Vor 15 Jahren enttarnte sich die NSU-Terrorgruppe, die zehn Menschen ermordete und viele andere verletzte
Halit Yozgat war der neunte Tote. Erschossen am 6. April 2006 in Kassel im Bundesland Hessen. Vor ihm waren seit September 2000 acht andere Männer mit migrantischen Wurzeln auf ähnliche Weise aus dem Leben gerissen worden: aus kürzester Entfernung regelrecht hingerichtet. Das zehnte und letzte Opfer passte nicht in das ansonsten immer gleiche Muster: Es war eine Frau. Die Polizistin Michèle Kiesewetter starb am 25. April 2007 in Heilbronn (Baden-Württemberg).
Beate Zschäpe verschickte makabre Bekennervideos
Erst viereinhalb Jahre später kam ans Licht, wer hinter der rätselhaften Mordserie steckte: eine Terrorgruppe, die sich selbst den Namen Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) gegeben hatte. Am 4. November 2011 enttarnte die später zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilte Beate Zschäpe sich und die am selben Tag tot in einem ausgebrannten Wohnmobil aufgefundenen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos.

Die beiden Männer sollen sich unter nie restlos geklärten Umständen nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach das Leben genommen haben. Dass sie aus rassistischen Motiven neun Männer erschossen haben, damit brüsteten sie sich in einem makabren Bekennervideo, das Zschäpe an Medien verschickte.
Der zweite NSU-Prozess endete mit einer Bewährungsstrafe
Warum auch Michèle Kiesewetter sterben musste, gehört zu den vielen ungeklärten Fragen. Abschließende Antworten gab es dazu weder im ersten NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München (Bayern), der von 2013 bis 2018 dauerte, noch in zahlreichen parlamentarischen Untersuchungsausschüssen.
15 Jahre nach der Selbstenttarnung der Terrorgruppe schwinden bei den Familien der Ermordeten die Hoffnungen auf neue Erkenntnisse immer mehr. Gelegenheit hätte es im Prozess gegen Susann Eminger gegeben, die im Juli 2026 vom Oberlandesgericht Dresden (Sachsen) wegen Unterstützung der Terrorgruppe zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wurde.
Opfer-Angehörige sind über das Urteil empört
Sie hatte ihrer Freundin Beate Zschäpes geholfen, bei Arztbesuchen und gegenüber der Polizei eine andere Identität anzunehmen. Dafür nutzte sie Emingers Krankenkassenkarte und Personalausweis. Dass sie Kenntnis von der NSU-Mordserie hatte, konnte das Gericht aber nicht nachweisen.

Angehörige der Ermordeten und Überlebende des ebenfalls vom NSU begangenen Bomben-Attentats in Köln (Nordrhein-Westfalen) haben trotzdem kein Verständnis für das aus ihrer Sicht skandalöse Urteil: "Zehn Menschen wurden kaltblütig hingerichtet, Unzählige bei Sprengstoffanschlägen verletzt", sagte Michalina Boulgarides, deren Vater Theodoros am 15. Juni 2005 in München erschossen worden war.
Ein NSU-Helfer wurde frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen
"Wann kriegen die Opfer ihre Gerechtigkeit?", fragte sie unter dem Eindruck der Bewährungsstrafe für Susann Eminger im zweiten und wahrscheinlich letzten NSU-Prozess. Emingers Ehemann André hatte im ersten Strafverfahren gegen die Terrorgruppe 2018 eine zweieinhalbjährige Gefängnisstrafe erhalten, musste davon aber nur zwei Drittel absitzen. Auch darüber sind die Opfer-Familien empört.
Zudem endete im Mai 2026 die Strafe für den Neonazi Ralf Wohlleben, der im ersten NSU-Prozess wegen Beihilfe zum Mord zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Seitdem ist Beate Zschäpe die einzige noch inhaftierte Rechtsterroristin, die wahrscheinlich bis 2035 hinter Gittern bleiben muss. Alle weiteren Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen mutmaßliche NSU-Unterstützer wurden eingestellt.
In Nürnberg soll ein nationales NSU-Dokumentationszentrum entstehen
Während das juristische Kapitel weitgehend abgeschlossen zu sein scheint, geht die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der beispiellosen rechtsterroristischen Mord- und Anschlagsserie weiter. Allerdings kommen dabei zwei zentrale Projekte nur langsam voran: die in Nürnberg (Bayern) geplante nationale Gedenkstätte sowie das Mahnmal in der Kölner Keupstraße.

