„Street Fighter“ im Kino: Eine Achterbahnfahrt ins Nirgendwo
Für die Szene braucht man nicht einmal eine Spoilerwarnung, sie kommt ganz zu Beginn: Da sitzt Ryu, gefangen im Zeichentrick der Erinnerung, und hört auf seinem Walkman ein Lied, das ihn ganz besonders mitnimmt. Dann kommt Ken, nimmt ihm die Kopfhörer weg und verspottet Ryus Musikgeschmack.
Was für ein Waschlappen hört denn „What’s Up?“ von den 4 Non Blondes? Und wer sich zu gut an früher erinnert, dem wird wahrscheinlich das erste Mal schwindlig im Kinosessel. Spielt die Szene nicht in den 80ern, vor der Veröffentlichung des Songs? Wann hört der Zeichentrick auf, wann fängt der Film an? Wer hat sich diese verwaschene, unpräzise Karikatur der 90er ausgedacht? Auch als kurz darauf der Realfilm startet, hört der Schwindel nicht auf. Er ist spektakulär, macht Spaß, hat aber nichts zu erzählen. „Street Fighter“ hat viel mit einer Achterbahnfahrt gemein.
Was passiert hier eigentlich gerade?
Wer „Street Fighter“ verfilmen will, hat eigentlich schon verloren. Es gibt mindestens sechs Spiele, zig Charaktere, nicht einen einzigen ernst zu nehmenden Plot und zumindest eine Verfilmung, die als Camp-Klassiker funktioniert, aber nicht als Inspiration.
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Sony Pictures
)Die Geschichte des Films spielt auf überraschend vielen Ebenen. Der besondere Clou: Keine der Ebenen ergibt Sinn. Ryu und Ken spielen die Hauptrolle als Quasi-Bruderpaar, entfremdet und zerrissen von einer verflucht gefährlichen Superkampfkraft. Knapp an der Hauptrolle vorbei schrammt Chun-Li als rächerische Agentin. Diverse bekannte Gesichter des Spiels turnen ebenfalls über die Leinwand.
Zusammengehalten werden die Handlungsstränge durch den Bösewicht M. Bison. Er will die Kampfkraft anderer anzapfen, scheitert in jeder Szene an irgendetwas und bekommt dann kindische Wutanfälle. M. Bison veranstaltet das zentrale Turnier des Films, aber das ist im Zweifelsfall egal. Geprügelt wird ständig, aber meist anderswo.
Wrestling statt Kampfkunst
Schnell bekommt man bei „Street Fighter“ das Gefühl, dass sich hier in keinem Kampf irgendjemand an eine Regel halten wird. Schon die Inszenierung lässt alles durchgehen. Erinnerungen erscheinen in einem sauber animierten Zeichentrickstil, der nicht recht zum trashigen Rest passt. Stets geht es in den Rückblenden um dramatische Schicksalsschläge, die hier ernst und plakativ dargestellt werden. Sobald wieder Schauspieler auftauchen, geht es zurück in die Umkleidekabine. Jeder Ernst wird vom nächsten Witz über Achselschweiß erstickt.
Trotz dramatischer Höhepunkte bleibt der Film eine Komödie. Es regnet anbiedernde Anspielungen auf all die zu Recht vergessenen Songs und Werbespots, die damals über den Röhrenfernseher flimmerten. Die meiste Zeit steht Ken im Mittelpunkt, der einen schlimmen Abstieg hingelegt hat. Zu Beginn ist er als Wrestling-Star vom Weg abgekommen, bevor ihn der Ernst der Lage zurück zur Kampfkunst führt.
Theoretisch gäbe es auch einiges an Kampfkunst, das man darstellen könnte, doch ironischerweise bleibt es bei Schaukämpfen. In Nebenrollen treten E. Honda auf, Balrog, Zangief, Vega, Dhalsim, Guile, Cammy, Blanka, und bis auf einen Frisurunfall bei Curtis „50 Cent“ Jackson sehen sie ungefähr so aus, wie man sie sich vorstellt. Viele sind genau in einer Szene stark und stehen sonst am Rand herum. Gelegenheiten für Schauspiel haben die beteiligten Darsteller kaum, aber die meisten wissen offenbar, wozu sie hier sind: Sie klopfen ein paar Kalauer, packen mindestens einmal ihren berühmtesten Move aus und treten wieder ab.
Ein Film wie eine Arschbombe
Darüber könnte man sich einerseits ärgern, aber andererseits wurde hier nicht Shakespeare verfilmt, nicht einmal „Virtua Fighter“, sondern ein Spiel, das sich immer um die Show des Kämpfens dreht, um albern aufgeblasene Muskeln, dichtes Brusthaar und durchtrainierte Oberschenkel. Daraus eine etwas planlose Gag-Revue zu machen, ist nicht respektvoll, aber es funktioniert. Und in vielen Szenen leuchtet die Entscheidung plötzlich ein: Wie hätte man in einem Film besser verkaufen können, dass einer der Kämpfer ein Auto verprügelt?
„Street Fighter“ taumelt durch einen Wald der Anspielungen und Zitate auf die alten Spiele, aber im Zweifelsfall war alles nur ein Witz. Es ist ein Film wie vom Schulhof und sieht genauso pubertär aus, wie es klingt. Das ist aber nicht unbedingt schlecht. Wer für „Street Fighter“ ins Kino geht, um einen Actionfilm zu sehen, wird wahrscheinlich enttäuscht. Wer eine interessante Geschichte erwartet, auch. Und die Kämpfe nehmen jede Abkürzung zur nächsten Pointe, zum nächsten Spezialeffekt. So gesehen kann man den Film richtig schlecht finden, aber wer das tut, hat auch den Witz nicht verstanden, den hier offenkundig alle erzählen wollen. Und der Klamauk funktioniert. Sehr viele unterschiedlich gute Pointen prasseln herab, bis man kapituliert und mitlacht.
Wer noch über albernen Slapstick kichern kann und wer bei Prügelszenen eher Marvel sehen will als Sport, der sitzt bei „Street Fighter“ genau in der richtigen Achterbahn. Auch wenn sie ins Nirgendwo fährt.
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