nach einer Geburt oft einen Spiegel, damit sie sich die Veränderungen ansehen können. Wir müssen aber auch den Familienkontext der Frau berücksichtigen und schauen, inwieweit der Partner mit eingebunden ist, und eine Veränderung bejaht. Dabei kooperieren wir mit regionalen Gruppen, die dahingehend Aufklärungsarbeit leisten und die Partner direkt ansprechen. Das Ziel ist, dass die Frauen in ihrem weiteren Leben keine negativen gesundheitlichen Folgen haben.

taz: Inwiefern können Hebammen Präventionsarbeit leisten?

Groß: Indem wir die Frauen und ihre Kinder für die Wochenbettnachsorge zuhause besuchen. Dabei können wir mit den Familien ins Gespräch kommen und möglicherweise herausfinden, was sie für die Mädchen in der Familie planen. In Deutschland sind Beschneidungen zwar ein Straftatbestand, doch es werden noch immer Heimaturlaube organisiert, in denen sie stattfinden. In dem niedersächsischen Projekt „Elikia“ wird hierzu Präventions- und Aufklärungsarbeit geleistet.

taz: Ist die Aufklärung über FGM/C an Ihrer Hochschule fester Bestandteil des Studiengangs der Hebammenwissenschaft?

Groß: Ja. Wir haben die Vorgabe, die Hebammen für eine kompetente Betreuung aller Gebärender auszubilden. Wenn nachts um drei eine von FGM/C betroffene Frau mit Wehen auftaucht, sollte jede Hebamme wissen, was sie zu tun hat. Sie sollte keine Panik bekommen und der Frau das Gefühl geben können, sicher aufgehoben zu sein.

taz: Wie gestalten Sie den Unterricht an Ihrer Hochschule?

Groß: Wir unterrichten die Studierenden über die Fakten und zeigen ihnen Bilder der verschiedenen Typen von FGM/C. Zuvor geben wir immer eine Triggerwarnung heraus. Zudem lehren wir den sensiblen und vertrauensvollen Umgang mit den betroffenen Personen.

taz: Warum ist eine Enttabuisierung von FGM/C so wichtig?

Groß: Damit klar wird, dass es sich um Gewalt und eine Straftat handelt. Betroffene Personen sollten wissen, dass sowohl Urinieren und die Ausscheidung von Menstruationsblut als auch die Empfängnis nicht mit Schmerzen verbunden sein müssen.

taz: Die wörtliche Übersetzung von FGM wäre „weibliche Genitalverstümmelung“, so nennen es auch Organisationen wie Terre des Femmes. Sie aber sagen „weibliche Beschneidung“. Warum?

Groß: Der Begriff „Verstümmelung“ sollte nur im politischen Kontext verwendet werden, um die Gewalt zu verdeutlichen, die den Frauen widerfahren ist. Niemand möchte als „verstümmelt“ beschrieben werden, und oft sehen Betroffene sich selbst auch nicht als „verstümmelt“.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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