In Nürnberg ermordete der NSU drei Menschen, darunter war das erste von zehn Opfern: der Blumenhändler Enver Şimşek. In dieser Stadt zentral an die Toten zu erinnern sowie die Folgen von Rassismus und Rechtsextremismus zu thematisieren, ist naheliegend. Nürnberg hatte auch im Nationalsozialismus eine große Bedeutung: Dort wurden die propagandistisch aufgeladenen Reichsparteitage mit Massenaufmärschen und Reden von Adolf Hitler inszeniert.
Knapp neun Millionen Euro für den zentralen Gedenkort
Der Deutsche Bundestag beschäftigt sich seit 2024 mit der Idee eines NSU-Dokumentationszentrums. Doch eine schnellere Umsetzung blieb auf der Strecke, weil die damalige Regierungskoalition unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) vorzeitig zerbrach. Nun soll das Projekt bis 2030 verwirklicht werden.
In einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen stehen erste Details: Demnach sind knapp neun Millionen Euro vorgesehen, um den zentralen Erinnerungs- und Gedenkort unter Federführung der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) zu schaffen.
Gamze Kubaşık: "Hier planten sie auch den Mord an meinem Vater"
Einen Schritt weiter ist man schon in Chemnitz (Sachsen), der Kulturhauptstadt Europas 2025. Dort gibt es seitdem ein Dokumentationszentrum zum NSU-Komplex. Die Ausstellung "Offener Prozess" steht mit ihrem Titel stellvertretend für den breit angelegten programmatischen Ansatz: ein Ort für Bildung, Forschung und Veranstaltungen.

Bei der Eröffnung hielt Gamze Kubaşık eine Rede. Ihr Vater Mehmet wurde am 4. April 2006 vom NSU in Dortmund erschossen. In Chemnitz wiederum war das Terror-Trio Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt jahrelang untergetaucht. "Hier planten sie auch den Mord an meinem Vater. Die Unterstützung der lokalen Neonazi-Szene befähigte sie in ihren Machenschaften und bestärkte sie in ihrer Ideologie", erinnerte Gamze Kubaşık an die Bedeutung des Ortes.
Die Perspektiven der Betroffenen sollen im Fokus stehen
Die Geschäftsführerinnen der Chemnitzer Einrichtung, Nora Krzywinski und Esther Gerstenberg, halten einen nationalen Erinnerungs- und Dokumentationsort zum NSU-Komplex für notwendig. "Er kann jedoch die Arbeit an den konkreten Orten des Terrors und seiner gesellschaftlichen Voraussetzungen nicht ersetzen", betonen sie in ihrer Antwort auf eine schriftliche DW-Anfrage.

Man mache die Perspektiven der Betroffenen sichtbar und verbinde Erinnerung mit der Auseinandersetzung mit rassistischen Kontinuitäten und der Verantwortung von Staat und Gesellschaft, erläutern Krzywinski und Gerstenberg ihr Konzept. "Wir verstehen unsere Arbeit deshalb nicht als Ersatz für einen nationalen Ort, sondern als Teil eines Verbundsystems, das lokale, regionale und bundesweite Erinnerungs- und Aufarbeitungsarbeit dauerhaft miteinander verbindet."
Bundestag: "Der Opfer gedenken, der Verantwortung gerecht werden"
Während der Umgang mit dem facettenreichen NSU-Komplex in Chemnitz bereits konkrete Formen angenommen hat, warten die Menschen in der Kölner Keupstraße weiterhin auf das versprochene Mahnmal für die 22 Verletzten des Bombenanschlags vom 9. Juni 2004. Mit dem Bau kann Medienberichten zufolge aber erst frühestens 2030 begonnen werden, weil rund um den vorgesehenen Standort vorher alte Gebäude abgerissen und neue errichtet werden sollen.
Eines steht jetzt schon fest: Am Ende wird es länger als ein Vierteljahrhundert gedauert haben, bis am authentischen Ort in der Keupstraße in Form eines Mahnmals an das NSU-Bombenattentat erinnert werden kann. Das zeigt, wie zäh die gesellschaftliche Aufarbeitung zuweilen verläuft. Derweil hat sich der Deutsche Bundestag 15 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU auf eine Debatte verständigt. Sie steht unter dieser Überschrift: "Der Opfer gedenken, der Verantwortung gerecht werden und heutige Bedrohungen ernst nehmen."
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.