Pekings Pläne für Insel – Expertin: «Das Jahr 2028 wird für Taiwan kritisch»

Die USA zögern mit Waffenlieferungen, China bereitet sich auf einen möglichen Ernstfall vor, und das Jahr 2028 könnte zum Krisenjahr werden, sagt Simona Grano. Sie leitet den Forschungsbereich China-Taiwan-Beziehungen der Universität Zürich.
Simona Grano
Sinologin, Universität Zürich
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Die Sinologin Simona Grano ist Privatdozentin an der Universität Zürich. Sie leitet dort das «Taiwan Studies»-Projekt und beschäftigt sich mit China-Fragen.
China wünschte sich, die USA würden ihre Waffenlieferungen an Taiwan reduzieren. Geschieht das bereits?
Ein Waffenpaket im Wert von rund 14 Milliarden Dollar wird seit Monaten zurückgehalten. Das zeigt, dass Taiwan für die Trump-Administration eine Verhandlungsmasse sein kann. Diese Ungewissheit ist für Taiwan sehr problematisch. Aktuelle Umfragen zeigen, dass 47 Prozent der Taiwanesen ihr Vertrauen in die USA verloren haben.
Ein direkter Angriff wäre für China ein enormes Risiko.
Aber sind die USA nicht gesetzlich verpflichtet, Taiwan zu beliefern?
Ja, gemäss dem Taiwan Relations Act sind die Amerikaner verpflichtet, Taiwan Waffen zu liefern, damit es sich selbst verteidigen kann. Offiziell heisst es, die Verzögerung sei auf Engpässe wegen des Iran-Kriegs zurückzuführen. Diese offizielle Erklärung macht es für Taiwan schwierig, zu protestieren.
Wie realistisch ist ein Krieg um Taiwan?
Ein direkter Angriff wäre für China ein enormes Risiko. Ein militärischer Erfolg ist nicht garantiert, und ein Krieg könnte die taiwanesische Gesellschaft noch stärker gegen China mobilisieren. Zudem wäre der internationale Schaden immens. China müsste mit harten Sanktionen und einer stärkeren militärischen Einbindung der USA rechnen. Ein Taiwan-Konflikt hätte viel grössere globale Auswirkungen als der Ukraine-Krieg. Berechnungen zeigen, dass die globale Wirtschaftsleistung im ersten Jahr um fast zehn Prozent einbrechen könnte.
Gleichzeitig sagen Sie, Peking bereite sich auf einen Konflikt vor.
Ja, man darf einen militärischen Konflikt nicht als unrealistisch abtun. China bereitet sich systematisch darauf vor. Es hat nicht nur seine militärischen Fähigkeiten massiv ausgebaut, sondern auch seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit verstärkt: durch den Aufbau strategischer Rohstoffreserven, massive Goldkäufe und die Analyse, wie man westliche Sanktionen umgehen könnte. Zudem tritt am 1. Oktober ein neues Gesetz zur nationalen Verteidigungsmobilisierung in Kraft. Das alles zeigt: China bereitet sich auf einen möglichen Ernstfall vor.
China realisiert, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist.
Gibt es dafür einen Zeithorizont?
Das Jahr, das wir beobachten müssen, ist 2028. Dann finden sowohl in den USA als auch in Taiwan Wahlen statt. Sollte in Taiwan erneut die China-kritische DPP-Partei gewinnen – was ich erwarte –, wäre das bereits die vierte Amtszeit in Folge. Für Peking, das diese Partei als unabhängigkeitorientiert ansieht, könnte dies eine rote Linie sein. Ich erwarte dann eine deutliche Verschärfung des chinesischen Drucks, wenn nicht sogar eine offene Machtdemonstration.
Welche Rolle spielt die taiwanesische Bevölkerung in diesem Konflikt der Grossmächte?
Peking hatte immer den Traum, dass Taiwan durch ökonomische Integration von allein zu China zurückfindet. Jetzt realisiert China, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist. Taiwan rückt immer weiter weg. Wenn man sich die junge Generation ansieht, identifizieren sich über 80 Prozent nur noch als Taiwanesen.
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