Ukrainische Armee in Kursk: Von Normalität keine Spur

Teile der russischen Region Kursk waren mehrere Monate in ukrainischer Hand. Zehntausende Menschen flohen. Wie sieht es dort heute aus?
Foto: Viacheslav Ratynskyi/Reuters
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Meduza öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. Den ganzen Text finden Sie hier auf Russisch.
Der Central Park liegt nicht nur in New York, sondern auch im Zentrum der russischen Stadt Kursk. Nur ist er dort kein Naherholungsgebiet, sondern ein riesiges Einkaufszentrum. Bekleidungsgeschäfte mit Marken, die sich als Zara oder Uniqlo ausgeben, reihen sich aneinander; es gibt ein Kino und eine Filiale der russischen Fast-Food-Kette „Wkusno – i totschka“ („Lecker – und Punkt“). Für die Einheimischen ist der Central Park die „Sehenswürdigkeit für die Jugend“.
Auf den ersten Blick wirkt das Leben in Kursk normal, doch echt ist das nicht. Bis heute haben sich Stadt und Region nicht vom russischen Angriffskrieg und den ukrainischen Gegenschlägen erholt. Noch immer leben Menschen dort, die wegen der ukrainischen Offensive aus ihren Heimatorten fliehen mussten. Die grenznahen Dörfer, in die einige von ihnen trotz allem zurückkehren wollen, sind größtenteils unbewohnbar.
Ein Reporter von Meduza ist nach Kursk gereist, um sich ein Bild vom Leben in einer der vom Krieg am stärksten betroffenen Regionen und Städte Russlands zu machen.
Kursk gehörte zu den ersten russischen Regionen, die unmittelbar und in vollem Ausmaß mit dem Krieg konfrontiert wurden. Sie ist zudem die einzige Region Russlands, die von August 2024 bis April 2025 unter ukrainischer Besatzung stand.
Nach der Eroberung kündigten die russischen Behörden großspurig an, die ukrainischen Streitkräfte innerhalb weniger Monate oder sogar Tage zurückzudrängen. Ein erheblicher Teil des Gebiets blieb aber bis zum Frühjahr 2025 unter ukrainischer Kontrolle. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg erlebte Russland damit die Besetzung eines Teils seines Staatsgebiets durch ausländische Truppen.
Werbeplakate für den Militärdienst
Bis heute ist nicht abschließend geklärt, wie viele Menschen in dieser Zeit getötet oder verletzt wurden. In den ersten Augusttagen des Jahres 2024 sprachen die Behörden von 12 Toten und 120 Verletzten. Im Januar 2026, fast ein Jahr nach der Rückeroberung des Gebiets, erklärte Alexander Bastrykin, der Vorsitzende des russischen Ermittlungskomitees, dass 445 Einwohner*innen ums Leben gekommen seien. Bis August stieg die offizielle Zahl auf 640 Tote.
Wie in nahezu jeder anderen russischen Stadt erinnern auch in Kursk heute vor allem die unzähligen Werbeplakate für den freiwilligen Militärdienst an den Krieg. Sie rufen dazu auf, sich als Zeitsoldat zu verpflichten und „den Himmel über Kursk zu verteidigen“.
In der Stadt gibt es nur wenige Schutzräume, sie sehen von außen aus wie heruntergekommene öffentliche Toiletten. Am Eingang eines dieser Bunker hängt noch eine Werbeanzeige aus der Zeit vor dem Siegeszug der Chatbots von OpenAI und Co: „Ich schreibe Ihre Haus- und Abschlussarbeiten. Schnell und zuverlässig.“
Auf dem Bahnhofsvorplatz gibt es mehrere Geschäfte mit Militärbedarf. Sie richten sich vor allem an Zeitsoldaten, die auf ihrem Weg an die Front durch Kursk kommen. Hier steht auch ein Denkmal für die von der russischen Propaganda gefeierte Militäroperation „Rohr“, durch die es Russland gelang, das Gebiet zurückzuerobern. Dabei waren russische Soldaten den ukrainischen Streitkräften durch eine stillgelegte Ferngasleitung in den Rücken gefallen.
Ein Stück Rohr als Denkmal
Als Denkmal wurde ein Stück Rohr mit einem Durchmesser von 1.420 Millimetern aufgestellt, das angeblich Teil jener Gasleitung ist. Es könnte sich aber auch nur um ein baugleiches Exemplar handeln.
Als ukrainische Truppen in die Region Kursk einrückten, flohen mehr als 130.000 Menschen aus den Grenzgebieten. Einer der Einwohner, mit dem Meduza sprach, sagte: „Wir hörten die Geschosse direkt über unseren Köpfen pfeifen. Es war beängstigend, zu fliehen. Aber noch beängstigender wäre es gewesen, zu bleiben.“
Viele der Geflüchteten wurden zunächst in provisorischen Notunterkünften untergebracht. Später mieteten einige von ihnen Wohnungen oder Zimmer in Kursk, andere zogen weiter nach Moskau, St. Petersburg oder in andere russische Großstädte. Einige versuchten sogar, trotz der anhaltenden Lebensgefahr in ihre Heimatstädte zurückzukehren.
Die Ankunft von Zehntausenden Vertriebenen hat das Leben in Kursk verändert. Ein Einwohner berichtete gegenüber Meduza, dass sich die Wohnungspreise seit 2024 nahezu verdoppelt hätten. Auch andere Berichte bestätigen den starken Preisanstieg. Als Hauptgründe gelten die hohe Nachfrage von Menschen aus den Kampfgebieten und die wachsende Zahl von in der Region stationierten Soldaten.
Nicht nur der Wohnungsmarkt, sondern auch Bürgerämter, Krankenhäuser und andere staatliche Einrichtungen sind durch den zusätzlichen Andrang stark belastet. Vieles deutet darauf hin, dass die Behörden mit dieser Situation überfordert sind.
So bleibt eine Integration der Geflüchteten weitgehend aus. Wie sowohl Vertriebene als auch Einwohner von Kursk berichten, führen viele der Neuankömmlinge ein Leben am Rand der Stadtgesellschaft. Ihr Alltag beschränkt sich oft auf die Notunterkünfte, in denen sie seit ihrer Flucht leben. Obwohl sie in Kursk leben, sind sie vom gesellschaftlichen Leben der Stadt weitgehend abgeschnitten.
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