Proteste nach Massenkündigung: «Haben uns extra Velos gekauft»

- Rund 700 Kuriere beschäftigt Just Eat in der Schweiz, mehrere Hundert davon dürften ihre Stelle verlieren.
- Just-Eat-Chef Lukas Streich erklärt die Umstrukturierung.
- Die Mitarbeitenden Alessandro, Aldrit, Panagiotis und die 23-jährige Organisatorin der Demonstration erzählen, was sie von der Firma fordern.
Just Eat will sein Modell in der Schweiz grundlegend umbauen: Statt mit fest angestellten Kurieren soll der Lieferdienst künftig vermehrt mit selbstständigen und externen Flottenpartnern arbeiten. Von den rund 700 Just-Eat-Kurieren dürften mehrere Hundert ihre Stelle verlieren. Wie viele Mitarbeitende tatsächlich betroffen sind, soll erst nach Abschluss des laufenden Konsultationsverfahrens feststehen. Am Donnerstag protestierten Mitarbeitende und Unterstützerinnen und Unterstützer vor dem Hauptsitz am Manesseplatz.
Just-Eat-Schweiz-Chef Lukas Streich begründete den Wechsel im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» mit dem veränderten Bestellverhalten der Kundschaft. Diese wolle heute auch nachts oder ausserhalb klassischer Essenszeiten Bestellungen erhalten. Mit den bisherigen, zwei Wochen im Voraus geplanten Schichten sei das nicht wirtschaftlich möglich. Streich betonte, es handle sich nicht um eine Sparmassnahme. Für Betroffene sei ein Sozialplan vorgesehen; sie könnten sich zudem als Selbstständige um Lieferaufträge bewerben.
Der 36-jährige Alessandro aus Zürich arbeitet seit vier Monaten für Just Eat. Er findet das Vorhaben der Firma «schlicht unfair». Alessandro sagt: «Wenn das Modell wirklich umgestellt wird und wir nach Aufträgen arbeiten müssen, werden wir einfach zu ihren Sklaven werden.»
«Viele müssten sogar das Land verlassen»
«Ich finde es inakzeptabel, dass die Firma uns so wenig Vorlaufzeit gegeben hat», sagt die 23-jährige Just-Eat-Mitarbeitende. Sie hat die Demonstration am Manesseplatz organisiert. Sie befürchtet, dass viele ihrer Kolleginnen und Kollegen durch die potenzielle Massenentlassung ihre Wohnung verlieren – oder gar das Land verlassen müssen.
Konkret fordern die Demonstrierenden, dass der Umstieg auf das neue Geschäftsmodell widerrufen wird – «oder dass wir zumindest eine höhere Abfindung erhalten», so die 23-Jährige.
«Haben extra Velos gekauft»
Die drei Männer in Orange arbeiten seit rund drei bis vier Jahren bei Just Eat. Arlind (zweiter von links) findet, dass das Problem nicht zwingend bei Just Eat liegt, sondern darin, dass solche Geschäftsmodelle angewendet werden können. «Es braucht eine Gesetzesänderung. So etwas darf nicht zulässig sein.»
Sein Kollege Panagiotis erzählt: «Es ist wirklich keine schöne Situation. Wir haben uns sogar extra Velos für diesen Job gekauft.» Er hoffe, dass die Firma ihre Pläne überdenke, «oder uns zumindest einen besseren Sozialplan vorschlägt». Jedoch habe er nicht das Gefühl, dass dies realistisch sei.
Bestellst du manchmal Essen zu dir nach Hause?
Gewerkschaften kritisieren den Kurswechsel scharf
Für die Syndicom ist der geplante Umbau ein Angriff auf die Arbeitsbedingungen in der Branche. Just Eat habe bislang gezeigt, dass Essenslieferungen auch mit Festanstellungen, Stundenlohn und Sozialversicherungen möglich seien, hält die Gewerkschaft in einer Mitteilung fest. «Es kann nicht sein, dass ein Unternehmen Wettbewerbsvorteile erzielt, indem es Risiken auf die Kuriere verlagert und den Arbeitnehmerschutz schwächt», sagt Urs Zbinden, Zentralsekretär bei Syndicom. Falls Just Eat an Entlassungen und der Auslagerung an Subunternehmen festhalte, fordert die Gewerkschaft einen Sozialplan.
Auch die Unia reagierte mit Entsetzen auf die Ankündigung. Just Eat kopiere damit das Modell von Uber Eats, das in der Branche einen harten Konkurrenzkampf ausgelöst habe, schreibt die Gewerkschaft. Sie fordert das Unternehmen auf, sich an das Gesetz und den geltenden Gesamtarbeitsvertrag zu halten sowie auf den Einsatz von scheinselbstständigen Beschäftigten zu verzichten.
Lisa Arnold (lia) arbeitet seit März 2026 bei 20 Minuten als Praktikantin im Ressort Zürich.
Zoé Stoller (sto) arbeitet seit 2021 bei 20 Minuten und ist stellvertretende Leiterin des Ressorts Regionen.
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