Drei Jahre nach dem 7. Oktober – Sein Sohn wurde ermordet – trotzdem will er nicht hassen

Die Tür des Schutzraums hat kein Schloss. Also stellt sich Zohar Haimi am Morgen des 7. Oktober 2023 dahinter und hält den Griff fest. Zwölf Stunden lang. Er hört, wie Terroristen in sein Haus eindringen. «Ich hörte sie Arabisch sprechen und alles kaputt machen», erzählt er heute.
Zur gleichen Zeit kämpft sein Sohn Tal am Eingangstor des Kibbuz Nir Yitzhak, nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Tal leitet das Sicherheitsteam und stellt sich den Angreifern entgegen. Er überlebt den Tag nicht. Die Hamas verschleppt seine Leiche nach Gaza, erst nach über zwei Jahren kann die Familie ihn beerdigen.
Ein Leben ohne Hass
Drei Jahre später sitzt Zohar wieder im selben Haus. An der Wand hängen Fotos von Tal – und von Lotan, Tals jüngstem Sohn, der sieben Monate nach dem Tod seines Vaters zur Welt kam.
Zohar hat sich gegen Wut und Hass entschieden. «Wenn ich etwas Schlechtes fühle, sage ich mir: ‹Stopp.›» Die Wut soll nicht sein Leben bestimmen, sagt er. «Ich will ein glückliches Leben führen.» Auf den Friedhof geht er kaum. Einen Grabstein braucht er nicht. «Ich trage meinen Sohn in mir.»
Terroristen der Hamas verübten im Süden Israels ein Massaker. Rund 1200 Menschen wurden brutal ermordet, über 250 nach Gaza verschleppt.
Es war der tödlichste Tag für Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust. Der Krieg, der folgte, hat im Gazastreifen bisher Zehntausende Menschenleben gefordert.
Nach dem Angriff lebte die Gemeinschaft monatelang in Eilat. Die Rückkehr fiel Zohar nicht leicht. «Aber in dem Moment, als ich durchs Tor kam, wollte ich nicht mehr weg.»
Zwei Freunde, ein Gespräch
Einer, der Zohar sein ganzes Leben kennt, ist Oded Bahar. Die beiden kamen im Kibbuz im Abstand von einem Jahr zur Welt und sind entfernt verwandt. «Es ist hier ein bisschen wie in einem Beduinenstamm», sagt Zohar, und Oded lacht.
Oded fährt seit Jahren als Freiwilliger für die Organisation «Road to Recovery». Er holt kranke Palästinenserinnen und Palästinenser an den Checkpoints ab und bringt sie in israelische Spitäler, früher aus dem Gazastreifen, heute aus dem Westjordanland. Daran hat auch der 7. Oktober nichts geändert. Angetrieben wird er von einer Frage, die ihn seit seiner Kindheit begleitet: Wer sind die Menschen auf der anderen Seite des Zauns? «Niemand hat es mir erzählt», sagt er. Es wurde ihm nur gesagt: Es sind Araber, die einen bestehlen wollen – oder Schlimmeres.
Dann sagt Zohar etwas, das Oded noch nie von ihm gehört hat, obwohl sie sich ein Leben lang kennen: «Die Palästinenser sind Menschen wie wir. Wenn ich könnte, würde ich mich einen universellen Menschen nennen.» Oded ringt um Worte. «Das berührt mich sehr.» Ausgerechnet sein Jugendfreund, der am 7. Oktober seinen Sohn verloren hat, denkt wie er.
«Es gibt sie, die Hoffnung»
Die beiden wissen, dass sie mit dieser Haltung in Israel heute zu einer Minderheit gehören. «Viele sagen einfach: Wir müssen sie alle töten», sagt Zohar. «Das belastet mich.» Selbst im Kibbuz, der früher als links galt, habe sich seit dem Krieg vieles verändert.
Naiv sei er nicht, betont Zohar. «Aber ich will so leben. Also versuche ich es.» Und Oded hofft, dass man in zehn, zwanzig Jahren auf den 7. Oktober als Tiefpunkt dieses Konflikts zurückblicken wird – als den Moment, ab dem es endlich aufwärts ging.
Wie Zohar trotz allem weitermacht, zeigt sich hinter seinem Haus. Was andere wegwerfen, verwandelt Zohar in etwas Neues: Alte Reifen bemalt er, Velofelgen und Rohre aus der Molkerei werden zu einem Garten. Jede Woche kommt etwas dazu. «Ich schaue nach vorne.» Und wenn es Abend wird, leuchten zwischen den Reifen die Solarlampen auf, während aus den Lautsprechern Musik klingt.
Hoffnung ist an diesem Ort nicht selbstverständlich. Zohar weiss das: «Aber es gibt sie, die Hoffnung. Es gibt sie wirklich.»
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