Ohne Fahrschein: Wie bei Hänsel und Gretel

Eine Taube verirrt sich in die Berliner S-Bahn. So schnell wie hinein, findet sie nicht mehr hinaus. Zum Glück haben ein paar Mitreisende Ideen.
Illustration: Donata Kindesperk/taz
S amstagfrüh gegen vier. In der S-Bahn riecht es nach Wochenende, Schweiß und Parfum. Kurz vor Abfahrt betritt eine atemlose Frau das Abteil. Sie trägt ihre Haare rasiert und hat Kopfhörer auf den Ohren, sieht sich um und lässt sich mir gegenüber in die Sitze fallen. Durch die Tür kommt ein Luftzug, als etwas Graues auf uns zuflattert. Die Frau reißt ihre Beine hoch und ruft „Oha!“ Mit einem Mal sitzt zwischen uns eine Taube und guckt ähnlich verstört wie wir.
„He, du musst wieder raus“, sagt die Frau zur Taube, nimmt ihr Handy und macht schnell ein Foto, als sich die Türen schließen und die Bahn anfährt. Von der anderen Seite kommt eine weitere Frau. „Also so was ist echt noch nie passiert und ick fahr hier jeden Tach.“ Sie trägt zum Jeansrock ein T-Shirt mit Pink Panther.
Auch ein Typ mit Hawaiihemd steht plötzlich neben uns und filmt die Taube, die mit starren Augen den Gang entlangspaziert. „Ist für meinen Onkel. Der züchtet Tauben.“ Sie läuft nervös an ihm vorbei, lässt ein paar Kack-Kleckse fallen und setzt sich unter einen Sitz.
Da holt das Hawaiihemd Studentenfutter hervor. „Ich hab Nüsse. Die können wir als Spur legen. Wie bei Hänsel und Gretel.“
„Dürfen die denn Nüsse essen?“, fragt die Kopfhörerfrau.
„Ja, dürfen sie. Bin Lehrer“, erklärt er: „Grundschule. Sachunterricht. Tauben waren letztes Jahr dran.“
„Ick hab auch noch Kekse! Schmeckt doch besser, als die ollen Nüsse!“, sagt die Frau mit dem Pink-Panther-Shirt. Der Lehrer sieht auf die Packung Butterkekse in ihrer Hand. „Eigentlich ist Zucker nicht so gut, aber Stadttauben sind bestimmt alles gewöhnt.“
Er zertritt ein paar Nüsse und schiebt sie mit dem Schuh in Richtung Tür. Ein Stück Keks legt er der Taube direkt vor den Schnabel. Da setzt sie sich in Bewegung. Sie pickt und folgt der Spur. Beim nächsten Halt öffnen wir die Tür. Sie hüpft heraus und fliegt davon. Wir sehen uns erleichtert an. So eine gemeinsame S-Bahn-Taube verbindet.
Isobel Markus Autorin
Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften, Anthologien sowie in drei eigenständigen Publikationen veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman (2024 bei mikrotext). In der Lettrétage veranstaltete sie von 2019-2025 die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bot Künstler*innen interdisziplinär eine thematische Bühne und regte zum Austausch mit dem Publikum an. Bei Berliner Lesebühnen ist sie regelmäßig Lesegast. Aktuelle Lesungstermine und mehr: http://isobelmarkus.de https://www.instagram.com/isobelmarkus/ https://www.facebook.com/isobel.markus https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
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