Papst Leo XIV. würdigt in der französischen Grenzstadt Metz Robert Schuman und fordert Europa zu mehr Einsatz für Frieden und Dialog auf.
"Der Beitrag, den ein organisiertes und lebendiges Europa für die Zivilisation leisten kann, ist unerlässlich für die Aufrechterhaltung friedlicher Beziehungen." Am Schlusstag seines viertägigen Frankreich-Besuchs hat Papst Leo XIV. in der wichtigsten politischen Rede seiner Reise die Bedeutung Europas beschworen - und Europa zu mehr Engagement für den Frieden auf dem Kontinent und für Offenheit gegenüber Migrantinnen und Migranten aufgefordert.
Papst Leo mahnte im ostfranzösischen Metz die Europäer zu "geduldigem Dialog", um den Krieg Russlands gegen die Ukraine zu überwinden. Dabei seien "Mut bei den Verhandlungen" notwendig und die Bereitschaft, "bestimmte Positionen für das übergeordnete Wohl des Friedens aufzugeben".
Auf einstigen Schlachtfeldern
Seine Worte fielen an einem Ort im Osten Frankreichs, der wie kaum ein anderer die konfliktreiche Geschichte Europas widerspiegelt. Metz liegt in einer Region, die im vergangenen Jahrhundert mehrfach die Staatszugehörigkeit wechselte. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gehörte die Stadt zum Deutschen Reich, nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu Frankreich. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie erneut von Deutschland besetzt, bevor sie 1944 wieder französisch wurde. Viele Ackerflächen waren einst mal Schlachtfelder.
Gerade deshalb hat Metz heute eine starke symbolische Bedeutung. Die Stadt steht für den Wandel von Feindschaft zu Zusammenarbeit. Aus einstigen Erbgegnern wurden enge Partner, die heute gemeinsam den europäischen Integrationsprozess tragen.

Frieden - Leo selbst wollte für diese Botschaft nach Metz. Das machte kurz vor der Rede des Papstes der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Kardinal Jean-Marc Aveline, in seiner Einleitung deutlich. Die päpstlichen Zielorte Paris und Lourdes hätten eh festgestanden. Dann habe er, so Aveline, zu Beginn der Planungen dem Papst eine Reihe weiterer Orte in unterschiedlichen Teilen des Landes genannt, auch im Süden und Norden, darunter Metz. Bei der nächsten Zusammenkunft habe Leo sich gleich auf Metz festgelegt, "wegen Europa".
Leo wollte nach Metz, weil seine Rede zu einer Würdigung Robert Schumans wurde. Schuman (1886-1963), in Luxemburg geboren, war französischer Staatsmann mit ursprünglich deutscher Staatsbürgerschaft. Bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939-1945) wurde er zu einem der Väter der Idee eines gemeinsamen Europas.
Als französischer Außenminister setzte sich Schuman für die deutsch-französische Aussöhnung ein, drängte auf ein vereintes Europa, wurde 1958 erster Präsident des damals neuen Europäischen Parlaments. Im Kirchlein eines Vorortes von Metz, in dem er lange lebte, wurde er nach seinem Tod beigesetzt. Seit weit über 30 Jahren läuft ein kirchliches Verfahren, das die Seligsprechung Schumans erreichen will. Ende offen.

Und das Tagungszentrum, in dem der Papst sprach, trägt seinen Namen: Robert-Schuman-Kongresszentrum. In seiner Rede zitierte er Schuman häufiger als die drei oder vier verschiedenen Vorgänger-Päpste, auf die er verwies. Der Papst wörtlich: Schuman, "der Landesgrenzen im ständigen Wandel erlebt hatte, trug dazu bei, den Grundstein für ein Europa zu legen, das sich der Dringlichkeit bewusst war, die Mauern einzureißen, die es zerriss."
Leo klagt über "Wiederaufrüstung"
"Heutzutage werden die Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Staaten immer barbarischer", beklagte der Papst bei seinem Werben für ein geeintes, friedliches Europa. Der Kontinent, der nach 1945 Hass und Feindschaft überwunden habe, könne dieser Abwärtsspirale ein Ende setzen. Dabei seien Völkerrecht und Multilateralismus das beste Gegenmittel gegen jeden Herrschaftswillen, der auf Konflikte setze. Dem setzte er die "Illusion der Wiederaufrüstung" gegenüber.
Spätestens bei der Betonung von Völkerrecht und international verbindlichen Regelungen wirkte die Rede des ersten US-Amerikaners an der Spitze der katholischen Kirche auch wie eine Kritik am Kurs der USA unter Präsident Donald Trump, der auf Durchsetzung eigener Macht setzt und internationale Verpflichtungen seines Landes reihenweise aufgekündigt hat.
Nicht zum ersten Mal drängte sich dabei ein Bezug zur Lage seines Heimatlandes auf. Das zeigte sich bereits kurz vor dem Abflug in Rom, als Leo durch die Maschine ging und die mitreisenden Journalisten begrüßte.
Nimmt Leo Bezug auf Trump?
Dazu zählte auch der Korrespondent von CNN, der den Papst auf den von Präsident Trump betriebenen Ausschluss von kritischen Medien wie unter anderem CNN aus der Berichterstattung aus dem Weißen Haus ansprach. An Bord des Papstes, so Leo, seien "alle willkommen". Für ihn sei es "sehr wichtig, eine gute Berichterstattung vollständig und für alle zu haben". Selbst beim Appell des Papstes zu einem menschlichen und würdigen Umgang mit Flüchtlingen konnte man gut Bezüge zur aktuellen Lage in den USA finden.

Doch Leo betonte bei diesen politischen Themen nicht nur die Distanz zur aktuellen Administration in Washington. Die Rede wirkte bei jedem Satz, aus dem Wertschätzung für die europäische Idee und die Europäer sprach, wie eine unauffällige Gegenrede zu Papst Franziskus (2013-2015).
Der Jesuit aus Argentinien war bei innereuropäischen Reisen gern an die Ränder des Kontinents gegangen, in Flüchtlingslager und zu Menschen am Rande. Er kam aber nie bis Paris oder Berlin, Wien oder Madrid. Und schon im Jahr 2014 bescherten zwei Franziskus-Reden vor Europaparlament und Europarat bei einer Stippvisite in Straßburg den Zuhörern drastische Kritik an einem müden Europa.
Kritik an Legalisierung der Sterbehilfe
Nun klang Leo bemerkenswert anders als sein Vorgänger. Und er nahm doch auch die Europäer in die Pflicht. Dazu gehörte auch die Aufforderung zum unbedingten Lebensschutz samt der Absage an jede Form der Sterbehilfe. In Frankreich wurde im Sommer Sterbehilfe in engen Grenzen gesetzlich zugelassen, in weiteren europäischen Ländern laufen entsprechende Bemühungen für gesetzliche Regelungen.

Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dessen Amtszeit in wenigen Monaten endet, beschwor im Geiste Schumans ein "Europa, das beschützt, das eint und das handelt". Dieses Europa sei "souverän, geeint und demokratisch" und beseelt von dem "Projekt des Friedens und des Wohlstands", das die Gründerväter angestrebt hätten.
Metz, einer der Orte im Herzen des einst kriegsgeprägten Europa, wurde für Leo zum Gegenbeispiel für Konflikte weltweit. Metz und seine Umgebung bezeugten der Welt, "dass Versöhnung nur möglich ist, wenn man den Mut hat, die Kette des Grolls zu durchbrechen", sagte er bei seinem letzten öffentlichen Auftritt dieser Reise, bei der Predigt in der Kathedrale der Stadt. Und auch dort wurde dieser Papst - wie an jedem Tag dieser Frankreich-Reise - gefeiert.
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